Nenne mir, Muse, den Frevel und Verfall
Statt ein Heldenepos anzustimmen, liefert Christopher Nolans «Odyssee» einen Abgesang auf die Zivilisation. Ein Kinospektakel, das den Kollaps der Bronzezeit als Warnung für die eigene Epoche liest.
Manche heutige Filmzuschauer lassen sich nicht mehr blenden. Nach einigen gefahrvollen Stationen kommt der griechische Heros Odysseus auf eine Insel, wo er der Zauberin Kirke – einer Frau mit grün gefärbten Haaren – begegnet, die seine Männer in Schweine verwandelt (denn Schweine seien Männer sowieso) und ihn jahrelang sexuell und magisch davon abhält, zu seiner Familie, vor allem seiner treuen, liebenden Frau Penelope, zurückzukehren.
Da erkennt man sie, die Ausgeburt der modernen «Wokeness», in dieser Verfilmung der Odyssee… Nur handelt es sich dabei um «Die Fahrten des Odysseus» (Original: Ulisse) von 1954, der Held gespielt vom legendären Kirk Douglas und Kirke von der nicht minder eindrücklichen Silvana Mangano. Bloss gab es damals halt noch kein Internet, das ein versammeltes Mobgeschrei hätte hervorbringen können.
Entrüstung von MAGAs, Griechen und Nerds
Nun hat sich der Starregisseur Christopher Nolan an den antiken Stoff herangemacht und mit dem Casting von unter anderen Matt Damon, Anne Hathaway, Tom Holland, Charlize Theron, Zendaya und Lupita Nyong’o eine regelrechte Starbesetzung dazu geliefert. Letztere zwei – in ihren Rollen als Göttin Athene und Helena von Troja/Klytaimnestra – haben als dunkelhäutige Schauspielerinnen jedoch bei Bekanntgabe den Zorn der amerikanischen Rechten entfacht, die sich im «Culture War» gegen alles vermeintlich «Woke» wähnt. Sie sahen dies als «Blackwashing» der vermeintlichen «Eliten» in Hollywood, um absichtlich «die Geschichte» zu verfälschen. Ähnlichen Aufruhr verursachte bei ihnen der Transgenderschauspieler Elliot Page, welcher laut Berichten auf Social Media Achilles, den grössten aller Krieger, spielen sollte; eine Falschmeldung, wie sich nun herausgestellt hat: Page spielt mit Sinon einen einfachen, jedoch für Odysseus bedeutenden Fusssoldaten. Vielleicht hätte den selbsternannten Kulturkriegern ein flüchtiger Blick in Homers Epos – oder zumindest nur in dessen Wikipedia-Artikel – gut zu Gesicht gestanden: Achilles ist zu Beginn der Odyssee längst tot.
Im Vorfeld ähnlich aufgeregt hatte sich die griechische Gemeinschaft, die – im Gegensatz zur amerikanischen Rechten – eine mangelnde Repräsentation ihrer selbst beklagt hatte, da kein einziger griechischstämmiger Schauspieler eine grosse Rolle bekommen hätte. Dies mag zutreffend und für Hollywood im Allgemeinen bedauerlich sein, jedoch werden Castingentscheidungen häufig nach Eignung oder zumindest Vision des Regisseurs getroffen. Jedoch ist ihre Klage ein Fingerzeig darauf, dass Odysseus’ Zeitgenossen Menschen des Mittelmeeres und gerade nicht Angelsachsen oder Schwarzafrikaner waren.
Eine weitere Gruppierung, die im Vorfeld des Films online ihren Zorn abliess, waren Altertumsliebhaber und -nerds, die die Requisiten des Films kritisierten: So ist das benutzte Schiff von Odysseus’ Mannschaft statt einer Galeere ein rekonstruiertes Wikinger-Langboot und die Rüstungen sind farblos und zeitlich zu spät. Besonders Agamemnons Panzerung – eine bizarre Symbiose aus Tesla-Design und Nolans eigenem «Batsuit» – stiess auf Unverständnis. Doch es stellt sich die Frage: Seit wann muss ein Film einen dokumentarischen Charakter mit korrekten Requisiten besitzen? In keinem einzigen Antikenfilm war das (leider?) bislang der Fall. Und was wären eigentlich die korrekten Requisiten: Rüstungen und Material aus der späten Bronzezeit um 1200 v. Chr.? Oder nicht doch besser dasselbe aus der Zeit Homers von ca. 800−600 v. Chr., der gewissermassen selbst nur eine mündlich tradierte «Fanfiktion» besungen hat?
Dieser Dreiklang des Online-Geschreis, der im Vorfeld zu einem tobenden Hurrikan zusammenwuchs, hat jedoch vor allem eines bewirkt: Er liess den Film zum bislang meistantizipierten des Jahres heranwachsen. Das Marketingteam dürfte sich gefreut haben.
