«Die Schweiz läuft erst los, wenn die anderen schon in die erste Kurve einbiegen»
Thomas Zurbuchen kritisiert die Schwäche der Schweiz in der Weltraumforschung. Der frühere Forschungschef der Nasa spricht über unwissenschaftliche Wissenschafter – und verrät, ob es Ausserirdische gibt.
Thomas Zurbuchen, entschuldige, dass ich mit einer vermeintlich dummen Frage anfange, aber sie beschäftigt mich schon seit meiner Kindheit: Gibt es Ausserirdische?
Ich nehme an, dass es sie gibt. Doch das ist bislang eine reine Hypothese – wissen tun wir es nicht. Bisher haben wir keine eindeutigen Anzeichen für ausserirdisches Leben gefunden. Es gibt zwar potenzielle Kandidaten, etwa für bakterielles Leben, und natürlich beobachten wir immer wieder Phänomene, die wir nicht sofort erklären können. Aber auch bei diesen fehlt der Beweis, dass tatsächlich Ausserirdische dahinterstecken. Wenn wir uns jedoch die Dimensionen vor Augen führen – allein in unserer Galaxie gibt es hunderte Milliarden Planeten mit der Chance auf Leben –, ist die Wahrscheinlichkeit enorm hoch.
Die Trump-Administration hat kürzlich bisher geheime Dokumente zu Ufos und angeblichen Ufo-Sichtungen veröffentlicht. Kanntest du diese schon?
Ja, viele dieser Dokumente waren mir natürlich bekannt. Sie waren zwar nicht öffentlich, aber den Experten bekannt. Wenn man sie analysiert, bleibt das Fazit: Es gibt viele Phänomene, die wir noch nicht verstehen. Einen grossen Teil der Beobachtungen können wir allerdings erklären. Manchmal handelt es sich um einen Kameraeffekt, um einen Satelliten oder eine Spiegelung. Aber es bleibt ein gewisser Teil übrig, den wir nach wie vor nicht erklären können.
Aber die Akten liefern keine Beweise, dass uns Ausserirdische schon besucht haben?
Nein. Und ganz ehrlich: Hätte ich solche Beweise gesehen, hätten wir sie auch öffentlich gemacht. Wir haben die Daten, welche die Öffentlichkeit jetzt einsehen kann, sehr gründlich analysiert. Es ist unbestritten ein interessantes Thema und wir sollten definitiv genau hinschauen – aber Beweise für ausserirdische Besuche liegen nicht vor.
Du bist in einer freikirchlichen, tief religiösen Familie im Berner Oberland aufgewachsen und bist später Forschungschef der Nasa geworden. War der Bruch mit der Kirche eine zwingende Voraussetzung für diese Karriere?
Das glaube ich nicht. Es gibt durchaus hochkarätige Wissenschafterinnen und Wissenschafter, die sehr religiös sind. Mein persönlicher Bruch hatte wohl eher mit der spezifischen Natur dieser Gemeinschaft zu tun und wie sie gelebt wurde. Wenn man sich in einer Kirche bewegt, welche die Wissenschaft kategorisch ausschliesst, führt das unweigerlich zum Bruch.
Teilweise wirken Wissenschafter, selbst wenn sie nicht religiös sind, doch irgendwie religiös. Die Aufforderung «Follow the Science!» beispielsweise hat schon fast irgendwas von einem religiösen Dogma.
Für mich ist die Wissenschaft keine Glaubensrichtung, sondern eine Methode. Wenn man für einen Marathon trainiert, nutzt man erprobte Trainingsmethoden, die andere vor uns entwickelt haben. Ähnlich verhält es sich mit der Wissenschaft: Sie ist ein Werkzeug, um zu lernen – und zwar durch Experimente, Beobachtungen und das Aufstellen von Hypothesen oder Theorien, die überprüfbare Vorhersagen erlauben. Das ist der Kern von Wissenschaft: Man muss eine These widerlegen können, und am Ende hat das Experiment immer recht. Wenn Wissenschafter also sagen: «Glaubt der Wissenschaft!», meinen sie eigentlich, dass diese Methode robuster ist als jede andere. Sie hängt nicht von einer subjektiven Weltanschauung ab, sondern von der harten Realität der Natur, an der jede Theorie scheitern kann. Wissenschaft ist keine Demokratie. Es spielt keine Rolle, ob tausend Menschen einer Meinung sind; wenn ein Einzelner durch das Experiment recht bekommt, irren die tausend anderen.
