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Editorial


«Jetzt, mein ich, hält das Tor auf Jahr und Tag. Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.»

Wilhelm Tell, im gleichnamigen Drama von Friedrich Schiller, 3. Akt, 1. Szene

Journalisten verstehen viel vom Handwerk, denn Journalismus ist eines. Doch während sie mit Griffel und Tastatur gut umgehen können, rennen sie weit weg, wenn es einen Parkettboden zu verlegen gilt oder auch nur eine Lampe aufzuhängen. Sie sind nicht allein. Unsere ganze Dienstleistungsgesellschaft hat sich daran gewöhnt, dass immer ausreichend Leute verfügbar sind, die Hand anlegen, wenn es etwas zu tun gibt. Immer mehr von ihnen kommen aus dem Ausland, und im demokratischen Diskurs wird kaum je mit ihnen geredet und auch selten über sie, und wenn, dann mit beschönigenden Ausdrücken wie Raumpflegerin oder Entsorgungsfachkraft.

Die Sprachkosmetik soll darüber hinwegtäuschen, dass die Wertschätzung für das Handwerk fehlt. Finanziell, wenn immer die günstigste Lösung gewählt wird. Und zwischenmenschlich, wenn die geleistete Arbeit als selbstverständlich angesehen wird. Als der Staat während Corona alle ins Homeoffice schickte, mussten die Menschen auf den Baustellen und in den Pflegeheimen weiterarbeiten; eben weil sie unverzichtbare Arbeit leisten. Die Dienstleistungsgesellschaft hat sich dafür auf den Balkon gestellt und ihre Leistungen beklatscht. Keine Lohnerhöhung, aber Bravo!

Die Wahrheit, die sich während Corona angekündigt hat und nun mit künstlicher Intelligenz deutlich wird, lautet: Handwerker braucht es künftig eher als Geistesarbeiter. Erst kürzlich berichtete «Die Zeit» von einem jungen Akademiker mit Bestnoten, der erfolglos über 120 Bewerbungen verschickte und nun seit einem halben Jahr sein Einkommen vom Jobcenter bezieht. Wer also seinem Kind eine Zukunft ermöglichen will, lässt es eine Handwerkerlehre machen.

Die handwerkliche Lehre ist und bleibt für viele der ideale Einstieg ins Berufsleben. Sie ermöglicht jungen Menschen, die Herausforderungen der Privatwirtschaft mitzuerleben, und stattet sie mit echten Kompetenzen aus, die ein Leben lang brauchbar sind. Sie erreichen so rasch einen Reifegrad, eine Lebenstüchtigkeit und eine Unabhängigkeit, die ihre Kollegen, die weiterhin in die Schule gehen, übertrifft.

Wer, wie Wilhelm Tell, die Axt im Haus zu führen weiss, kann sich bei einem Erdbeben eine Notunterkunft bauen. Sollte einmal eine grosse Krise hereinbrechen, dann sind Handwerker bestens dafür ausgerüstet. Doch vermutlich dauert es noch Jahre, bis sie die Wertschätzung erhalten, die sie verdienen. Ich jedenfalls habe mir fest vorgenommen, dem nächsten Handwerker, der bei mir zu Hause auftaucht, wenn wieder einmal Not am Mann ist, ein herzliches Dankeschön auszusprechen. Und, weil das nicht genug ist, auch ein schönes Trinkgeld zu geben.

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