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Venezuela ohne Maduro: Die Diktatur hat ihren Kopf verloren, aber noch nicht ihr brutales Gesicht

Das Ende von Nicolás Maduro gibt den Venezolanern Hoffnung auf Freiheit. Doch die Schergen des Regimes verbreiten weiter Angst und Schrecken. Eindrücke aus einem Land, das den Atem anhält.

Venezuela ohne Maduro: Die Diktatur hat ihren Kopf verloren, aber noch nicht ihr brutales Gesicht
Caracas im Morgengrauen, zwischen dem Ende eines Regimes und einer noch ungewissen Zukunft. Foto: Paolo Costa Baldi / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0).

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US-amerikanische Streitkräfte haben Nicolás Maduro aus seinem Bunker in einer militärischen Festung in Caracas geholt. Derweil sitzt Kennedy Tejeda, ein Menschenrechtsaktivist, weiterhin in einem Gefängnis des Regimes. Der Diktator ist gefallen. Die Diktatur liegt im Todeskampf – doch sie atmet noch.

Tejeda, 25 Jahre alt, wurde am 2. August 2024 inhaftiert, drei Tage nach der Präsidentschaftswahl. Festgenommen wurde er in Montalbán, einer Ortschaft im Zentrum Venezuelas, die wegen ihres kühlen Bergklimas als «die Schweiz der Region» gilt. Der junge Jurist und Aktivist der Organisation Foro Penal, die sich für politische Gefangene einsetzt, begab sich freiwillig zum Kommando der Bolivarischen Nationalgarde, um eine Gruppe junger Demonstranten rechtlich zu unterstützen, die wegen Protesten gegen den Wahlbetrug verhaftet worden waren. Edmundo González hatte die Wahl gewonnen. Die Anklage lautet: Terrorismus und Aufstachelung zu Hass. Zugang zu privater Verteidigung gibt es nicht.

Tejeda ist einer von 863 politischen Gefangenen in Venezuela. Kurz vor Morgengrauen am 3. Januar, als sich die Nachricht von Maduros Verhaftung im Rahmen der Operation «Absolute Resolve» verbreitete, schrieb ich seiner Mutter, Kennia Jiménez. Sie antwortete mir mit einer jener WhatsApp-Sprachnachrichten, die sich nach dem Abhören selbst löschen: «Der Tag der Freiheit rückt näher. Gott ist gross und weiss, wie man seine Werke vollendet.»

«Der Tag der Freiheit rückt näher»

Unklare Rolle der «colectivos»

Venezuela befindet sich in einem Zustand maximaler Instabilität. Mit jedem Tag, beinahe mit jeder Stunde kommen neue Ungewissheiten hinzu. Gleichzeitig klären sich mit derselben Geschwindigkeit Teile eines hochkomplexen Bildes. Formal wird das Land zurzeit von Maduros ehemaliger Vizepräsidentin Delcy Rodríguez geführt, die ihrerseits unter der Aufsicht von US-Aussenminister Marco Rubio steht.

Die Vereinbarung zwischen Rodríguez und den Vereinigten Staaten überrascht nicht. Diese Option wurde Monate zuvor von Journalisten kolportiert, die mit den amerikanischen Plänen vertraut waren. Es ist offenkundig, dass ein Pakt geschlossen wurde. Trumps Kalkül ist, dass Rodríguez ihm – unter dem richtigen Druck – erspart, die Tür von innen aufbrechen zu müssen. Unklar bleibt jedoch, ob die Nummer zwei des Chavismus tatsächlich in der Lage sein wird, alle Vereinbarungen umzusetzen. Oder präziser: ob ihr das bewaffnete Machtgefüge dies erlauben wird, die Streitkräfte, Polizei- und Geheimdienste ebenso wie die paramilitärischen Gruppen, die sogenannten colectivos.

In den ersten Stunden nach Maduros Festnahme feuerte die nun amtierende Interimspräsidentin ihre gewohnte verbale Salve gegen den «imperialismo yanqui». Trump reagierte mit einer direkten Warnung: Sollte sie nicht kooperieren, drohe ihr ein schlimmeres Schicksal als jenes des Nachfolgers Hugo Chávez’, der heute in einem Gefängnis in New York sitzt, angeklagt vor einem Bundesgericht wegen der Leitung eines internationalen Drogenhandelsnetzwerks, Narco-Terrorismus und des systematischen Missbrauchs venezolanischer Staatsinstitutionen zum Kokainschmuggel in die USA.

