Die Zahlen zur Jugendkriminalität sind alarmierend – doch niemand spricht über den Elefanten im Raum
Während die Gewalt unter Jugendlichen zunimmt, scheuen politische Verantwortungsträger die Diskussion über die Ursachen. Damit ist niemandem geholfen.
Eine neue Studie des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen und der Universität Köln liest sich wie ein Alarmsignal – nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa. In den Jahren 2021 und 2022 stieg die Zahl jugendlicher Straftäter explosionsartig: bei Kindern unter vierzehn Jahren um 43 Prozent, bei Jugendlichen um ein Viertel. Besonders die Gewalt nahm dramatisch zu. Unter Elf- bis Dreizehnjährigen hat sich die Zahl der Gewaltdelikte teils verdoppelt; Mädchen holen rasant auf, und im Ruhrgebiet ist die Jugendgewalt auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren.
Die nüchterne Sprache des Berichts kaschiert eine unbequeme Wahrheit: Eine junge Generation verliert Hemmungen – und der Staat verliert den Mut, die Ursachen zu benennen. Statt von kulturellen oder religiösen Unterschieden zu sprechen, redet man von «ethnischer Vielfalt» und «veränderten Tatgelegenheiten». Nichtdeutsche Jugendliche sind gemäss der Studie zwei- bis dreimal so oft tatverdächtig wie deutsche Gleichaltrige; bei im Ausland Geborenen stieg die Zahl der Gewalttäter um über 500 Prozent. Doch die Autoren vermeiden jede Frage nach Herkunft, Religion oder Einbürgerung. Ob diese Jugendlichen erst seit kurzem Deutsche sind oder Kinder von Eltern, die aus völlig anderen Kulturen stammen – kein Wort.
Mut zur Unterscheidung
Damit bleibt der Elefant im Raum unbeachtet. Nichts wird gesagt über Religion, über kulturelle Prägungen, über Werte und Erziehungsideale. Genau dort aber liegt die Wurzel vieler Probleme. Wer nicht unterscheidet, kann auch nicht verstehen. Und wer aus Angst vor Pauschalisierung und Rassismusvorwürfen jede Differenz verschweigt, macht Integration unmöglich. Denn Zuwanderung verläuft nicht immer gleich. Es gibt Familien, die sich mühelos integrieren, und solche, die es nicht wollen oder nicht können. Eine ehrliche Analyse müsste genau das erfassen – nicht um zu stigmatisieren, sondern um gerecht zu handeln.
Doch der moderne Staat scheut diese Ehrlichkeit. Er behandelt Menschen nicht mehr als Individuen mit Verantwortung, sondern als statistische Gruppen. Und weil Religion, Familie, Disziplin und kulturelle Werte aus der Debatte verschwinden, wird Gewalt zu einem Verwaltungsproblem statt zu einem moralischen. Integration ist aber kein Formularprozess – sie ist ein kultureller Vertrag.
«Wer nicht unterscheidet, kann auch nicht verstehen. Und wer aus Angst vor Pauschalisierung und Rassismusvorwürfen jede Differenz verschweigt, macht Integration unmöglich.»
Diese Studie ist ein Warnsignal für Europa, auch für die Schweiz. Denn wir stehen vor denselben Fragen: Haben wir den Mut, Unterschiede auszusprechen? Den Mut, Religion als Faktor zu betrachten, ohne in Feindbilder zu verfallen? Den Mut, zwischen jenen zu unterscheiden, die Freiheit leben wollen – und jenen, die sie verachten?
Eine freiheitliche Gesellschaft darf sich nicht hinter Euphemismen verstecken. Sie braucht Klarheit, weil nur Klarheit Gerechtigkeit ermöglicht. Wenn wir weiter so tun, als sei alles gleich, werden wir am Ende alle gleichermassen misstrauisch beäugt.
Freiheit verlangt Mut zur Wahrheit. Und Wahrheit beginnt dort, wo man endlich über den Elefanten im Raum spricht.