Lange war Italien das Sorgenkind – nun ist es plötzlich Europas Stabilitätsanker
Die traditionellen Führungsmächte Frankreich und Deutschland kämpfen mit Problemen. Die Regierung von Giorgia Meloni könnte in die Lücke springen – und zur Brückenbauerin zwischen Europa und den USA werden.
Lange galt Italien als das strukturelle Sorgenkind Europas. Politische Instabilität, fragile Institutionen und schwaches Wachstum liessen das Land im europäischen Gefüge oft als unzuverlässigen Partner erscheinen. Heute zeigt sich ein anderes Bild. Während die alten führenden Mächte Frankreich und Deutschland mit erheblichen politischen und wirtschaftlichen Problemen kämpfen, erlebt Italien eine Phase relativer Stabilität. Das wirft eine Frage auf: Könnte Rom in einer Zeit geopolitischer Umbrüche an Gewicht gewinnen?
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs galt die europäische Integration lange als Projekt zweier treibender Kräfte – des französisch-deutschen Motors. Deutschland lieferte die ökonomische Dynamik, Frankreich brachte politisches Gewicht ein, nicht zuletzt als ständiges Mitglied des UNO-Sicherheitsrates. Unter dem sicherheitspolitischen Schutz der Vereinigten Staaten bestimmten Paris und Berlin über Jahrzehnte hinweg die Richtung der europäischen Integration. Einigkeit zwischen beiden stand für Fortschritt, Uneinigkeit führte meist zu Stillstand.
Italien spielte in diesem Modell eine Nebenrolle. Ohne die wirtschaftliche Schlagkraft Deutschlands und ohne den diplomatischen Einfluss Frankreichs blieb der Handlungsspielraum begrenzt. Wiederkehrende Regierungskrisen und strukturelle wirtschaftliche Probleme verstärkten den Eindruck eines politisch wenig verlässlichen Partners.
Der deutsch-französische Motor stottert
Die geopolitische Ausgangslage hat sich jedoch grundlegend verändert. Die internationale Ordnung befindet sich im Umbruch. Die Vereinigten Staaten zeigen sich zunehmend weniger bereit, Europa in der bisherigen Form sicherheitspolitisch zu dominieren. Gleichzeitig wird deutlich, dass der deutsch-französische Motor allein nicht ausreicht, um Europa zu einem eigenständigen geopolitischen Akteur zu machen.
Im Unterschied zu globalen Mächten wie den Vereinigten Staaten, China oder Russland fehlt der Europäischen Union weiterhin die Fähigkeit zu kohärenter strategischer Machtprojektion. Entscheidungsprozesse bleiben fragmentiert, gemeinsame Interessen lassen sich nur schwer bündeln. Die Folge ist ein wachsendes strategisches Vakuum. Gerade in diesem Umfeld geraten Frankreich und Deutschland selbst unter Druck.
«Der deutsch-französische Motor allein reicht nicht aus, um Europa zu einem eigenständigen geopolitischen Akteur zu machen.»
Deutschland steht vor strukturellen wirtschaftlichen Problemen. Das exportorientierte Wirtschaftsmodell, das lange von günstiger Energie aus Russland und von engen Handelsbeziehungen mit China profitierte, ist durch die geopolitischen Verwerfungen der vergangenen Jahre erschüttert. Der Wegfall russischer Energieimporte und die Unsicherheit auf den globalen Märkten setzen vor allem energieintensive Industrien unter Druck. Das Wirtschaftswachstum und die industrielle Dynamik haben spürbar nachgelassen. Hinzu kommt eine wachsende innenpolitische Polarisierung. Das traditionelle Parteiensystem gerät unter Druck, während neue politische Kräfte an Zulauf gewinnen. Regierungsbildungen werden zunehmend komplizierter, strategische Entscheidungen lassen sich schwieriger treffen.
