Sind Sie nachhaltig?

Oder tun Sie nur so?

Sind Sie nachhaltig?
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Die Verfasser der neuen Bundesverfassung waren ihrer Zeit voraus. Oder waren sie bloss dem neuen Zeitgeist verfallen? In Artikel 2 der Bundesverfassung von 1999 wird das Nachhaltigkeitsprinzip jedenfalls gleich doppelt erwähnt, einmal explizit und einmal implizit.

Explizit in Absatz 2:

Die Schweizerische Eidgenossenschaft «fördert (…) die nachhaltige Entwicklung (…) des Landes.»

Implizit in Absatz 4:

«Sie setzt sich ein für die dauerhafte Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen (…).»

Auch wenn der Begriff seit einigen Jahren gern rein etatistisch und zur Legitimierung staatlicher Unterstützungsleistungen verwendet wird: Im Grunde ist Nachhaltigkeit ein urunternehmerisches Prinzip subventionsfreien Wirtschaftens. Es bedeutet zuerst einmal nichts anderes als das Bestreben, alle externen Effekte in die Wirtschaftsrechnung einzubeziehen. Oder weniger technisch ausgedrückt: Es bedeutet, nicht auf Kosten anderer zu wirtschaften und zu leben. In Anlehnung an die Definition des UNO-Berichts von 1987 (unter der norwegischen sozialistischen Vorsitzenden Gro Harlem Brundtland) liesse sich ein Nachhaltigkeitsimperativ wie folgt formulieren: Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen das derzeitige und künftige Potential, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, nicht verringern, sondern vergrössern. Einer solchen Definition geht alles Religiöse und Zwanghafte ab. Die folgenden Seiten rehabilitieren den Begriff in diesem Sinne.

 

Die Reaktion

Nur öko ist nicht nachhaltig
Rudolf Wehrli, photographiert von Giorgio von Arb.
Nur öko ist nicht nachhaltig

Schon Wilhelm Tell wusste, was nachhaltiges Handeln ist. Heute ist das Wort in aller Munde, seiner vollen Bedeutung aber sind wir uns kaum bewusst: «Nachhaltigkeit» ist ein komplexer ökonomisch-sozio-ökologischer Dreiklang. Den Grundton muss die Ökonomie angeben, denn Nachhaltigkeit ist wirtschaftlich oder sie ist nicht.

Herfried Münkler (Humboldt Universität, Berlin) Foto: Stephan Röhl, http://www.stephan-roehl.de
«In einer schnelllebigen Zeit,
in der ‹Eine Meinung haben› allzu leicht mit ‹Ein Argument vorbringen› verwechselt wird,
ist eine Zeitschrift wie der MONAT unverzichtbar, die sich dem gründlichen Bedenken und Durchdenken von Möglichkeiten und Perspektiven politischen Handels verpflichtet fühlt.»
Herfried Münkler, Professor für Politikwissenschaft,
über den «Schweizer Monat»