Nur öko ist nicht nachhaltig

Schon Wilhelm Tell wusste, was nachhaltiges Handeln ist. Heute ist das Wort in aller Munde, seiner vollen Bedeutung aber sind wir uns kaum bewusst: «Nachhaltigkeit» ist ein komplexer ökonomisch-sozio-ökologischer Dreiklang. Den Grundton muss die Ökonomie angeben, denn Nachhaltigkeit ist wirtschaftlich oder sie ist nicht.

Nur öko ist nicht nachhaltig
Rudolf Wehrli, photographiert von Giorgio von Arb.

1. Einleitung

Der Begriff der Nachhaltigkeit hat Konjunktur. Von der aufstrebenden grünen Partei vor etwa zwanzig Jahren erfolgreich in die politische Debatte eingeführt, wurde er bald im gesamten linken politischen Spek­trum zu einem zentralen Begriff der Zähmung der Wirtschaft. Und obwohl ihm daher immer noch das Image eines links-grünen Begriffs anhaftet (wobei vergessen geht, dass einzelne Exponenten bürgerlicher Parteien ihn gleichzeitig ins Spiel brachten), ist er spätestens seit der Jahrtausendwende auch in der Wirtschaftswelt zu einem Leitbegriff erhoben worden. Zahlreiche Unternehmen, insbesondere Publikumsgesellschaften, erarbeiten im Rahmen ihres Geschäftsberichtes einen «Sustainability Report» oder publizieren einen solchen sogar als eigenständigen Bericht, der in Inhalt und Erscheinungsbild dem Geschäftsbericht durchaus ebenbürtig ist. Indessen: trotz dieser beeindruckenden Karriere in den letzten Jahren ist der Begriff immer noch sehr stark und einseitig vom Aspekt der Ökologie geprägt, obwohl er eine viel umfassendere Bedeutung auch im ökonomischen und sozialen Sinne in sich trägt. Ein Blick auf seine Geschichte soll dies erläutern.

2. «Nachhaltigkeit»: vor 300 Jahren in der Forstwirtschaft eingeführt

Im deutschen Sprachraum lässt sich der Begriff der Nachhaltigkeit zum ersten Mal im Jahre 1713 nachweisen, und zwar in einer Schrift zur Forstwirtschaft. Der sächsische Forstbeamte Carl von Carlowitz (1645–1714) schrieb in seiner «Sylvicultura oeconomica» den zentralen Satz, «…dass es eine continuierliche, beständige und nachhaltende Nutzung gebe, weil es eine unentbehrliche Sache ist, ohne welche das Land in seinem Esse (i.e. Dasein) nicht bleiben mag». Der Satz bringt eine Einsicht auf den Punkt, die in der Landwirtschaft nicht weniger als in der Forstwirtschaft seit Jahrhunderten präsent war: das Bewusstsein nämlich, dass dem Wald und der Natur als Bedingung der Möglichkeit künftigen Lebens und Wirtschaftens Sorge zu tragen sei – auch im Interesse des Menschen; es ist das Bewusstsein, das knappe hundert Jahre nach Carlowitz Wilhelm Tell seinem Sohn Walter in Schillers Worten die Schutzfunktion des Waldes erklären lässt: «So ist’s, und die Lawinen hätten längst / den Flecken Altdorf unter ihrer Last / verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht / als eine Landwehr sich dagegenstellte.» (Wilhelm Tell, 3. Akt, 3. Szene)

Vor dem Hintergrund dieses Bewusstseins – zumal in den Bergregionen – ist es wohl kein Zufall, dass die Schweiz im Jahre 1876 das erste Forstgesetz erlässt, mit dem Ziel, der ungezügelten Abholzung Schranken zu setzen und den Gebirgswald auch für die Zukunft zu schützen. Es mag auch ein später Nachklang dieses Bewusstseins gewesen sein, der vor dreissig Jahren viele Zeitgenossen mit grosser Sorge um das Waldsterben erfüllte.

Bis dahin allerdings waren in der Aufbau- und Wachstumsphase nach dem Zweiten Weltkrieg Umweltschutzgedanken in den Hintergrund gerückt. Zwar hatte der Club of Rome 1972 die «Grenzen des Wachstums» thematisiert, die kurz darauf folgende Rezession der Jahre 1974/75 verlangte aber in den westlichen Industriestaaten gebieterisch neues Wachstum und liess dessen Grenzen vergessen. Erst der Bericht der Brundtland-Kommission im Jahre 1987 setzte das Thema wieder auf die Agenda – und diesmal in einer erweiterten, präzisen, heute und für alle Zeiten gültigen Definition des Begriffs der Nachhaltigkeit: «Nachhaltig ist eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.»

Damit war Nachhaltigkeit von ihrer eindimensionalen Ausrichtung auf den Umweltschutz befreit und erweitert auf ein allumfassendes Konzept, in dem die ökonomische Perspektive gleichwertig neben die soziale und die ökologische tritt. Dieser Dreiklang der Nachhaltigkeit macht deutlich, dass ökologische Nachhaltigkeit nicht ohne die ökonomische und soziale zu haben ist – und umgekehrt. Die drei sind nicht allein gleichwertig, sondern hängen auch aufs engste miteinander zusammen. Auf der Basis dieser umfassenden und gültigen Definition sollen die folgenden Überlegungen entwickelt werden.

3. Nachhaltigkeit ökonomisch

Bei der Erfüllung der Bedürfnisse der heutigen Generation…

Nur öko ist nicht nachhaltig
Rudolf Wehrli, photographiert von Giorgio von Arb.
Nur öko ist nicht nachhaltig

Schon Wilhelm Tell wusste, was nachhaltiges Handeln ist. Heute ist das Wort in aller Munde, seiner vollen Bedeutung aber sind wir uns kaum bewusst: «Nachhaltigkeit» ist ein komplexer ökonomisch-sozio-ökologischer Dreiklang. Den Grundton muss die Ökonomie angeben, denn Nachhaltigkeit ist wirtschaftlich oder sie ist nicht.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»