Die Fackel der Libertas
erleuchtet – und blendet
Vor 250 Jahren hat die amerikanische Unabhängigkeit der Welt einen neuen Takt gegeben. Das Epos der USA bleibt bis heute widersprüchlich und unvollendet – dennoch kann ihr Einfluss auf die Welt nicht überschätzt werden.
Frankreich war 1886 gerade erst seit ein paar Jahren wieder eine Republik geworden. Ihre Regierungsvertreter nahmen das Jahr zum Anlass und erinnerten sich eines alten Bündnisses, welches sie mit einer anderen, immer weiter wachsenden Republik jenseits des «grossen Teichs» verband: den Vereinigten Staaten von Amerika, die das nicht ganz runde Jubiläum von 110 Jahren seit der Erklärung ihrer Unabhängigkeit begingen. Die Französische Republik goss ein altes Versprechen in neoklassische Bronze: Eine kolossale Skulptur von Frédéric Auguste Bartholdi trat die Reise über den Atlantik an, um im Dunst des New Yorker Hafens bleibende Gestalt anzunehmen. Der Name dieser Skulptur lautet offiziell «Liberty Enlightening the World», auch wenn sie heute eher unter dem Namen «Statue of Liberty» bekannt ist.
«Liberty Enlightening the World» kann zweierlei ins Deutsche übertragen werden: entweder «Die Freiheit erleuchtet die Welt» oder auch «Die Freiheit klärt die Welt auf». Die Ikonografie der Statue spiegelt diese doppelte Bedeutung: Sie stellt Libertas, die personifizierte römische Göttin der Freiheit, dar, die vor allem von freigelassenen Sklaven verehrt worden war. Diese trägt eine Strahlenkrone, in der erhobenen rechten Hand eine Fackel und mit der linken Hand umklammert sie eine Tafel, auf der die Inschrift «JULY IV MDCCLXXVI» (4. Juli 1776) prangt. Die Fackel und Strahlenkrone waren Symbole der europäischen Aufklärung, dafür, das «Zeitalter der Finsternis» durch Vernunft und Fortschritt hinter sich zu lassen – es eben zu «erleuchten». An jenem Tag vor 250 Jahren schlug der Puls der Moderne einen neuen Takt: Freiheit und Fortschritt waren fortan keine abstrakten Sehnsüchte des alten Kontinents mehr, sondern ein handfestes, in Tinte gegossenes Experiment.
Ein Manifest für die Freiheit
Vor diesem phänomenalen 4. Juli 1776 tobte bereits seit einem Jahr der militärische Konflikt zwischen den Siedlern der 13 Kolonien und ihrem Mutterland Grossbritannien. Vorausgegangen waren Konflikte um Handelsrechte und Zölle und fehlende politische Mitspracherechte der Kolonisten im britischen Parlament («No taxation without representation»).
Ein «Komitee der Fünf», bestehend aus den Gründervätern John Adams, Benjamin Franklin, Thomas Jefferson, Robert Livingston und Roger Sherman, wurde daher von den 13 rebellischen Kolonien beauftragt, eine legitimierende Rechtfertigung und Begründung zu verfassen, warum die Abtrennung vom Mutterland erfolgen sollte. Das fertige Dokument – von dem Jefferson wohl der Hauptautor war – legten sie schliesslich an jenem 4. Juli 1776 vor.
Wie konnte man gegen die gottgewollte Ordnung, wie sie auf dem europäischen Kontinent mit seinen Herrscherhäusern existierte, legitim aufbegehren? Die Gründerväter beantworteten dieses Problem, indem sie sich auf Ideen bezogen, die in den Jahrzehnten zuvor von den europäischen Aufklärern, vor allem John Locke, entwickelt worden waren. So warfen sie dem britischen König George III. in 27 Anklagen Tyrannei und Verstoss gegen die «Naturrechte» vor. Dies war ein neues, genuin aufklärerisches Konzept, das allgemeingültige Regeln menschlichen Zusammenlebens jenseits christlicher Gebote darstellte – auch wenn die meisten von ihnen aus einem christlichen Weltbild heraus «erschlossen» wurden.
Ob der (später nachweislich) geisteskranke Monarch in London tatsächlich der unbarmherzige Unterdrücker war, als den ihn die Siedler zeichneten, sei dahingestellt; die Kontrolle über die Kolonialpolitik hatte eigentlich das Parlament in Westminster. Als Folie eines fernen, dekadenten Despoten eignete sich der barocke Herrscher im revolutionären Diskurs jedenfalls hervorragend.