«Was Christopher Nolan mit seiner Odyssee-Verfilmung geliefert hat, ist eine wuchtige, mitunter spröde Dekonstruktion des Heldenmythos selbst.»
Gebrochene Gastfreundschaft
Nun läuft der Film erfolgreich in den Kinos und trägt die Zuschauer – ganz so wie das Original – in erzählten Rückblenden durch die Geschichte. Dass mehrere Episoden dabei in Kalypsos (Charlize Theron) Refugium auf Ortygia verbunden werden, tut der Dramaturgie keinen Abbruch. Während sich Odysseus an sein Schicksal und das seiner Gefährten erinnert, spielt parallel die Erzählung auf Ithaka, wo Penelope (Anne Hathaway) in einer Mischung aus Gravitas und Verzweiflung versucht, vor der Heerschar der Freier – angeführt vom antagonistischen wie feigen Antinoos (Robert Pattinson) – nicht zweitverheiratet zu werden. Ihr Sohn Telemachos (Tom Holland) fragt sich zu Recht, warum er nicht einfach den Thron Ithakas nach 18 Jahren Abwesenheit des Vaters beanspruchen kann – Homer beantwortet übrigens dieses «Plothole» nie; doch die Mutter weist ihn auf die Gefahr durch ominöse «Seevölker» hin, die von Schiffen kommend alles plündern und zerstören, und weder Telemachos noch sie selbst besitzen die Kraft und Autorität, eine Armee gegen sie auszuheben. Nur ein erwachsener männlicher König könne dies tun. Also muss sie die Freier erdulden und früher oder später einen von ihnen heiraten. Sie beherbergt sie alle, damit sie Zeus’ Gesetz der Gastfreundschaft (xenia) und Bewirtung gegenüber Fremden ehrt; denn sie könnten eigentlich Götter incognito sein.
Nolan hat sichtlich ein wenig Hintergrundrecherche für seinen Stoff betrieben. Die (gebrochene) Gastfreundschaft ist daher auch eines seiner Leitmotive, das sich durch den gesamten Film zieht. Als erste Station plündern Odysseus, den Damon als leidgeplagten und zunehmend fatalistischen Mann darstellt, und seine Männer nach Troja die Stadt Ismaros, deren einzigen nicht geflohenen Bewohner sie vor den brennenden Häusern fragen, warum denn die ganze Bevölkerung geflohen sei; dessen Antwort, er dachte, sie gehörten zu den «Seevölkern», verwundert Odysseus’ Männer zutiefst – sie seien doch Helden von der Belagerung Trojas! Der Zyklop Polyphemos bietet ihnen keine Gastfreundschaft an, sondern beginnt sie im Schatten seiner Höhle zu jagen und zu fressen. Die Laistrygonen locken sie in einen Hinterhalt und schlachten die meisten ab. Kirke bietet Gastfreundschaft an, nutzt die angebotene Speise jedoch, um das wahre schweinische Wesen der Männer hervorzubringen – die Zeus’ Gesetz verletzt hatten, indem sie bewaffnet eine allein lebende Frau aufgesucht und ihr Forderungen gestellt haben. Kurz bevor Odysseus auf Ithaka das Recht der Gastfreundschaft durch das Massaker an den Freiern bricht, offenbart er Penelope eine beklemmende Einsicht: Als Urheber des Trojanischen Pferdes habe er selbst dieses Sakrileg erfunden. Er und alle Griechen seien die eigentlichen «Seevölker», gekommen, um die eigene Zivilisation zu vernichten.
Wenn Nolan seinen Protagonisten dabei vom «Ende der Bronzezeit» sprechen lässt, ist das eine gleich doppelt gebrochene Selbsterkenntnis: Historisch anachronistisch, da kein Zeitgenosse um die Epochentitel der Nachwelt wusste – und doch erschreckend gegenwärtig. Es ist der düstere Spiegel für ein 21. Jahrhundert, das spürt, wie es seine eigene Zivilisation dem Untergang entgegentreibt.
Die historisch Interessierten mögen aufhorchen, da bis heute unklar ist, ob der Trojanische Krieg nicht in eine Reihe mit dem sogenannten «Seevölkersturm» gehört, der die kosmopolitische Welt der mykenischen Paläste und anderer orientalischer Imperien der späten Bronzezeit im 12. Jh. v. Chr. mit vernichtet hat; die bei Homer für die Griechen benutzten Begriffe «Achaier» und «Danaer» tauchen auch in ägyptischen Inschriften für einen Teil der Seevölker auf.
«Weder ist dieser Film eine Beleidigung der Antike noch eine Parodie darauf. Er ist das porträtierte Trauma einer gesamten Epoche.»