«Wissenschaft ist keine Demokratie. Es spielt keine Rolle,
ob tausend Menschen einer Meinung sind; wenn
ein Einzelner durch das Experiment recht bekommt,
irren die tausend anderen.»
Aber kommt es nicht auch vor, dass die Wissenschaft missbraucht oder unsauber argumentiert wird? Dass man also absolute Fakten deklariert und jeder, der widerspricht, quasi als Ketzer gebrandmarkt wird?
Forschende sind auch nur Menschen, und natürlich besteht auch in der Wissenschaft die Gefahr, dass man sich plötzlich wie ein religiöser Eiferer verhält. Wenn die eigenen Theorien angezweifelt werden, reagieren manche emotional und erklären Kritiker zu «schlechten Menschen». Das ist falsch. In der Wissenschaft muss jede Theorie angezweifelt werden dürfen. Die besten Wissenschafter sind professionelle Zweifler, keine Gläubigen. Wenn jemand behauptet: «Das letzte Jahr war das heisseste der Geschichte», obwohl es gemäss den Daten das drittheisseste war, dann darf man als Wissenschafter solche ungenauen Dinge nicht unkorrigiert stehen lassen. Das bedeutet keineswegs, dass wir uns keine Sorgen um das Klima machen müssen. Aber Fakten und Daten sind das Fundament der Wissenschaft. Als Politiker mag man zuspitzen, als Wissenschafter muss man exakt sein.
Du bist vor drei Jahren aus den USA in die Schweiz zurückgekehrt, wo du nun eine Professur an der ETH Zürich innehast. Was hast du in diesen drei Jahren gelernt?
Wir haben einen neuen, spezialisierten Space-Studiengang aufgebaut – den ersten dieser Art in der Schweiz. Er ist sehr erfolgreich; die ersten Studierenden machen gerade ihren Abschluss. Zudem haben wir einen Inkubator für wissenschaftliche und technische Weltraumforschung ins Leben gerufen sowie ein Start-up-Ökosystem mit mittlerweile rund 90 Start-ups. Ich habe gelernt, dass so etwas in der Schweiz absolut machbar ist. Das war nicht selbstverständlich. Wir waren im internationalen Vergleich im Rückstand und mussten aufholen. Dass es so gut funktioniert hat und wir so viel Unterstützung erfahren haben, hat mich extrem gefreut. Die innovativen Start-ups kamen schneller, als ich dachte. Es gibt hier unglaublich talentierte Leute mit spektakulären Ideen und viel Mut – genau wie ich es aus den USA kenne. Was mich allerdings überrascht hat – und zwar im negativen Sinne –, ist der totale Stillstand auf politischer Ebene. Die Regierung hat auf die neuen, grossen Opportunitäten bis jetzt überhaupt nicht reagiert. Nicht etwa verhalten, sondern gar nicht. Das befremdet mich.
Was meinst du genau?
Fast überall in Europa und weltweit steigen die Budgets im Space-Bereich. In der Schweiz hingegen sieht der Budget-Entwurf des Bundesrats eine Kürzung um zehn Prozent vor. Man kann lang und breit darüber reden, was angeblich Priorität hat, aber wenn man das Budget um zehn Prozent zusammenstreicht, setzt man ein klares Signal: Der Weltraum ist der Schweiz nicht wichtig. Man darf nicht vergessen: Das ist ein globaler kommerzieller Wettbewerb, vergleichbar mit einem 400-Meter-Sprint. Und die Schweiz läuft erst los, wenn die anderen Länder schon in die erste Kurve einbiegen.