Am berühmtesten wurde jedoch ein Satz in der Präambel der Unabhängigkeitserklärung, der das naturrechtliche Menschenbild ihrer Verfasser wie kein anderer repräsentierte:
«We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.»
Alle Menschen – beziehungsweise Männer – sollten gleich sein. Die Rechte der Frauen und Sklaven waren damit noch nicht inkludiert. Es ist die fundamentale Tragödie Amerikas, dass die Wiege seiner Freiheit auf dem Fundament der Unfreiheit gezimmert wurde. Die Feder, die die unbeschränkte Glückseligkeit besiegelte, wurde von der Hand eines Sklavenhalters geführt. Wie es weiter heisst, stellt dies die Hauptaufgabe aller Regierungen dar, die zu diesem Zweck überhaupt erst von den Menschen eingesetzt werden und aus ihr Akzeptanz beziehen. Nicht von Gott, nicht von einer kleinen Adelsclique wie in den europäischen Ländern, sondern von allen kam die Legitimität – ein revolutionärer Gedanke. Eine Republik freier Bürger, die nach ihrer eigenen «Glückseligkeit» streben, ohne dass der Staat sie behindert. Er ist nur da, um ihnen Sicherheit und diese «Glückseligkeit» zu gewähren – und wenn er das nicht tut, dann ähnelt er der Despotie, die man legitim abwerfen oder ändern kann.
«Es ist die fundamentale Tragödie Amerikas, dass die
Wiege seiner Freiheit auf dem Fundament der
Unfreiheit gezimmert wurde.»
Was die Gründerväter mit diesem Dokument angestossen hatten, war ihnen vermutlich selbst nicht klar – die Vorstellungen der Revolutionäre waren massiv divergent. Es stellte eigentlich nur den kleinsten gemeinsamen Nenner dar, auf den sie sich einigen konnten – und gerade die Unschärfe solcher Begriffe wie «Glückseligkeit» machte sie anschlussfähig.
Der Unabhängigkeitskrieg zog sich zwar noch bis 1783 hin und konnte erst mit massiver finanzieller und militärischer Unterstützung der Franzosen, des englischen Erbfeindes, unter der Führung des Marquis de Lafayette gewonnen werden. Damit wurde jedoch die historische Freundschaft begründet, die US-Amerikaner und Franzosen seither verbinden sollte und ins Geschenk der Kolossalstatue 1886 mündete.
Eine amerikanische Verfassung, inklusive der föderalistischen Struktur, eines Zweikammersystems, der Gewaltenteilung von Exekutive, Legislative und Judikative, wurde sogar erst 1787 erlassen und der militärische Befehlshaber George Washington zum ersten Präsidenten der neuen Nation gewählt. Das Zweiparteiensystem der USA geht ebenso auf die Ursprünge zurück: Die damals noch vereinigte Democratic-Republican Party von Thomas Jefferson, die Freihandel und Föderalismus befürwortete, stand der Federalist Party von Alexander Hamilton und John Adams (mit George Washington als Sympathisanten) gegenüber, die Zentralismus, Nationalismus und Protektionismus propagierte. Der gemeinsame Nenner der Erklärung der Gründerväter vom 4. Juli 1776 war genau das gewesen; die Vorstellungen der Realpolitik divergierten massiv. Die Parteien mögen sich verändert haben, die Programme sind im 21. Jahrhundert jedoch wieder präsent.
Vorbild und Vorkämpferin
Was haben seither die USA nicht alles für die Welt getan? Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 und Verfassung von 1787, geboren aus dem Geist der Aufklärung, wurden zum Vorbild für eine neue politische Ideologie, die auch die anderen Kontinente in Sturm und Drang versetzen sollte: der Liberalismus. Als 1789 in Frankreich der Absolutismus von der Revolution hinweggefegt wurde, wurden nicht umsonst der Marquis de Condorcet, selbst ein Aufklärer, und der Marquis de Lafayette, jener Amerika-Freund aus dem Unabhängigkeitskrieg, zwei zentrale Gestalten der ersten Revolutionsjahre – bevor sie im Taumel der Radikalisierung von den Rousseau-Jüngern der Jakobiner geköpft oder vertrieben wurden. In ihren moderaten Jahren lehnten sich die Franzosen stark an das amerikanische Vorbild an, unter anderem bei der Verfassung der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.
