In Baku herrschte Toleranz – bis die Bolschewiken kamen
Ein Blick ans Kaspische Meer um 1900 zeigt: Offene Märkte leisten mehr für ein friedliches Zusammenleben als jede Regierung.
Viele Menschen sind heute überzeugt, Toleranz sei das Produkt staatlicher Programme. Ihnen möchte ich Tom Reiss’ «The Orientalist» empfehlen, das ich kürzlich gelesen habe. Das Buch erzählt die Geschichte von Lev Nussimbaum, einem jüdischen Jungen aus Baku, der als Schriftsteller unter den Pseudonymen Essad Bey und Kurban Said bekannt wurde. Nebenbei beschreibt es eine Stadt, die zeigt, was möglich ist, wenn Menschen in Freiheit miteinander wirtschaften dürfen.
Baku um 1900 war kein Idyll. Es war roh, laut, ungleich, eine Art «Wilder Osten». Der Ölboom hatte die Stadt am Kaspischen Meer innerhalb weniger Jahrzehnte zur Weltmetropole gemacht. Armenische Ölbarone, jüdische Kaufleute, muslimische Unternehmer und europäische Ingenieure rangen täglich um Verträge und Marktanteile. Und genau darin lag das Geheimnis: Sie rangen miteinander – wirtschaftlich. Nicht gegeneinander – ethnisch oder religiös.
Der Markt ist in seiner Grundstruktur blind gegenüber Identität. Er belohnt Leistung und bestraft Vorurteile – denn wer aus religiösem Hass auf gute Geschäftspartner verzichtet, schadet sich selbst. Diese schlichte Logik schuf eine Kultur der pragmatischen Toleranz, die kein staatliches Förderprogramm erzwingen kann. Reiss beschreibt einen Islam, der uns heute fremd erscheint: weltoffen, geschäftstüchtig, bereit zur Kooperation über Glaubensgrenzen hinweg. Das war keine besondere Tugend jener Menschen. Es war die natürliche Folge einer Gesellschaft, in der wirtschaftlicher Erfolg von Kooperation abhing.
«Der Markt belohnt Leistung und bestraft Vorurteile – denn wer aus religiösem Hass auf gute Geschäftspartner verzichtet, schadet sich selbst»
Dann kamen Lenins Bolschewiken. Sie zerstörten nicht nur eine Wirtschaftsordnung. Sie zerstörten eine Lebensweise. Ihr sozialistisches Ideal klang erhaben: Gleichheit, Solidarität, gemeinsames Eigentum. In der Praxis bedeutete es Enteignung, Zwang und Terror. Und vor allem: keine Toleranz mehr. Denn in einer Gesellschaft, in der der Staat alle Ressourcen kontrolliert, wird jede Gruppe zur Konkurrentin jeder anderen um staatliche Gunst. Der Markt, der zuvor alle verbunden hatte, verschwand. Zurück blieb der Kampf um Zuteilungen – und dieser Kampf nahm schnell ethnische und religiöse Züge an.
Staatliche Programme sind der falsche Weg
Die Lehre ist von bestürzender Aktualität. Was wir heute in Europa Identitätspolitik nennen, folgt derselben Grundlogik wie der Bolschewismus – mit anderen Vorzeichen, aber gleicher Struktur: Der Einzelne wird primär als Mitglied einer Gruppe definiert. Gesellschaftliche Konflikte gelten als Kämpfe zwischen Kollektiven. Der Staat soll Gruppen bevorzugen, ausgleichen, verteilen. Das Ergebnis ist die Polarisierung, die wir allerorten beobachten. Menschen sprechen nicht mehr miteinander – sie sprechen als Gruppenvertreter aneinander vorbei.
Hier liegt die eigentliche Lehre aus Bakus Geschichte: Die Lösung für Polarisierung ist nicht noch mehr Identitätspolitik. Die Lösung ist die Rückkehr zu jenen Prinzipien, die Baku so aussergewöhnlich gemacht hatten: ein Rechtsstaat, der individuelle Freiheiten für alle garantiert. Und ein freier Markt, der Kooperation über Stammesdenken stellt.
In einer solchen Gesellschaft hat Identitätspolitik strukturell keine Chance. Nicht weil sie verboten wäre, sondern weil sie keine Funktion erfüllt. Wenn Erfolg von Leistung abhängt, nicht von staatlicher Gunst, verliert die Frage der Gruppenidentität ihre existenzielle Dringlichkeit. Meritokratie ist nicht Kälte, sie ist Emanzipation. Sie sagt dem Menschen: Du bist nicht das Opfer deiner Herkunft. Dein Schicksal liegt in deiner Hand.
Das Baku von Lev Nussimbaum ist untergegangen. Aber die Frage, die diese Stadt aufwirft, bleibt relevant: Was brauchen Menschen, um über ihre Unterschiede hinweg friedlich zusammenzuleben? Reiss’ Schilderung zeigt den Weg – und dieser lautet nicht: mehr Staat, mehr Programme, mehr Sensibilisierung. Sie lautet: mehr Freiheit, mehr Markt, mehr Eigenverantwortung. Nicht als Ideologie, sondern als nüchterne historische Erfahrung.