Die unsichtbare Belagerung: Wie sich die Muslimbruderschaft in der Schweiz ausbreitet
Während Islamisten in Deutschland oder Frankreich brutal morden, betreiben die Muslimbrüder in der Schweiz einen lautlosen Marsch durch die Institutionen. Das Ziel ist die Transformation der westlichen Gesellschaft.
Der neuste Terroranschlag in Berlin zeigt, wie der Islamismus immer wieder zuschlagen kann. Das gilt auch für die Schweiz. Nachdem Ende Mai ein Islamist in Winterthur auf drei Passanten eingestochen und dabei «Allahu akbar!» (Allah ist grösser!) geschrien hatte, befragte das Nachrichtenportal «20 Minuten» Ahmed Ajil als Terrorismusexperten an der Universität Luzern zum Täter.
Der türkisch-schweizerische Messerstecher war nämlich keine isolierte Besonderheit: Schon 2020 wurden in Fribourg vier mutmassliche Terroristen in Verbindung mit Al-Qaida und dem Islamischen Staat verhaftet, und in Schweizer Gerichten waren 70 Prozesse gegen 600 bis 700 Terrorismusverdächtige hängig.
Dr. Ajil, der auch als Kriminalanalytiker im Bundesamt für Polizei (Fedpol) arbeitete, distanziert sich zwar von der Gewalt des Islamischen Staats (IS). Aber er warb nach dem Massaker des 7. Oktober gegen ein Verbot der Hamas in der Schweiz.
«Wenn wir die Hamas verbieten», sagte er, «dann verbieten wir de facto den bewaffneten Widerstand gegen das, was die palästinensische Zivilbevölkerung seit Jahrzehnten erleidet.» Ajil hat auf Anfrage Stellung bezogen und diese Aussage bestätigt.
Drehbuch der Unterwanderung
Laut jüngsten Ermittlungen europäischer Geheimdienste begnügt sich die Hamas nicht mit «Widerstand» oder Terror in Israel, sondern plant seit Jahren auch Anschläge in Europa.
Im Februar 2023, also acht Monate vor dem 7. Oktober, erhielt die deutsche Hamas-Zelle aus Libanon den Auftrag, Waffen nach Deutschland zu schaffen und dort einen gross angelegten Terroranschlag – im Stil des Massakers in Israel – vorzubereiten. Laut Ermittlern rekognoszierte sie dafür die amerikanische Militärbasis Ramstein, die israelische Botschaft in Berlin und das Tempelhofer Feld, einen Park in der Hauptstadt.
Ein Mitglied der Terrorzelle, Ibrahim el-Rassatmi, hatte laut deutschen Behörden bereits im April 2019 von der libanesischen Hamas den Befehl zur Einrichtung von Waffenlagern erhalten.
Die Hamas ist 1987 als palästinensischer Ableger der Muslimbruderschaft gegründet worden. In Europa gibt es keinen entsprechenden Ableger. Vielmehr setzen die Muslimbrüder hier, vor allem in der Schweiz, auf die Doktrin des «Tamkeen» – «institutionelle Verankerung» oder «Besiedlung» durch ein Multi-Generationen-Programm. Schon 2001 wurde bei einer Razzia bei Youssef Nada, dem damaligen Direktor der Al-Taqwa-Bank in Lugano, ein Dokument von 1982 sichergestellt. Das Dokument namens «Das Projekt» skizzierte einen 100-Jahres-Plan, den Experten als Versuch werten, die westliche Zivilisation durch «Sabotage» ihrer Institutionen von innen heraus zu transformieren.
«Das Projekt» fusst auf dem frommen Islam. Der Begriff Dschihad («Kampf auf Gottes Weg») hat spirituelle wie politische Dimensionen: Er verpflichtet fromme Muslime, die Verbreitung des Islams zu unterstützen, und unterteilt die Welt in zwei Kategorien. Dar al-Islam sind Gebiete unter Scharia-Gesetzen, die alle Lebensbereiche bestimmen. Im Gegensatz dazu steht Dar al-Harb («Haus des Schwertes»): alle Gebiete, die (noch) umstritten sind. Dschihad dient letztlich dazu, alle strittigen Gebiete in Dar al-Islam einzuverleiben, also unter islamische Herrschaft zu stellen. (Islam bedeutet «Unterwerfung» unter den Willen Allahs.)
Der «legalistische Islamismus» operiert strikt innerhalb westlicher Gesetze, um deren Fundamente zu untergraben. Ein weiteres Schlüsseldokument, das Erläuternde Memorandum von 1991, beschreibt die Arbeit als «grossen Dschihad zur Zerstörung der westlichen Zivilisation», ausgeführt durch die «Ungläubigen» selbst.