Nach dieser Warnung nahmen die Entwicklungen rasch konkrete Formen an. Am 7. Januar bestätigte der staatliche Ölkonzern Petróleos de Venezuela, was das US-Energieministerium Stunden zuvor bekanntgegeben hatte: Die Vereinigten Staaten haben die Kontrolle über den Verkauf venezolanischen Rohöls übernommen. Am selben Tag formulierte die Sprecherin des Weissen Hauses, Karoline Leavitt, die Position der Trump-Regierung unmissverständlich: «Wir stehen in engem Austausch mit den Übergangsbehörden Venezuelas. Wir haben maximalen Einfluss auf sie, und ihre Entscheidungen werden weiterhin von den Vereinigten Staaten bestimmt.»«Zahlt sonst noch jemand das Gas?»

Der Repressionsapparat ist weiterhin aktiv und tut, was er immer getan hat: Angst verbreiten. Ein in letzter Minute in das Dekret über den «äusseren Ausnahmezustand» eingefügter Artikel, den Maduro vorsorglich unterzeichnet haben soll, verpflichtet alle Polizeibehörden, «jede Person zu suchen und festzunehmen, die an der Förderung oder Unterstützung des bewaffneten Angriffs der Vereinigten Staaten beteiligt ist». An der Spitze dieses tödlichen Apparats stehen Verteidigungsminister Vladimir Padrino López und Innenminister Diosdado Cabello. Beide sind auf der Flucht vor der US-Justiz.

Was vom Regime übrig ist, bemüht sich, Ruhe zu vermitteln, Normalität vorzutäuschen. Doch die Realität ist von extremer Spannung geprägt. So gross, dass diesmal selbst die chavistische Basis den eindringlichen Aufrufen der Führung nicht gefolgt ist, die Strassen zu besetzen, um gegen die «Entführung» ihres Anführers zu protestieren.

Marta wirkt orientierungslos. Weniger als eine Woche ist seit Maduros Verhaftung vergangen, und sie weiss nicht weiter. Als jefa de calle («Strassenchefin») einer Gemeinde in Montalbán ist sie für die sogenannten zuständig, lokale Komitees für Versorgung und Produktion. Sie organisiert die Verteilung subventionierter Lebensmittel und sozialer Programme und übermittelt offizielle Regierungsinformationen an ihre Nachbarn. Doch eine Woche nach dem amerikanischen Angriff habe sie keinerlei Anweisungen oder Erklärungen von ihren Vorgesetzten erhalten. Marta lebt in einem Viertel ohne verlässliche Strom- oder Internetversorgung. Ihr Einkommen aus dem sogenannten «Kriegsbonus», den das Regime in Bolívares auszahlt und der von der Inflation aufgefressen wird, liegt bei rund 60 Dollar im Monat.

Maduro-Vermögen in der Schweiz

«Ich bin kein Magnat und strebe keinen materiellen Reichtum an», sagte Maduro am 29. Dezember bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte. «Ich habe nur ein einziges Konto, ein kleines Sparkonto, auf das mein Präsidentengehalt überwiesen wird. Ich verdiene zwei Petros, aber von dem Geld sehe ich nichts, denn wenn ich es abheben will, hat Cilita (Frau von Nicolás Maduro, Anm. d. Red.) es schon genommen, um ein paar Dinge zu kaufen.» Ein Petro ist die vom Regime geschaffene Kryptowährung, deren Kurs bei etwa 60 Dollar liegt.

Die Schweiz scheint über andere Informationen zu verfügen. Am 5. Januar, nur zwei Tage nach Maduros Sturz, kündigte der Bundesrat das Einfrieren sämtlicher Vermögenswerte an, die der Ex-Herrscher und ihm nahestehende Personen in der Schweiz halten. Am selben Tag berichtete Reuters unter Berufung auf Schweizer Zolldaten, dass Venezuela in den ersten Jahren von Maduros Amtszeit seit 2013 Gold im Wert von rund 5,2 Milliarden Dollar in die Schweiz transportiert habe. Die in helvetischen Tresoren gelagerten Vermögenswerte, deren genaue Höhe unbekannt ist, sind nur ein Teil, aber ein zentraler Teil der Antwort auf die Frage, weshalb das Regime trotz Maduros Sturz fortbesteht: die massive Bereicherung der Diktaturelite, insbesondere des Militärs.«Tage nach Maduros Sturz, kündigte der Bundesrat das Einfrieren sämtlicher Vermögenswerte an»

