PowerPoint baut keine Häuser: Mit der Schwächung der Berufsbildung verspielt die Schweiz ihre grösste Stärke
Die Hörsäle füllen sich mit Soziologen und Philosophen, während auf dem Bau, in den Werkstätten und in der Pflege die Fachkräfte fehlen. Der Akademisierungswahn bedroht den Schweizer Wohlstand.
Die Schweiz wurde nicht von Akademikern im Elfenbeinturm aufgebaut, sondern von Menschen, die gearbeitet haben. Von Handwerkern, Unternehmern, Maurern, Landwirten, Mechanikern, Elektrikern und Köchen. Von Menschen, die früh aufstanden, Verantwortung übernahmen und konkrete Probleme lösten.
Schweizer Wohlstand entstand historisch nie durch Theorie allein, sondern dort, wo Unternehmertum, technische Exzellenz, praktische Arbeit und Innovationskraft zusammenkamen. Persönlichkeiten wie Alfred Escher legten mit dem Eisenbahnausbau, der Gotthardbahn, der Gründung der Kreditanstalt und der Mitgestaltung der ETH das Fundament für den wirtschaftlichen Aufstieg der Schweiz.
Aus dieser Verbindung von Praxis, Leistung und Innovation entstand eine der grössten Stärken unseres Landes: das duale Bildungssystem. Ein System, um das uns die Welt beneidet. Während andere Länder Massenuniversitäten aufbauten und ihre Jugend in akademische Sackgassen schickten, setzte die Schweiz auf Praxisnähe, Eigenverantwortung und Leistung. Mit Erfolg: tiefe Jugendarbeitslosigkeit, hohe Innovationskraft und ein Arbeitsmarkt, der über Jahrzehnte besser funktionierte als fast überall sonst. Die Schweiz verstand etwas, das viele Länder vergessen haben: Nicht jeder Mensch muss studieren, um erfolgreich zu sein. Und nicht jede wichtige Arbeit entsteht im Büro oder Hörsaal.
Ich weiss, wovon ich spreche. Mein eigener Weg zeigt anschaulich, warum das duale Bildungssystem so wertvoll ist. Ich begann 2014 eine Lehre als Koch mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ). Kein Prestigejob, keine Universität, keine akademischen Titel, sondern Küche, Hitze, Stress, 12-Stunden-Schichten, Wochenendarbeit, brennende Hände.
Wer nie in einer Küche gearbeitet hat, versteht nicht, was dort passiert. Wenn am Samstagabend 120 Gäste gleichzeitig bestellen, interessiert sich niemand für Ausreden. Dann musst du funktionieren. Die Bons rattern aus der Maschine. Vorne sitzen Gäste, die Leistung erwarten. Hinten herrschen 40 Grad, Zeitdruck und Chaos. Trotzdem muss jeder Teller stimmen. Dort lernte ich, Verantwortung zu übernehmen. Dort lernte ich Disziplin. Dort lernte ich Belastbarkeit. Dort lernte ich, auch unter Druck ruhig zu bleiben.
So konnte ich mich früh selbst organisieren, mehrere Dinge gleichzeitig im Kopf zu behalten, Prioritäten zu setzen, Fehler sofort zu korrigieren, im Team zu funktionieren. Denn in einer Küche kannst du noch so talentiert sein, wenn das Team nicht funktioniert, bricht alles zusammen.
Überangebot an Akademikern
Dieses Erfolgsmodell zerstören wir gerade mutwillig.
Heute wird jungen Menschen eingeredet, eine Lehre sei nur die zweite Wahl. Wer nicht studiert, könnte nach diesem Verständnis eigentlich «mehr aus sich machen». Das Gymnasium gilt als Königsweg, die Berufslehre als Auffangbecken. Ich habe schon gehört, wie Eltern über ein Kind, das eine Lehre macht, sagen, es habe es «leider nicht geschafft». Eine absurde Entwicklung, denn die Realität sieht längst anders aus.
Während Lehrstellen unbesetzt bleiben, füllen sich die Hörsäle mit Studenten, für die der Arbeitsmarkt oft gar keinen Platz mehr hat. Der Schweizerische Arbeitgeberverband warnt inzwischen offen vor einem Überangebot an Akademikern. Seit 2010 ist die Zahl arbeitsloser Personen mit universitärem Masterabschluss um rund 70 Prozent gestiegen, während sie bei Personen mit beruflicher Grundbildung gleichzeitig um rund 40 Prozent gesunken ist. Warum? Weil der Arbeitsmarkt eben nicht unendlich viele Soziologen oder Philosophen braucht, sondern Menschen mit praktischen Fähigkeiten, die Maschinen reparieren, Stromnetze bauen, Häuser planen, Lebensmittel produzieren oder eine Produktionsanlage am Laufen halten.
Die höhere Berufsbildung zeigt seit Jahren, wie es besser geht: praxisnah, marktorientiert und direkt mit der Wirtschaft verbunden. Absolventen der höheren Berufsbildung sind praktisch vollbeschäftigt. Kein Wunder. Sie lernen nicht jahrelang abstrakte Theorie, sondern arbeiten von Anfang an im echten Leben. Und trotzdem pumpen wir immer mehr junge Menschen an die Universitäten.
