Du musst dein Leben ständig ändern!

Wenn die Moderne auch eine Ansammlung von Erfolgsgeschichten darstellt, dann deshalb, weil sie das unternehmerische Moment entdeckt hat. Nachhaltig agiert nicht, wer nach Erhaltung des Bestehenden strebt. Nachhaltig sind jene, die es auf Investition und Innovation abgesehen haben.

Du musst dein Leben ständig ändern!
Peter Sloterdijk, photographiert von René Scheu.

Seit der Wende zum evolutionistischen Denken des 19. Jahrhunderts haben sich die Modernen daran gewöhnt, ihre wesentlichen Geschichten in Form von Erfolgsgeschichten zu erzählen. So etwa verkörpern die modernen europäischen Nationalstaaten die Erfolgsgeschichte des Wohlfahrtsprinzips, ohne welches man sich menschliches Zusammenleben in zivilisierten Gemeinwesen kaum noch vorstellen kann. Daneben stellt die moderne Konsumgesellschaft in ihrem aktuellen Zustand die Erfolgsgeschichte der Industriellen Revolution dar, deren grösste Leistung in der epochalen Senkung der Stückpreise für Massengüter besteht. Wählt man einen etwas breiteren Betrachtungswinkel, so erscheint in einer Vielzahl menschlicher Kulturen seit dem Neolithicum die Erfolgs­geschichte des Ackerbaus – die zugleich die Geschichte der züchterischen Manipulation von Pflanzenerbgut bedeutet. In sie ist die Erfolgsgeschichte der Domestikation von Hunden, Pferden, Rindern, Schafen, Ziegen, Geflügel und sonstigen sogenannten Haustieren eingebettet.

Bei noch weiterer Ausdehnung des Horizonts erscheinen sämtliche Kulturen auf der Erde als Erfolgsgeschichten der Sprachen, dank welcher sich die Menschen als Angehörige der symbolic species ihrer Umwelten bemächtigen. Hiervon sind die Erfolgsgeschichten der Werkzeuge untrennbar, deren Gebrauch bis an die Schwelle der animalischen Evolution zurückreicht. Weitet man die Betrachtung in biologische und organgeschichtliche Dimensionen aus, so stellt sich das menschliche Dasein insgesamt als ein Resultat aus der gemeinsamen Erfolgsgeschichte von Hand und Auge dar – obendrein als die Erfolgsgeschichte des aufrechten Gangs, der seine statische Unwahrscheinlichkeit durch die Synergie von Hand und Fuss bzw. von Gehirn und Technik kompensiert. Schliesslich lassen sich alle Gattungen und Spezies von Leben als Erfolgsgeschichten der Sexualität bzw. von nichtsexuellen Replikationsverfahren begreifen. In letzter Instanz ist das Prinzip Leben selbst identisch mit der Erfolgsgeschichte der ersten Zelle, mit deren geglückter Teilung die Kaskade der Weitergabe von «Erbinformationen» begann.

Aus diesen Überlegungen lässt sich ein allgemeiner Begriff von Erfolg ableiten: Erfolgreich – im Sinn der evolutionären Logik – ist, was über Replikationskompetenz verfügt – und zwar so, dass die Kompetenz durch Performanz bestätigt wird. Der Ausdruck «Erfolg» bezeichnet hier ein generatives Prinzip, in dem sich die ewige Wiederkehr des Gleichen mit der Fähigkeit zum Wandel durch Anpassung verbindet. Durch Stabilität und Variation erlangen einzelne Lebensformen die Fähigkeit, sich im Wettbewerb der genetischen Egoismen zu erhalten. Die Wiederholung erscheint in diesem Licht als das Heilmittel gegen Tod und Untergang. Je länger eine Erhaltungsreihe sich ausdehnt, desto ausgeprägter ist die success story. Das Erfolgsmass liegt in der Zahl der geglückten adaptiven Replikationen. Misserfolg bedeutet das Abreissen der reproduktiven Kette: Er führt zum Ausscheiden von Individuen und Arten aus dem Ensemble der Lebensformen, die die Spielfelder der Koexistenz bevölkern. In dieser Hinsicht besitzt Erfolg unmittelbar die Qualität eines Gottesurteils: Dieses unterscheidet zwischen Recht und Unrecht wie zwischen Sein und Nichtsein. Was immer noch da ist, hat evolutionär gesehen «recht». Es hat sich durch seine bisherige Erfolgsgeschichte die Anwärterschaft auf weiteren Fortbestand «verdient». Da aber bei jeder Weitergabe erneut das unteilbare Risiko des Scheiterns auftritt, ist die Fortsetzung von noch so langen Erfolgsgeschichten niemals im voraus garantiert. Nur die weitere Entwicklung kann zeigen, ob die bisherigen Erfolgstechniken, seien sie biologischer, technischer oder symbolischer Natur, hinreichend effizient sind, um in der nächsten Runde des Replikationsdramas zu bestehen.

Investitionen

Mit dem Auftauchen der Geldwirtschaft im europäischen Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit treten neue Akteure ins Feld der Überlebensspiele ein – zunächst unter der Form von Manufakturen, Banken und Handelshäusern. Von diesen haben sich die allerwenigsten bis in die Gegenwart zu erhalten vermocht, so etwa die Bank Monte dei Paschi di Siena, die, 1472 gegründet, als das älteste Bankhaus der Welt gilt und noch immer als eines der erfolgreichsten Geldinstitute Italiens geführt wird. Gleich wie man diese Einheiten bezeichnen möchte – ob als Firmen, als Unternehmen, als Gesellschaften, als Eigentumsverbände, als Kapitalbetriebe, als Familien1

Nur öko ist nicht nachhaltig
Rudolf Wehrli, photographiert von Giorgio von Arb.
Nur öko ist nicht nachhaltig

Schon Wilhelm Tell wusste, was nachhaltiges Handeln ist. Heute ist das Wort in aller Munde, seiner vollen Bedeutung aber sind wir uns kaum bewusst: «Nachhaltigkeit» ist ein komplexer ökonomisch-sozio-ökologischer Dreiklang. Den Grundton muss die Ökonomie angeben, denn Nachhaltigkeit ist wirtschaftlich oder sie ist nicht.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»