Die internationale Recherche Suisse Secrets, koordiniert vom Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) und der «Süddeutschen Zeitung», zeigte, dass die grösste Gruppe von Kunden der Credit Suisse aus Personen besteht, die in Venezuela geboren wurden oder dort ihren Wohnsitz angaben. An der zehnteiligen Recherche waren 48 Medien weltweit beteiligt, darunter Armando.info und Efecto Cocuyo, zwei der wenigen investigativen Redaktionen, die in Venezuela trotz Blockade überleben. Ein Beitrag widmet sich dem ehemaligen Direktor der politischen Polizei Disip, Carlos Aguilera, dem Konten im Umfang von 8,6 Millionen Dollar nachgewiesen wurden.

Nora, die Ehefrau eines Angehörigen der Bolivarischen Miliz, dem fünften Teil der Streitkräfte, hat Angst. Ihr Mann war im Fuerte Tiuna, als das Gelände bombardiert wurde, um Maduro festzunehmen. «Er hat die Toten gesehen», sagt sie, sichtlich erschüttert. Sie spricht stets nur für sich, nie für ihn. Auf die Frage, was er jetzt denke, antwortet sie, sie wisse es nicht. Sie wisse nur, dass man ihn seit der verhängnisvollen Morgendämmerung des 3. Januar pausenlos von einem Einsatz zum nächsten schicke. Warum er geblieben sei, warum er weiterhin dem Regime diene? «Weil seine Vorgesetzten eine Mafia sind, und aus einer Mafia kommt man nicht heraus. Das sind Verbrecher mit riesigen Geschäften. Mafias ergeben sich nicht», sagt sie.

«Das Monster lebt noch»

«Dass die Freude über diesen historischen Moment so gedämpft ist, zeigt nur, dass das Monster, obwohl verwundet, noch lebt», schrieb eine bekannte Journalistin auf X, aus einem Dorf mit helvetischen Anwandlungen. Das Monster lebt noch. Doch die allgemeine Wahrnehmung, selbst unter den Anhängern der Regierung, ist, dass die Tage des Regimes gezählt sind. Diese Erwartung wächst, je deutlicher das Regime seine Vereinbarung mit den Vereinigten Staaten bestätigt.

«Die allgemeine Wahrnehmung, selbst unter den Anhängern der Regierung, ist, dass die Tage des Regimes gezählt sind.»

«Wir beginnen das Jahr mit dem rechten Fuss», sagt Doris, eine Pädagogin, die eine eigene kleine Gemeinschaftsschule leitet, einen von Zehntausenden freien Bildungsräumen, die in Venezuela spontan entstanden sind. Sie sagt dies im Zusammenhang mit einem scheinbar unverbundenen Thema, doch es ist klar, worauf sie anspielt.

Es ist jene «vorsichtige Hoffnung», von der der venezolanische Menschenrechtsaktivist und Direktor der Human Rights Foundation, Thor Halvorssen, spricht. In einem am 7. Januar in der «New York Times» veröffentlichten Beitrag prognostizierte der Gründer des Oslo Freedom Forum die Implosion des Regimes und das Scheitern der Bemühungen der «eisernen Vizepräsidentin Maduros».

Die Wahl vom 28. Juli 2024, an der die spätere Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado nicht teilnehmen durfte, wurde von Edmundo González mit 67 Prozent der Stimmen gewonnen. Auch Machado unterstützte ihn. Maduro erkannte das Ergebnis nicht an, obwohl die Opposition die Wahlprotokolle sichern konnte, und zog die totalitären Schrauben weiter an.

US-Aussenminister Marco Rubio skizzierte drei Phasen des Venezuela-Plans: Stabilisierung, Erholung und Übergang. Bis zu welcher dieser Phasen Delcy Rodríguez gelangen soll, liess er offen.

Derzeit kursieren hartnäckige, bislang unbestätigte Berichte, wonach das Regime begonnen haben soll, sein berüchtigtstes Haft- und Folterzentrum El Helicoide zu schliessen. Kennia Jiménez, die Mutter von Kennedy Tejeda, bekämpft ihre Angst, indem sie erzählt, was ihr Sohn ihr versprochen hat, für den Moment seiner Freilassung aus dem berüchtigten Gefängnis Tocorón: «Mama, sobald sich dieses Tor öffnet, fahre ich an den Strand.»

 

Aus dem Spanischen übersetzt von Alex Buxeda.

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