Skylla als Pappmachémonster
Christopher Nolan liebt experimentelle Techniken. Und so ist der Film der erste, der vollständig mit 70-mm-IMAX-Filmkameras gedreht wurde – das Originalformat, so wie er es intendiert hat, bleibt jedoch nur 41 Kinos weltweit vorbehalten. In einer weiteren Hinsicht setzt der dreistündige Film jedoch Massstäbe: Wohltuend abgehoben von der Marvel-gesättigten Filmwelt unserer Tage verzichtet Nolan fast gänzlich auf computergenerierte Bilder (CGI) und vertraut stattdessen auf physische Attrappen, ausgeklügelte Optiken und analoge Kamerawinkel. Das wirkt bei dem Zyklopen Polyphemos wie eine Szene aus einem Horrorfilm und Kirkes Verwandeln von Odysseus’ Männern in Schweine wirkt extrem plastisch und verstörend. Bei anderen Monstern wirkt diese Entscheidung jedoch schwächer: Der zähnebesetzte Schlund Charybdis ist eher ein kleiner Wasserstrudel; ihr Klippenpendant Skylla wirkt hingegen wie ein Pappmachémonster, wie es auch im Film von 1954 hätte vorkommen können. Kirkes und Kalypsos Refugien laden kaum zu jahrelangem Verweilen ein: Ersteres wirkt wie ein karges Cottage irgendwo zwischen den britischen Inseln, Letzteres wie ein kontemplativer Sandstrand mit provisorischer Zelthütte – hätten die halb-divinen Gestalten nicht Besseres verdient?
Überhaupt, die Götter: Ihre Existenz wird gemeinhin angenommen und zumindest Athene (Zendaya) scheint Odysseus auch mit Rat zur Seite zu stehen – doch ist es wirklich die Göttin oder nur das nagende Gewissen des Protagonisten? Hermes und Aiolos treten nicht auf. Zeus und Poseidon treten nur im Donner und im Seesturm hervor, der so real, dunkel und chaotisch wirkt wie selten zuvor.
Die Klangkulisse ist nicht nur bei den Wetterereignissen (oder dem Wirken der Götter?) – wie für Nolans Werk typisch – eindrücklich. Die musikalische Gestaltung begleitet dabei durchgehend die Verzweiflung der Akteure. Insbesondere der Schrei des Zyklopen Polyphemos, nachdem ihm das Auge mit einem glühenden Pfahl ausgestochen worden ist – ist von einer solch markerschütternden Intensität, die die Anspannung der horrorartigen Szene nochmals emportreibt. Die Monster bleiben denn auch recht wortkarg: Kein «Niemand hat mich geblendet»-Ausruf des Zyklopen, der bereits im Original dem Horror ein humoristisches Momentum beimischt, kein Wort der schlachtenden Laistrygonen und auch das Lied der Sirenen vernimmt man nicht direkt.
Was sich vielleicht etwas kurz ausnimmt, sind die Stationen der Odyssee selbst. Sie folgen einfach Schlag auf Schlag, ohne dass ihnen wirklich Raum zum Atmen oder auch Verarbeiten gegeben wird. Doch wäre dafür wahrscheinlich ein noch viel längerer Film nötig gewesen.
Ein Epos für alle Zeiten
Was Christopher Nolan mit seiner Odyssee-Verfilmung geliefert hat, ist also mehr als der natürliche Sommerblockbuster. Es ist eine wuchtige, mitunter spröde Dekonstruktion des Heldenmythos selbst. Indem er Odysseus nicht als unfehlbaren (und eigentlich auch nicht besonders «listigen») Lichtgestaltheros, sondern als gebrochenen, schuldbeladenen und moralisch fragwürdigen Veteranen zeichnet – und die Antike aus dem Weichzeichner des Sandalenfilms in die raue, untergehende Bronzezeit holt –, hebelt er die Reflexe der Kulturkrieger ebenso aus wie die Erwartungen des Popcornpublikums. Spätestens wenn das legendäre Bogenschiessen auf Ithaka nicht als Hollywood-Triumph, sondern als rohes, schmerzhaftes Schlachten und Odysseus eher als Vorläufer des pfeilgespickten heiligen Sebastian denn als rächender Triumphator inszeniert wird, entzieht Nolan dem Genre jegliche Pathosromantik.
Weder ist dieser Film eine Beleidigung der Antike noch eine Parodie darauf. Er ist das porträtierte Trauma einer gesamten Epoche. Dass Skylla wie aus Pappmaché wirkt und das Ende der Bronzezeit etwas gar unverhohlen als Spiegelbild unserer eigenen, wackelnden Gegenwart inszeniert wird, verzeiht man gerne. Denn am Ende erweist sich Homers Stoff unter Nolans Regie erneut als das, was er seit fast dreitausend Jahren ist: eine zeitlose Projektionsfläche für menschliche Abgründe, Wahn und die verzweifelte Suche nach Rückkehr und innerem Seelenfrieden.