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Die neue Ehrlichkeit

Sagen, wie es wirklich ist.

Christine Brand, zvg.

Ich bin auf Facebook mit einer Frau befreundet, die ich aus meiner Schulzeit kenne und doch nicht kenne. Sie war eher eine Aussen­seiterin – die Uncoole, die zwar immer mal wieder dabei war, die man aber nicht unbedingt zur Freundin haben wollte. Das ist viele Jahre her.

Die Posts, die sie heute online stellt, unterscheiden sich von den anderen in meiner Timeline. Auch sie teilt Momente aus ihrem Leben. Doch oft sind es schwere Momente aus ­einem schwierigen Leben. Zum Beispiel, wenn sie erneut eine Absage auf eine Jobbewerbung erhalten hat. Wenn ein Sozialprojekt eingestellt wird und sie ihre einzige Aufgabe verliert. Wenn sie schreibt, dass sie fast die Hoffnung aufgibt, oder ­darüber, wie einsam sie sich fühlt.

Ihre Mitteilungen berühren, auch weil sie entwaffnend ehrlich sind. In unserer sozial-medialen Welt, in der wir vieles glänzender erscheinen lassen, als es in Wirklichkeit ist, sticht heraus, wer ungeschönt Farbe bekennt. Seit wir uns im Internet täglich selbst anpreisen und verkaufen, haben wir uns ­angewöhnt, uns ins beste Licht zu rücken. Ganz egal, wie es uns wirklich geht.

Doch das ändert sich gerade. Die Pandemie tut vielen nicht gut. Und endlich beginnen wir auch, darüber zu reden. Die Frage, wie es jemandem geht, ist auf einmal mehr als eine Floskel. Die Antworten sind plötzlich ehrlich. Freunde teilen mit, dass sie traurig sind, dass sie keine Kraft mehr haben, dass ihr Leben manchmal ein Biest ist.

Der Wandel zu einer neuen Ehrlichkeit zeichnet sich auch im Grossen ab. Bei den Olympischen Spielen in Tokio erklärte die Kunstturnerin Simone Biles, dass sie an ihre mentalen Grenzen gestossen sei. Die Tennisspielerin Naomi Osaka sprach öffentlich über ihre Depression. Beide hätten auch eine körperliche Verletzung vorschieben können.

Vielleicht hat damit die Pandemie in diesem einen Punkt etwas Gutes bewirkt: Wir reden offener darüber, wie es uns geht. Auch wenn es nicht so gut geht. Es kann sehr befreiend sein, geradeheraus zu sagen, wie es wirklich ist.

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