Seit den 2000er-Jahren hat sich der Anteil der Bevölkerung mit Hochschulabschluss nahezu verdreifacht. Gleichzeitig verfehlte die Schweiz ihr Bildungsziel, wonach 95 Prozent aller Jugendlichen bis zum Alter von 25 Jahren einen Abschluss auf Sekundarstufe II erwerben sollen, um fünf Prozentpunkte. Die Schweiz produziert immer mehr Akademiker, aber der Arbeitsmarkt nimmt sie nicht im gleichen Tempo auf. Das Resultat sind überqualifizierte Absolventen, die Mühe haben, Fuss zu fassen, während gleichzeitig Handwerker, Techniker und Fachkräfte fehlen. Das ist nicht Fortschritt, das ist eine Fehlentwicklung.
Der Fachkräftemangel ist selbstgemacht
Wer glaubt, diese Entwicklung sei ein rein schweizerisches Problem, irrt. Andere Länder zeigen bereits heute eindrücklich, welche gravierenden Folgen eine fortschreitende Überakademisierung haben kann. In Grossbritannien ist der Arbeitsmarkt mit Akademikern derart übersättigt, dass selbst Absolventen renommierter Universitäten wie Oxford oder Cambridge erst nach Jahren eine passende Stelle finden. Inzwischen sind dort über 700 000 Hochschulabsolventen arbeitslos oder auf Sozialleistungen angewiesen. Wenn wir die Berufsbildung weiter schwächen und wenn immer mehr junge Menschen an die Hochschulen drängen, droht der Schweiz dieselbe Fehlentwicklung – mit allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen.
Eine Volkswirtschaft funktioniert nicht nur mit Leuten, die Konzepte schreiben, Strategien entwickeln und Sitzungen moderieren. Sie funktioniert vor allem durch Menschen, die konkrete Probleme lösen. Und genau dort beginnt die eigentliche Gefahr der Überakademisierung. Wenn immer mehr junge Menschen an die Universität gedrängt werden, fehlen sie dort, wo die Schweiz sie dringend braucht: im Handwerk, in der Industrie, in der Pflege, auf dem Bau, in technischen Berufen oder im Gastgewerbe. Der Fachkräftemangel fällt nicht einfach vom Himmel – wir produzieren ihn zunehmend selbst.
Bereits heute fehlen Elektriker, Sanitärinstallateure, Polymechaniker, Pflegefachkräfte, Köche, Chauffeure oder Automatiker. Gleichzeitig sitzen immer mehr Menschen mit akademischen Abschlüssen in Bürojobs, die wenig zum konkreten gesellschaftlichen oder praktischen Bedarf beitragen, oder finden gar keinen passenden Einstieg in den Arbeitsmarkt. Man kann keine Häuser mit PowerPoint bauen, keine Maschinen mit Strategiepapieren reparieren, kein Restaurant mit theoretischen Konzepten führen und kein Land dauerhaft erfolgreich halten, wenn immer weniger Menschen bereit sind, reale Wertschöpfung zu leisten.
Wer bezahlt das?
Besonders absurd wird es, wenn man auf die Finanzierung blickt. Ein Universitätsstudium kostet den Staat je nach Fachrichtung zehntausende Franken pro Jahr. Über die gesamte Studienzeit bezahlt der Steuerzahler durchschnittlich rund 120 000 Franken pro Student. Bei medizinischen Studiengängen liegen die Kosten noch deutlich höher. Der Büezer mit Berufslehre kostet die öffentliche Hand laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) mit rund 16 000 Franken pro Lehrjahr weniger als halb so viel wie ein Hochschulstudent – und zahlt erst noch deutlich früher in den Steuertopf ein. Und trotzdem gilt heute oft derjenige als «erfolgreicher», der mit 29 noch den zweiten Master anhängt und anschliessend 60 Prozent arbeiten will, damit «die Work-Life-Balance stimmt».
Entschuldigung, aber irgendwann muss man diese Frage stellen dürfen: Wer bezahlt das alles eigentlich? Der Sanitärinstallateur, die Pflegefachfrau, der Elektriker oder der Lastwagenchauffeur stehen seit ihrem 16. Lebensjahr morgens um sechs Uhr auf und finanzieren mit ihren Steuern ein Bildungssystem, in dem sich andere bis weit über 25 bequem einrichten. Und danach nur noch Teilzeit arbeiten wollen und der Gesellschaft für ihre teure Ausbildung kaum etwas zurückgeben.
Natürlich braucht die Schweiz Akademiker, gute Akademiker, Ärzte, Ingenieure, Naturwissenschafter und Juristen. Gerade in den MINT-Fächern besteht ein realer volkswirtschaftlicher Bedarf. Die Schweiz verdankt akademischer Forschung auch bedeutende Errungenschaften. Das World Wide Web wurde am CERN in Genf entwickelt, unsere Hochschulen und forschungsintensiven Unternehmen tragen wesentlich zur Innovationskraft unseres Landes bei. Es geht also nicht um eine Geringschätzung akademischer Bildung, sondern um die richtige Balance zwischen Forschung, Unternehmertum und praktischer Wertschöpfung.