Sicherheitsexperten sehen die Muslimbrüder als Wolf im Schafspelz: Hinter der Fassade eines «Islams der Mitte» agiert ein hocheffizientes «Netzwerk der Netzwerke», das die demokratischen Freiheiten des Westens und selbst progressive Terminologien wie «Diversität, Gerechtigkeit und Inklusivität» systematisch gegen ihn selbst wendet. Ziel ist nicht der schnelle Umsturz, sondern die langfristige «zivilisatorisch-dschihadistische» Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche.
Für die Schweiz fehlen Zahlen, doch in Deutschland greift diese Strategie heute schon. Gemäss der von der Bundesregierung finanzierten Motra-Studie vom vergangenen März sind 45,1 Prozent aller Muslime unter 40 in Deutschland offene oder latente Islamisten – doppelt so viele wie vor fünf Jahren. 23,8 Prozent aller Muslime in Deutschland halten «einen islamischen Gottesstaat für die beste Staatsform». 25,1 Prozent sagten aus: «Die Regeln des Korans sind mir wichtiger als die Gesetze in Deutschland.» Auch wenn solche Einstellungen nur schwer messbar und deshalb mit Vorsicht zu geniessen sind, ist der Trend eindeutig.
Die Bruderschaft fungiert als «Förderband» der Radikalisierung, baut ein geistiges und ideologisches Fundament für Terrorgruppen wie den IS und liefert die grundlegenden Narrative für das Endziel, einen globalen theokratischen Staat unter der Scharia zu errichten.
Der totale Anspruch
Dieser Machtanspruch ist tief in der Geschichte der Muslimbrüder verwurzelt. Hassan al-Banna gründete die Organisation 1928 in Ägypten. Er sah sich als Salafist und legte den Koran fundamentalistisch aus. Er sah den «Islam als Lebensweise»; die Religion sollte alle Aspekte des Lebens organisieren. Nach seiner – nie aufgeklärten, aber dem damaligen König Farouk angelasteten – Erschiessung 1949 auf offener Strasse wurde er zum Märtyrer, und die Bruderschaft breitete sich auf über 70 Länder aus.
Die intellektuelle Radikalisierung erfolgte in den 1940er-Jahren durch den Chefideologen Sayyid Qutb, der die Brücke zwischen Islam und Terror schlug, indem er den offensiven Dschihad als physische Kriegsführung legitimierte. Qutb war überzeugt, dass nur der Islam alle Übel der Gesellschaft beseitigen könne. Seine Werke werden heute – unkritisch – in Schweizer Institutionen wie dem Islam-Museum in La Chaux-de-Fonds präsentiert.
Diese Ideologie wurde später von Yusuf al-Qaradawi zementiert, dessen Programm «Scharia und Leben» auf Al Jazeera bis zu 60 Millionen Zuschauer erreichte. Er definierte klare Regeln: Der Mann führe die Familie und dürfe seine Frau bei «Auflehnung» schlagen. Homosexualität sei «Abartigkeit», die mit dem Tod bestraft werden könne, um die Gesellschaft «reinzuhalten». Al-Qaradawi liess keinen Zweifel an seinem Ziel, «Europa zum Islam zu bekehren». Adolf Hitler pries er als «göttliche Bestrafung» für die Juden.
Die Schweiz als strategische Drehscheibe
Die Schweiz dient den Muslimbrüdern seit der Ankunft von Saïd Ramadan 1961 als zentraler Rückzugsraum. Dem persönlichen Sekretär und Schwiegersohn des Gründers Hassan al-Banna gelang es damals, den politischen Islam als Bollwerk gegen den Kommunismus darzustellen, während Nachrichtendienste ihn als «faschistischen Typ» und sein Zentrum als «verschwörerisch» einstuften.
Laut Sicherheitsexperten ist die Schweiz heute – nach England – die zweitwichtigste Drehscheibe für die Muslimbrüder in Europa. Sie dokumentieren, dass einzelne Organisationen personell durch bestimmte Clans geprägt sind: Ramadan in Genf, Kermous in Neuenburg und Waadt, Nada und Himmat im Tessin und in Zürich.
Die Ramadan-Dynastie in Genf soll das Erbe des Gründers Hassan al-Banna fortführen und leitet das Islamische Zentrum Genf. Al-Bannas Enkel Tariq Ramadan verbreitete als Starautor das Gedankengut der Muslimbrüder in Europa. Doch dann sprach das Genfer Kantonsgericht Ramadan 2024 der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung einer Frau schuldig. Das Bundesgericht bestätigte dieses Urteil vor einem Jahr. Und im März verurteilte ein Strafgericht in Paris Ramadan wegen Vergewaltigung von drei Frauen zu 18 Jahren Gefängnis mit lebenslänglichem Landesverbot.