Könnten die Impulse nicht auch aus der Privatwirtschaft kommen? Das Beispiel SpaceX zeigt doch ein enormes kommerzielles Potenzial.
Natürlich! Elon Musk hat anfangs rund 70 Millionen Dollar seines Privatvermögens investiert, um die ersten vier Raketen zu finanzieren. Aber der Durchbruch kam durch staatliche Aufträge. Die US-Regierung hatte ein Programm für Raketenstarts ausgeschrieben. Als Musk bewies, dass er es kann, erhielt er einen Regierungsvertrag über eine Milliarde Dollar. Ich sage nicht, dass die Schweiz dasselbe tun muss. Aber die Aufgabe einer Regierung ist es, Türen zu öffnen und als strategischer Erstkäufer aufzutreten – und zwar so, dass es der heimischen Industrie hilft. Ohne staatliche Aufträge gäbe es SpaceX heute nicht. Ich habe in Amerika selbst Programme orchestriert, bei denen der Staat als Käufer auftrat. Wir haben damals gesagt: Wir wollen zweimal pro Jahr auf den Mond, aber zu zehn Prozent der herkömmlichen Kosten. Wer kann das liefern? Heute gibt es private Firmen, die genau das tun.
Welche Firmen sind das?
Im Moment können das Firefly und Intuitive Machines. Blue Origin und SpaceX stossen nun dazu. Aber es geht nicht ohne staatliche Initialzündungen. Wenn die Regierung nur passiv zuschaut oder Innovationen sogar ausbremst, kommen wir nicht vom Fleck. Länder wie Griechenland, Singapur oder mittlerweile auch Deutschland agieren viel aggressiver als die Schweiz. Wir bewegen uns rückwärts statt vorwärts, und das ist ein echtes Problem.
Was sind die grössten Unterschiede zwischen den USA und der Schweiz?
Einen Punkt haben wir gerade besprochen: Die US-Regierung bewegt sich deutlich schneller. Das ist zwar nicht immer ein Vorteil – manchmal steuert man dadurch auch schneller auf eine Fehlentscheidung zu –, aber das System hat eine ganz andere Dynamik. Der zweite grosse Unterschied ist schlicht die Skalierung. Die Investitionen in den USA sind etwa hundertmal grösser. Gewisse Probleme lassen sich dort lösen, für die hier schlicht die Masse fehlt. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Gemeinsamkeiten: Wir haben unglaublich talentierte Menschen und hervorragende Start-ups. Im akademischen Bereich und gerade auch in der Weltraumforschung ist die Schweiz mancher US-Universität sogar einen Schritt voraus. Weil die Voraussetzungen aber unterschiedlich sind, muss auch die Schweizer Strategie eine andere sein. Unser Ziel muss es sein, die beste Schweiz zu werden – nicht eine drittklassige Nasa. Wenn wir international an der Spitze mitspielen wollen, müssen wir unsere einzigartigen Vorteile ausspielen: unsere politische und wirtschaftliche Stabilität sowie die exzellente technische Ausbildung unserer Fachkräfte.
In einer Rede hast du vergangenes Jahr gesagt: «Die Schweiz bleibt nicht frei, indem sie eine kleine Version des Auslands wird. Sie bleibt frei, indem sie die beste Version von sich selbst ist: stur, unabhängig, gut organisiert, hoffnungsvoll und bereit, für ihre Zukunft einzustehen.» Was heisst das konkret?
Das heisst, dass wir uns bewusst machen müssen, dass das Schweizer Modell ein Erfolgsrezept ist. Die ganze Welt beneidet uns darum. Wir müssen uns die Zukunft neu verdienen, indem wir mutig vorangehen, Risiken eingehen und bereit sind, an den Stellschrauben unseres Systems zu drehen. Die Schweiz ist hervorragend aufgestellt. Aber das bedeutet nicht, dass wir uns auf dem Status quo ausruhen dürfen.