Problematisch wird es dort, wo der Staat durch immer neue Stellen in der Bundesverwaltung, in staatsnahen Betrieben und in öffentlich finanzierten Apparaten künstlich Nachfrage nach Abschlüssen schafft, deren unmittelbarer Beitrag zur realen Wertschöpfung zumindest fraglich ist. Ohne diese aufgeblähten Strukturen wäre die Arbeitslosigkeit unter Absolventen gewisser Sozial- und Geisteswissenschaften wohl deutlich sichtbarer. Genau deshalb ist die von den Jungfreisinnigen geforderte Verwaltungsbremse längst überfällig – nicht nur für mehr Fairness auf dem Arbeitsmarkt zwischen Privatwirtschaft und staatlichem Sektor, sondern auch, um die falschen Anreize im Bildungssystem endlich zu korrigieren.
Erfahrung im Durchbeissen
Mein beruflicher Weg führte mich später doch noch an die Universität. Erst dort erkannte ich, welch unschätzbaren Wert mir die Lehre mitgegeben hatte. Die Fähigkeiten, die ich in der Küche erworben hatte, haben mir an der Universität oft mehr gebracht als manchem Gymnasiasten sein perfektes Schulzeugnis. Denn fachlich war ich am Anfang sicher nicht auf Augenhöhe. Studenten aus dem Gymnasium hatten mathematisch einen Vorsprung. Viele Inhalte waren für mich komplett neu. Aber viele von ihnen hatten nie gelernt, mit echtem Druck umzugehen, nie erlebt, was es heisst, körperlich erschöpft trotzdem Leistung bringen zu müssen.
Ich kannte das bereits mit 16. Ich wusste, wie man sich durchbeisst. Während andere beim ersten Gegenwind zusammenbrachen, dachte ich mir oft nur: Ganz ehrlich? Das hier ist immer noch angenehmer als Samstagabendservice.
Nach einigen Jahren Berufserfahrung absolvierte ich den Fachausweis als Chefkoch und den Berufsbildner. Ich durfte Lernende ausbilden und Verantwortung übernehmen. Der Weg war hart, aber genau das machte ihn wertvoll. Denn Entwicklung entsteht selten in der Komfortzone.
Der eigentliche Wendepunkt kam während der Coronazeit. Zum ersten Mal entdeckte ich das Lernen neu. Ich wollte verstehen, tiefer gehen und mich weiterentwickeln. Also absolvierte ich die Berufsmaturität und anschliessend die Passerelle.
Plötzlich war ich an der Universität: in einer Welt, die ich früher ehrlich gesagt immer etwas belächelt hatte. Eine Welt, die ich als elitär und arrogant abstempelte. Nun habe ich meinen Master in Mathematik an der Universität Zürich abgeschlossen. Und genau deshalb sage ich: Die Lehre ist kein Hindernis. Sie ist ein Fundament. Ohne die Küche hätte ich ein anspruchsvolles universitäres Studium nie geschafft. Nicht wegen der Fachkenntnisse, sondern wegen der Mentalität, wegen der Disziplin, wegen der Fähigkeit, auch dann weiterzumachen, wenn es unangenehm wird.
Denken und Machen kombinieren
Das duale Bildungssystem lebt genau von dieser Durchlässigkeit. Von der Idee, dass sich Menschen entwickeln können, ohne ihre Wurzeln zu verlieren. Dass ein Koch später Mathematik studieren kann. Dass ein Handwerker Unternehmer werden kann. Dass praktische und akademische Bildung gleichwertig sind.
Doch diese Balance gerät zunehmend unter Druck. Heute zählt oft mehr der Titel als die Fähigkeit. Lebensläufe werden an Diplomen gemessen, nicht an Erfahrung. Wer mit 19 studiert, gilt als ambitioniert. Wer mit 19 eine Lehre macht, muss sich erklären.
Dabei war die Schweiz immer dann stark, wenn Denken und Machen zusammenkamen.
Unsere Stärke war nie eine Gesellschaft aus möglichst vielen Akademikern, sondern immer die Balance. Die Balance zwischen Theorie und Praxis, zwischen Hörsaal und Werkstatt, zwischen Analyse und Umsetzung.
Wenn wir anfangen, die Berufslehre als zweitklassig zu behandeln, verlieren wir nicht nur Lehrlinge. Wir verlieren genau jene Menschen, die dieses Land im Alltag tragen. Und wenn wir diese Balance verlieren, verlieren wir irgendwann mehr als nur ein Bildungssystem. Dann verlieren wir einen Teil der Schweiz selbst. Denn dann verlieren wir die grösste Stärke unseres Landes – hervorragend ausgebildete Arbeitskräfte, die anpacken, Verantwortung übernehmen und dieses Land tagtäglich am Laufen halten.