Frankreich kämpft mit anderen strukturellen Spannungen. Hohe Staatsverschuldung, wiederkehrende soziale Proteste und sinkende Zustimmungswerte für Präsident Emmanuel Macron prägen das innenpolitische Klima. Das Rassemblement National von Marine Le Pen ist zur stärksten politischen Kraft im Land aufgestiegen, bleibt jedoch weiterhin von der Regierungsverantwortung ausgeschlossen. Diese Konstellation verstärkt das Gefühl der politischen Blockade und verschärft die Spannungen in der Gesellschaft. Im Vergleich dazu wirkt Italien derzeit überraschend stabil.
Vermittler statt Dominator
Zwar wurde auch die italienische Wirtschaft von Inflation und Energiepreisschocks getroffen. Dennoch präsentiert sich die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni innenpolitisch relativ gefestigt. Sie verfügt über eine parlamentarische Mehrheit und über eine politische Legitimität, die vergleichbare rechte Parteien in Deutschland oder Frankreich nicht besitzen.
Diese Stabilität ist nicht allein das Ergebnis der aktuellen Regierung. Seit den 1990er-Jahren hat sich das italienische politische System schrittweise an breitere Koalitionen und pragmatische Machtarrangements angepasst. In der aktuellen internationalen Lage kann diese Flexibilität zu grösserer politischer Handlungsfähigkeit beitragen. Auch wirtschaftlich zeigt Italien eine gewisse Resilienz. Nach dem starken Einbruch während der Pandemie im Jahr 2020 hat sich die Volkswirtschaft schneller erholt als erwartet. Das Wachstum bleibt moderat, aber stabil.
Geopolitisch versucht Rom, daraus eine strategische Rolle abzuleiten. Italien positioniert sich zusehends als möglicher Vermittler zwischen Europa und den USA. Die Regierung verfolgt dabei eine doppelte Strategie. Einerseits pflegt sie enge Beziehungen zur Regierung von Donald Trump, deren politisches Umfeld ideologisch in Teilen mit der italienischen Rechten kompatibel ist. Andererseits bemüht sich Rom, seine Verankerung innerhalb der EU nicht in Frage zu stellen.
«In einer fragmentierten Ordnung könnte Italien an Gewicht gewinnen – weniger als neuer Motor Europas, sondern als politischer Knotenpunkt zwischen Nord- und Südeuropa, zwischen Mittelmeerraum und Atlantik, zwischen Washington und Brüssel.»
Diese Balance ist auch wirtschaftlich notwendig. Besonders Norditalien ist eng in die industriellen Wertschöpfungsketten Deutschlands eingebunden. Ein Bruch mit der europäischen Integration würde die italienische Wirtschaft unmittelbar treffen. Rom versucht daher, eine vermittelnde Rolle einzunehmen. Die Regierung präsentiert sich gegenüber Washington als Ansprechpartner, der zugleich die europäischen Interessen artikulieren kann. Angesichts der angespannten transatlantischen Beziehungen könnte diese Position an Bedeutung gewinnen.
Allerdings bleiben die Grenzen dieser Rolle klar. Italien ist keine Grossmacht. Weder militärisch noch wirtschaftlich verfügt das Land über die Ressourcen, um die strategische Richtung Europas massgeblich zu bestimmen. Hohe Staatsverschuldung, demografische Probleme und strukturelle Schwächen der Industrie beschränken den Handlungsspielraum. Gerade darin könnte jedoch eine besondere Stärke liegen: weniger in Dominanz als in Vermittlung.
Das Land könnte Einfluss gewinnen, indem es zwischen stärkeren Akteuren manövriert. Seine geografische Lage im Mittelmeerraum, seine industrielle Verflechtung mit Mitteleuropa und die historischen Beziehungen zu den USA eröffnen begrenzte, aber reale strategische Spielräume. Wahrscheinlich entsteht in Europa jedoch keine neue dominante Grossmacht. Vielmehr deutet vieles auf eine fragmentiertere Ordnung hin, in der je nach Situation unterschiedliche Länder das Zepter übernehmen. In einer solchen Konstellation könnte Italien an Gewicht gewinnen – weniger als neuer Motor Europas, sondern als politischer Knotenpunkt zwischen Nord- und Südeuropa, zwischen Mittelmeerraum und Atlantik, zwischen Washington und Brüssel.