Pikant dabei ist die unverständliche Tatsache, dass der Schweizer Islamist zwölf Monate nach dem Urteil des Bundesgerichts weiterhin auf freiem Fuss ist. Eine Klägerin sagte, sie habe den Eindruck, das «Raubtier» werde in der Schweiz «übermässig geschützt».
Der Kermous-Clan um Mohamed und Nadia Kermous in Neuenburg und Waadt gründete über ein Dutzend Vereine, die dem Aktivismus und prokatarischen Lobbying dienen sollen – unter anderen die Ligue des Musulmans de Suisse, die laut Ermittlern den Muslimbrüdern nahesteht.
Urgesteine wie Youssef Nada und Ali Ghaleb Himmat etablierten in Lugano und Zürich Standorte, die Verantwortliche einer Sicherheitsorganisation, die nicht genannt werden wollen, als finanzielle Drehscheiben der Muslimbruderschaft beschreiben. Himmats Sohn Youssef führt heute die paneuropäische Jugendorganisation Forum of European Muslim Youth and Student Organizations an.
Mitglieder eines Clans dienen oft im Vorstand der Organisation einer anderen Familie. So sitzt zum Beispiel Tariq Ramadans Bruder Hani Ramadan im Stiftungsrat der Wakef-Suisse- Stiftung unter der Leitung von Mohamed Kermous, der wiederum Ehemann der Leiterin des Islam-Museums ist, in Organisationen der Himmat-Familie im Tessin sitzt und vom französischen Geheimdienst als «Schatzmeister» innerhalb des Netzwerks der Muslimbrüder bezeichnet wird. Das Ergebnis ist ein undurchsichtiges Geflecht von Organisationen.
Werbung für Islamisten
Wie tief diese Netzwerke bereits in Schweizer Institutionen eingedrungen sind, zeigen aktuelle Fälle von «Entrismus». Darunter versteht man eine Strategie des gezielten, mitunter heimlichen Eindringens in westliche Organisationen, erfolgreich angewendet ursprünglich von kommunistischen und trotzkistischen, heute von islamistischen Kreisen.
Nida-Errahmen Ajmi, auch unter ihrem Pseudonym Nidonite bekannt, wurde 2024 zur ersten muslimischen Armeeseelsorgerin der Schweiz ernannt. Was als Sieg der Integration gefeiert wurde, sehen Kritiker als Beispiel für den wachsenden Einfluss islamistischer Organisationen auch im Staat. In einem Interview mit «Liberté» sagte Nidonite einmal: «Ich bin ein explosiver Mensch.»
Das mag ein harmloser Witz gewesen sein. Doch Ajmis Vater, der Genfer Anwalt Ridha Ajmi, ist laut Experten eine zentrale Figur der tunesischen Muslimbrüder und stellte einst die Loyalität zur religiösen Gemeinschaft (Umma) explizit über die Rechtsordnung des Staates, als er einen mutmasslichen dschihadistischen Terroristen verteidigte.
Youssef Ibram, Imam einer Moschee in Volketswil, propagierte auch schon Steinigungen für Ehebrecherinnen und sass in al-Qaradawis Europäischem Rat für Fatwa und Forschung. Die Moschee gehört zur Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ), deren Grundsatzerklärung sich für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gleichberechtigung ausspricht und die jeglichen Bezug zur Muslimbruderschaft energisch zurückweist.
Gleichwohl warb die VIOZ für Anlässe mit dem Islamologen Amir Zaidan, der gemäss einem Urteil des Verwaltungsgerichts Wiesbaden sagte: «Ich bin offiziell kein Mitglied, aber ich vertrete das Gedankengut der Moslembruderschaft.»
Als Mitglied eines religiösen Rates war Zaidan an einem Rechtsspruch beteiligt, der festlegte, wie weit sich eine Frau von ihrem Haus entfernen darf: nicht mehr als 81 Kilometer – die Distanz, die ein durchschnittliches Kamel in einem Tag zurücklegt.
Der Gründer des Parfum-Herstellers Gisada, Arben Ademi, war nicht nur Hauptsponsor des FC Basel, sondern soll gemäss einem Bericht der Bundeskriminalpolizei die radikale Koran-Verteil-Aktion «Lies!» mit «bedeutenden Geldbeträgen» unterstützt haben.