Aber das revolutionäre Frankreich blieb nicht das einzige Beispiel: Die amerikanischen Kolonien von Haiti über Mexiko und Grosskolumbien bis hin zu Brasilien und Argentinien lehnten sich in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts erfolgreich gegen ihre Kolonialherren auf und erlangten die Unabhängigkeit – die meisten davon adaptierten Verfassungen nach dem Vorbild der USA. Selbst die Schweizer Verfassungen, von der Helvetischen Republik bis zur Bundesverfassung von 1848, haben sich gewissen Elementen der amerikanischen Verfassung bedient.
Die US-Amerikaner waren jedoch nicht nur bereit, für ihre eigene Freiheit zu leben und zu sterben, sie haben sie auch in der Welt verbreitet. In den 1860ern haben sie bereits an ihrer Südgrenze die mexikanische Guerilla von Benito Juarez gegen die neokolonialen Ambitionen Frankreichs und der Habsburger unterstützt. Im Ersten Weltkrieg beendeten sie den nicht endenden Schrecken des Stellungskrieges durch ihren Kriegseintritt aufseiten der Entente. Im Zweiten Weltkrieg war es ihrem militärischen (und finanziellen) Einsatz zu verdanken, dass die Welt nicht unter den faschistischen Achsenmächten aufgeteilt und ausgebeutet wurde. Im Kalten Krieg und darüber hinaus haben sie mit der Nato das mächtigste Sicherheitsbündnis der Weltgeschichte konstruiert, das die Freiheit und Sicherheit der liberalen Demokratien vor dem kommunistischen Totalitarismus bewahrte.
Doch der Schild der Freiheit wog schwer, und sein Schatten war tief. Wo Washington den Totalitarismus eindämmen wollte, hinterliess der Kalte Krieg oft verbrannte Erde – im Dschungel Vietnams erstickten die Ideale im Rauch von Napalm, und in Lateinamerika ging die Geopolitik Allianzen mit der Tyrannei ein.
Dass die USA dabei «das Schöne mit dem Nützlichen» für sich selbst verbinden wollten, versteht sich von selbst – Kritik daran kann und muss es geben. Die Kriege der USA waren häufig auch geopolitisch motiviert – Öl, Macht und Einfluss spielten stets mit. Aber es waren vorwiegend die Amerikaner, die im Koreakrieg 1950−1953 Südkorea beschützten und 1990/91 Kuwait von der Invasion des aggressiven Diktators und Massenmörders Saddam Hussein befreiten. Es waren sie auch, die im Zuge neokonservativer Aussenpolitik in den 2000er-Jahren «Nation Building»-Kriege in Afghanistan und im Irak führten – gescheiterte Projekte zwar, doch wer ausser den USA hat in der Geschichte sonst das Leben der eigenen Soldaten und ungeheure Finanzmittel aufgewendet, um zwei der schlimmsten Diktaturen des Planeten in gut gemeinte, aber tragisch gescheiterte Demokratisierungsversuche zu verwandeln?
Bereichernde Einwanderung
Ende des 18. Jahrhunderts fanden zufällig zwei andere Ereignisse statt, die die Amerikaner prägen sollten, auch wenn sie auf den britischen Inseln stattfanden: Adam Smith veröffentlichte das Werk «Der Wohlstand der Nationen» und James Watt erfand die Dampfmaschine. Damit nahmen zwei Revolutionen, die kapitalistische und die industrielle, ihren Anfang.
In den Vereinigten Staaten von Amerika fielen diese zusammen mit dem Geist des Liberalismus und schafften eine Symbiose, die unvergleichbar fruchtbare Zeugnisse erschuf. Das «Streben nach Glückseligkeit» wurde bald gleichbedeutend mit dem Eigentumsrecht und der unternehmerischen Freiheit. Von den Eisenbahngesellschaften des 19. Jahrhunderts über die Ölindustrie des frühen 20. Jahrhunderts bis hin zur Tech- und KI-Branche des 21. Jahrhunderts: Namen wie Cornelius Vanderbilt, John D. Rockefeller, Henry Ford, Bill Gates oder Elon Musk zeugen von dem Potenzial, das dem entfesselten Dreiklang aus Liberalismus, Kapitalismus und Industrialismus innewohnen kann – Reichtum, gegen den «Old Money» aus den alten Kontinenten nicht ankommen kann. Von den Villen des «Gilded Age» bis hin zu den Fabriken des Silicon Valley hat dieses Land Orte geschaffen, die florieren.