«Stur und unabhängig» – das klingt nach einer gewissen Skepsis gegenüber einer zu engen Anbindung an die EU.
Ich äussere mich selten bis nie zu politischen Fragen. Unabhängigkeit ist für mich in erster Linie eine Denkhaltung. Sie bedeutet keineswegs, dass man nicht mit anderen zusammenarbeitet. Im Gegenteil: Echte Unabhängigkeit erlaubt es uns, partnerschaftlich die besten Synergien zu nutzen.
Wenn ich allerdings die europäische Brille aufsetze, bereitet mir die aktuelle Entwicklung grosse Sorgen. Die Schweiz fällt im Weltraumsektor im Vergleich zu den führenden Mächten drastisch zurück; wir stehen heute schlechter da als noch vor drei Jahren. Zudem drohen uns aufstrebende Nationen wie Indien oder auch andere europäische Länder zu überholen. Ein starkes Europa funktioniert nur, wenn die beste Version der Schweiz, die beste Version Deutschlands, Frankreichs, Schwedens und Finnlands zusammenkommen und sich gegenseitig verstärken. Wenn ich von der Schweizer «Sturheit» spreche, meine ich das positiv: Es ist ein gesundes Selbstbewusstsein, das verhindert, dass wir uns von jedem politischen Wind gleich umwehen lassen. Diese Standfestigkeit sollten wir auch in die europäische Gemeinschaft einbringen. Das schliesst Partnerschaftlichkeit überhaupt nicht aus. Am Ende stelle ich mir aber immer die Frage: Hilft ein Schritt der Schweiz, und hilft er Europa? Und zwar in dieser Reihenfolge. Manche Entwicklungen in der EU hinterlassen jedoch einen faden Beigeschmack. Die präzisesten Weltraum-Uhren in Europa stammen allesamt aus der Schweiz. Vor 10 bis 15 Jahren hat Europa jedoch entschieden, die Schweiz in diesem Bereich als unzuverlässig einzustufen. Man steckte dreistellige Millionenbeträge in die Entwicklung von Konkurrenzprodukten, nur um sich von der Schweiz unabhängig zu machen. Das ist schlicht unsinnig. So verhalten sich Partner nicht. Insofern ist es nur richtig und legitim, wenn wir auch für unsere eigenen Interessen einstehen.
«Ein starkes Europa funktioniert nur, wenn die beste
Version der Schweiz, die beste Version Deutschlands,
Frankreichs, Schwedens und Finnlands zusammenkommen
und sich gegenseitig verstärken.»
Was treibt dich persönlich an?
Mein innerer Kompass war immer, die Welt in einem besseren Zustand zu hinterlassen, als ich sie vorgefunden habe. Ich möchte mich als Werkzeug für etwas Grösseres einbringen. Mich treiben Dinge an, die gesellschaftlich relevant sind: Wissenschaft, Bildung und das Gestalten unserer Zukunft. Ich möchte dem Land, das mir all diese Chancen ermöglicht hat, etwas zurückgeben.
Du hast einmal gesagt, glückliche Menschen hörten niemals auf zu lernen. Was möchtest du noch lernen?
Ich lerne jeden Tag etwas Neues. Es gibt kaum Tage, an denen ich keine Antwort finde. Glückliche Menschen sind für mich jene, die erkennen, wie viel Unbekanntes noch vor uns liegt. Aktuell möchte ich vor allem im Bereich der Technologie dazulernen. Ich verbringe viel Zeit mit Unternehmen, die künstliche Intelligenz nutzen, um ökologische und naturwissenschaftliche Prozesse besser zu verstehen. Mich fasziniert auch die Bioakustik – die Entschlüsselung der Sprache von Tieren. Und ich will tiefer begreifen, wie wir Satellitendaten aus dem Weltraum noch effektiver nutzen können, um auf der Erde Leben zu retten oder die Landwirtschaft zu unterstützen.