Ob anonym oder nicht: Banksy macht die Welt hässlicher
Der Graffiti-Künstler ist enttarnt worden, doch das Phänomen bleibt für mich ein Rätsel: Warum wird ein Künstler für illegale Praktiken gefeiert, während andere zeitlebens vergeblich um Anerkennung kämpfen?
Mit der Enthüllung, dass Banksy tatsächlich derjenige ist, für den man ihn seit Jahrzehnten gehalten hat, sind drei Reuters-Journalisten wahrscheinlich gerade in die Geschichte des Investigativjournalismus eingegangen: Es war die weltweit am häufigsten geteilte Newsmeldung – und zugleich diejenige, deren Details am wenigsten im Gedächtnis bleiben.
«Ist es wirklich notwendig, mehr über die Identität des bekanntesten
Unbekannten der Welt zu erfahren?»
In ein paar Wochen werden wohl alle den richtigen Namen von Banksy vergessen haben. Im Grunde spielt es keine Rolle, ob er Robin Gunningham oder David Jones heisst. Denn sehr schnell verlagerte sich die Debatte auf eine andere Frage, die diese Enthüllung aufwarf: Ist es wirklich notwendig, mehr über die Identität des bekanntesten Unbekannten der Welt zu erfahren?
Banksy und die Medien spielten dieses kleine Spiel seit Jahren mit einer gewissen Koketterie. Der Künstler, der sich gerne als systemkritisch sieht, wurde in Wirklichkeit von sämtlichen Mainstream-Medien unterstützt, und seine Anonymität wurde im Dienst eines klickgenerierenden Dauerbrenners toleriert. Mit seiner Enthüllung bricht Reuters die lockere Atmosphäre, die um den Künstler schwebte.
Hartes Los für Fassadenreiniger
Banksy stellte zwar für niemanden eine Gefahr dar, fesselte aber die breite Öffentlichkeit mit seinen Werken, deren Inhalt den Zeitgeist mit wenig subtiler Raffinesse aufgriff. In einem Podcast zu dem Fall räumt Julie Bawin, Professorin für zeitgenössische Kunstgeschichte an der Universität Lüttich, ein, dass Banksys Performances technisch nichts Neues gebracht hätten. Er bedient sich gängiger und leicht nachahmbarer Techniken. Neu ist seine seit rund dreissig Jahren andauernde illegale Praxis der Street Art, die er von einer unbedeutenden Praxis in eine tolerierte verwandelt hat, was sich positiv auf die Preise der Werke auswirkt.
Trotz Angeboten öffentlicher Stellen, die ihn einluden, seine Graffiti an genehmigten Orten zu sprühen, wollte er in der Illegalität bleiben und selbst entscheiden, welchen Ort er nutzen und damit ohne Genehmigung beschmieren möchte. Das bleibt nicht ohne Folgen. Während seine Werke mehrheitlich geschätzt werden, finden die seiner Anhänger, die mittlerweile überall auf der Welt glauben, das Besprühen fremder Wände sei eine erstrebenswerte Praxis, weniger Anklang. So führt das Phänomen Banksy zu einer Reihe von Sachbeschädigungen, die durch die Anonymität ermöglicht werden. Überall auf der Welt können Fassadenreiniger, die gerufen werden, um das neueste Graffiti eines Nachahmers zu beseitigen, heute einen Namen nennen, der ihnen seit dreissig Jahren das Leben schwer macht.
Sie werden es verstanden haben: Das Phänomen Banksy stellt für mich ein Rätsel dar, das durch diese Enthüllungen nicht klarer geworden ist. Diese Skepsis lässt sich vielleicht zum Teil auch durch ein persönliches Mitgefühl für Künstler erklären, die erst nach ihrem Tod Anerkennung finden. Ein ganzes Leben lang ein Werk gegen Kritiker zu verteidigen und erst nach dem Tod belohnt zu werden, ist romantischer als die wohlwollende Anerkennung, die Banksy heute geniesst. So musste Albert Anker (1831–1910), bevor er zum gefeierten Nationalmaler wurde, der Welt verständlich machen, dass man auch gewöhnliche Menschen malen und damit Grösse beweisen kann. Denn gerade im Alltäglichen und im Tragischen keimt Hoffnung auf.
Diese Kolumne erschien zuerst auf Französisch in «Le Temps».