Zynismus hilft

Warum gute Absichten nicht immer zu guten Resultaten führen.

 

Zyniker sind nicht die beliebtesten Zaungäste in der politischen Arena. Schliesslich geht es in der Demokratie um Ideale, Werte, grosse Fragen und noch grössere Versprechen. Nur schon die Vorstellung, dass dahinter auch weniger hehre Interessen stecken könnten, wird in der Regel mit Empörung quittiert. Doch selbst wenn man kein Zyniker ist, hilft der Blick des Zynikers, die weniger ruhmvollen Seiten der Politik zu sehen und nützliche Schlüsse daraus zu ziehen.

Ein Beispiel: Seit Jahrzehnten pumpen Industrieländer Milliarden an Entwicklungshilfegeldern in ärmere Länder. Der Idealist geht davon aus, dass dieses Geld wirksam in Bildung, soziale Sicherheit und Umweltschutz investiert wird. Der Zyniker ­meldet Zweifel an: Die korrupten Herrscher, vermutet er, ­küssen den Wohltätern die Schuhe – und stecken das Geld in die eigene Tasche.

Tatsächlich haben Untersuchungen gezeigt, dass ein beträcht­licher Teil der Entwicklungshilfe nicht für Verbesserung der Lebensumstände der Menschen in den betreffenden Ländern ausgegeben wird. Schlimmer noch: Eine Studie der Ökonomen Paul Collier und Anke Hoeffler ergab, dass mehr Entwicklungshilfe zu höheren Armeebudgets führt. Demnach hoben Empfängerländer für einen Dollar Hilfsgelder die Militärausgaben im Schnitt um 11 Cent an – mit oft tragischen Folgen für die Menschen vor Ort. Durch Entwicklungshilfe wurden letztlich Kriege querfinanziert.

Nun könnte man schlussfolgern, dass Entwicklungshilfe generell schädlich sei und abgeschafft gehöre. Doch es gibt auch eine positive Seite der Geschichte: Als die Geberländer realisierten, dass ihre Zahlungen nicht immer für die vorgesehenen Zwecke eingesetzt wurden, reagierten sie. Sie begannen, die Verwendung von Hilfsgeldern durch Regierungen strenger zu kontrollieren oder diese via multilaterale Organisationen und Nichtregierungsorganisationen auszugeben.

Hätte man nur auf den Idealisten gehört, würden afrikanische Kleptokraten heute noch mit westlichen Zuwendungen Menschen ermorden. Der Zyniker hingegen hat durch seine weniger gutmütige Weltsicht letztlich eine reale Verbesserung bewirkt. Ja, man kann sagen: Zyniker sind das Beste, was Idealisten passieren kann.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»