Dieser Reichtum bringt und erfordert Arbeit: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind daher das grösste Einwanderungsland der Geschichte und der lebendige Beweis für einen «Melting Pot» der Kulturen, auch wenn das in heutigen Debatten manchmal untergeht. Die meisten Migranten kamen, damals wie heute, aus bitterster Armut in die USA in der Hoffnung auf den «American Dream», es «vom Tellerwäscher zum Millionär» zu schaffen – manche wurden bitter enttäuscht, doch viele schafften den Aufstieg. Der Traum gerät allerdings in Gefahr: Der Reichtum ist höchst ungleich verteilt und die soziale Mobilität mittlerweile geringer als in Teilen Europas.
Von den Pilgrim Fathers des 17. Jahrhunderts über die befreiten Sklaven schwarzafrikanischer Herkunft, die vor der Hungersnot fliehenden katholischen Iren, die von politischer Erstarrung niedergedrückten Deutschen, die vor Armut fliehenden Süditaliener und die chinesischen Arbeiter an der Westküste bis hin zu den Migranten aus der «Dritten Welt» und Lateinamerika im 20. und 21. Jahrhundert: Sie alle, getrieben von Hunger, getragen von Hoffnung, geflohen vor der Erstarrung der Heimat, haben ihren Schweiss in den Zement dieser Supermacht gegossen. Neorassistische Deutungsmuster, die die Menschheit in äusserliche Hautfarben und «gute» und «schlechte» Immigranten aufteilen wollen, sind zwar in den letzten Jahren aufgekommen – aber damit demonstrieren ihre Propagierenden nur ihren zutiefst unamerikanischen Charakter.
«Yeah, Yeah, Yeah» bedeutet Freiheit
Wieder und wieder kam aus den USA ein neuer Trend, eine neue Inspiration, die Europa allmählich aus der Erstarrung der aristokratischen Gesellschaft befreit und bereichert hat. Wie würde die Musikwelt heute aussehen ohne die Einflüsse aus Jazz, Pop, Rock, Hiphop, Soul und unzähligen weiteren Strömungen? Was würden wir als Kleidung tragen ohne die «legeren» und informellen Kleidungsstücke, von Jeans über T-Shirts bis hin zu Sneakers? Hat es nicht einen Grund, warum Burgerrestaurants in der gesamten Welt wie Pilze aus dem Boden geschossen sind?
Es ist die kompromisslose Zugänglichkeit, die die amerikanische Kultur so unwiderstehlich macht. Das «Streben nach Glückseligkeit» wird als Versprechen an die gesamte Welt weitergereicht. Hollywood, Netflix und Popmusik haben die europäische Trennung zwischen elitärer Hochkultur und «niederer» Unterhaltung zertrümmert. In der amerikanischen Erzählung ist Kultur demokratisch – sie gehört jedem, der sie konsumiert. Der ostdeutsche SED-Vorsitzende Walter Ulbricht sagte 1965 einmal: «Ich bin der Meinung, Genossen, mit der Monotonie des ‹Yeah, Yeah, Yeah› − und wie das alles heisst − sollte man doch Schluss machen.» Doch dieses «Yeah, Yeah, Yeah» wollten die Menschen, denn es bedeutete Freiheit. Diese «Soft Power» hat im 20. Jahrhundert Diktaturen sanfter, aber gründlicher unterspült als jede Armee. Der Traum von individueller Freiheit kam nicht nur via Flugblatt, sondern im Rhythmus des Rock’n’Roll und im Flimmern der Kinoleinwände. Zugleich verdrängt diese Kultur lokale Traditionen und macht aus Vielfalt oft uniforme Ware.
«Diese «Soft Power» hat im 20. Jahrhundert Diktaturen
sanfter, aber gründlicher unterspült als jede Armee.»
Die Fackel blendet und erleuchtet
Natürlich kann man manche Administration, manchen Präsidenten, manche amerikanische Firma und manchen Trend aus den USA aus politischen, rationalen oder anderen Beweggründen wohltreffend ablehnen. Trotzdem darf man einer Nation Dank abstatten, die in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht stets ein Vorbild war. Ohne sie wäre die Welt eine ärmere. Die Fackel der amerikanischen Libertas blendet und erleuchtet zugleich. Die USA bleiben ein grandioses, zutiefst widersprüchliches und unvollendetes Epos.