Nacht des Monats mit Srdjan Papic

Nacht des Monats mit Srdjan Papic

Peter Bichsel hat den roten Vorhang beim Verlassen des Restaurant «Kreuz» schon vor Stunden letztmals beiseitegeschoben, sein Kollege Rolf Lappert lehnt sich in sandfarbenem Jackett abwesend über das Geländer am Fluss. Und Verleger Ricco Bilger tritt, sich höflich verabschiedend, die Heimreise nach Zürich an – Literaturtage in Solothurn, später Abend. Als ich mich zu Schriftsteller Matthias Nawrat an die Bierzeltgarnitur des links-grünen Literaturepizentrums der Schweiz setze, ist nicht einmal mehr die rundliche Bedienung anwesend, die den ganzen Tag Stangen, Teigwaren mit Hack und Würste jongliert, serviert, dabei geschwitzt und sich die Hände dann und wann am weissen Kittel abgewischt hat – woraus mancher Literat bei Tageslicht viel musisches Potential hätte schöpfen können. Wäre er nicht von Lesung zu Lesung, Karte zu Karte und Agent zu Agent geeilt.

«The beer here is expensive», weiss ein Herr, der mir gegenüber sitzt. Und mit starkem osteuropäischem Akzent spricht. Er trägt eine abgewetzte, etwas zu grosse Lederjacke, wenig Haupthaar, dafür eine Brille mit schwarzem Rahmen und eine billige Bauchtasche, deren Inhalt er gerade auf dem Tisch ausbreitet: Drehpapier, einen Beutel Tabak, eine Zigarettendrehmaschine und ein Plastikdöschen für die Gerollten. «Everything here is fuckin’ expensive», schiebt er nach. Er sagt «ting» statt «thing», das «fuckin’» klingt nicht so hart wie in der New Yorker U-Bahn. Srdjan Papic schüttelt mit dem Kopf und leert sein Glas, dann beginnt er mit dem Drehen von Zigaretten für den morgigen Tag. «I do this every evening», sagt er. Es ist still am Tisch, das Kontingent für aufmerksames Zuhören und Sprechen scheint erschöpft, die Schaumränder an den Innenseiten der Gläser werden lang und fadig. Der gebürtige Serbe fühlt sich dem Dialog verpflichtet – und erzählt. Von sich. Er lebt im polnischen Krakau, sagt er, und arbeitet als Dozent für Serbisch an der Universität. Schon in jungen Jahren hat der heute 35jährige Kurzgeschichten geschrieben und Bücher veröffentlicht. «Unter Milošević war das alles nicht so einfach…?», mutmasst jemand am Ende der Garnitur, leert auch das Glas. Papic nickt, das hat er verstanden. Er gab jungen Schriftstellern 2001 die Möglichkeit, über ihre Erfahrungen mit dem Regime zu schreiben. Das entstandene Bändchen wurde in mehrere Sprachen übersetzt, sagt er. «Do you know it?»

Niemand antwortet. Srdjan Papic hat nun schon fünf Zigaretten produziert, schaut sich jede von ihnen noch einmal an, steckt sie in seine Plastikbox. Als Organisator des internationalen Shortstory-Festivals «Kikinda Short» hat er letztes Jahr auch Schweizer Autoren eingeladen. Dieses Jahr kommt Papic auf Einladung der Pro Helvetia, um sein Line-up für 2012 und 2013 zusammenzustellen. «Still, it is not easy to point out the relevance of literature in Serbia. In Switzerland, it seems to me like a paradise for authors and booklovers», radebricht er. Charmant, ein Schmunzeln bei Nawrat, der als aus Polen stammender Deutscher im Juli für die Schweiz zum Bachmannlesen fahren wird. «You have time here, and money to spend for beautiful things. Like books! And so many people are interested in literature…»

Irgendwie hat er recht, der Papic, mit seiner Idee vom Literaturwunderland, auch wenn seine Eindrücke des «unabhängigen, naiven Beobachters» in bester Naipaulscher Manier zu einer völligen Fehleinschätzung führen: dieses Literaturepizentrum ist ja gar keines. Die gesellschaftlichen Wellen, die von hier ausgehen, sind in beinahe jeder Hinsicht irrelevant, das gegenseitige Schulterklopfen der Betriebsakteure ähnelt – wie in jedem Betrieb – einer inzestuösen Gruppentherapie. Gut für Papic, dass er kein Deutsch spricht, sonst wäre dem hellen Kopf sicher recht bald aufgefallen, dass in Podiumsdiskussionen immer gleiche Antworten auf die immer gleichen Fragen gegeben werden.

Es wird kalt in Solothurn. Und Srdjan Papic hat sich soeben verabschiedet, denn morgen, so sagte er, wird ein harter Tag. Wir schauen ihm nach, wie er allein – und etwas hastig – zwischen den Häusern verschwindet. «Ein lustiger Vogel», sagt Matthias Nawrat, während er leicht nickend auf sein Bierglas schaut. «Und irgendwie hat er recht.» Ja. Irgendwie.

«So spannend, dass man es gar nicht
abwarten kann, bis der Monat wieder vorbei ist.»
Hans-Werner Sinn, Ökonom,
über den «Schweizer Monat»