Ademi bestritt zwar jegliches extremistische Gedankengut; doch Ermittlungen der Bundeskriminalpolizei zeigten, dass der deutsche Verein «Die wahre Religion», Träger von «Lies!», radikale Prediger unterstützte und Rekrutierungen für den Islamischen Staat erleichterte. In Deutschland wurde der Verein verboten; in der Schweiz blieb «Lies!» aktiv.
Khaldoun Dia-Eddine doziert an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW), sitzt im Beirat des Islam-Zentrums der Universität Freiburg und ist Vizepräsident der Föderation islamischer Dachorganisationen Schweiz, diente aber auch im Vorstand von Organisationen mit verurteilten Führern der Bruderschaft wie Ali Ghaleb Himmat. Er leitete die Genfer Filiale der IICO, der verschiedene Geheimdienste Verbindungen zur Hamas nachsagen. Gleichzeitig ist er regelmässig Ansprechpartner für Bundesbehörden und schult Polizisten zum Verschleierungsverbot.
Millionen aus Katar
An einem Tag, so Lorenzo Vidino, Programmdirektor für Extremismus an der George Washington University und Berater mehrerer Regierungen in Europa zum politischen Islam, machen «gemässigte» Islamisten Selfies mit LGBTQ-Aktivisten und suchen Kontakt zu jüdischen Vereinen. «Am nächsten Tag laden sie dann einen Prediger ein, der Gewalt gegen Frauen befürwortet und Steinigungen von Schwulen rechtfertigt.»
Die «Entrismus»-Strategie manipuliert staatliche Behörden für die Bewilligung von Fördergeldern, wird aber gleichzeitig massiv von Katar unterstützt. Die «Qatar Papers» enthüllten, dass das Emirat Millionen in Schweizer Projekte investiert, etwa das Islam-Museum und die Wakef-Stiftung. Katar investiert weltweit Milliarden in Bildungs- und Lobbyprojekte; Kritiker sehen darin auch den Versuch, ein günstiges Umfeld für islamistische Strömungen zu schaffen. Die Mittel sind nahezu unbegrenzt und der Zeithorizont langfristig – die Bruderschaft denkt nicht in Quartalen, sondern Jahrhunderten.
Um ihre Pläne vor Widerstand zu schützen, nutzt sie auch «Marhaliyyah» (Phasenanpassung): Sie passt ihre Sprache taktisch dem westlichen Diskurs an. Das zeigt die ISGAP-Studie von 2025. Kritik wird systematisch als «Islamophobie» gebrandmarkt, zum Beispiel im von Farid Hafez in Wien publizierten – und mit Fördergeldern der EU und des türkischen Aussenministeriums finanzierten – jährlichen «European Islamophobia Report». Der Begriff ist eine rhetorische Waffe, um jede substanzielle Kritik im Keim zu ersticken, Finanzierungsgesuche durchzudrücken und eine kulturelle Blindheit zu erzeugen, bei der taktische Zurückhaltung oft fälschlicherweise als gelungene Integration gedeutet wird.
Notwendige Selbstverteidigung
Westliche Beobachter neigen dazu, den politischen Islam als rein religiöses Phänomen misszuverstehen. Er ist vielmehr ein allumfassendes politisches System. Sicherheitsexperten vergleichen die Strategie der Muslimbruderschaft mit einem Termitenbefall: Sie zersetzen das tragende Holz von innen heraus, während die Bewohner glauben, das Gebäude sei noch intakt – bis es unter seinem eigenen Gewicht zusammenbricht.
«Sicherheitsexperten vergleichen die Strategie der Muslimbruderschaft mit einem Termitenbefall: Sie zersetzen das tragende Holz von innen heraus, während die Bewohner glauben, das Gebäude sei noch intakt – bis es unter seinem eigenen Gewicht zusammenbricht»
Staaten wie Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Kenia und die Vereinigten Arabischen Emirate haben dies erkannt und die Bruderschaft längst als Terrororganisation verboten. Gewiss, in der Schweiz gelten Grundwerte wie Diversität, Toleranz und Schutz von Minderheiten. Doch es ist höchste Zeit, dass auch die Schweiz ihre Laisser-faire-Mentalität aufgibt.
Transparenz in der Finanzierung, ein konsequentes Verbot von Tarnorganisationen der Muslimbrüder und eine wachsame Prüfung bei Stellenbesetzungen in sensiblen Bereichen wie der Armee und dem Fedpol sind keine Diskriminierung. Sie sind notwendige Selbstverteidigung einer westlichen Demokratie, die ihre Werte nicht durch Naivität aufs Spiel setzen darf. Denn ein Rechtsstaat, der seine Augen vor den Netzwerken im Hintergrund verschliesst, verliert letztlich die Fähigkeit, seine Bürger zu schützen.