Zwischen Buchstaben und Federstrichen: das Glück

Der Künstler Filib Schürmann pflegt mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig:
eine zu Papier und Pinsel, eine eher zurückhaltende zur Farbe und eine grosse zur Akribie. Wie lebt es sich in dieser permanenten Menage à trois?

Zwischen Buchstaben und Federstrichen: das Glück
Tastenknecht Gottes, von Filib Schürmann.

Lieber Filib, ich zitiere: «Ich und meine Wenigkeit sagen nichts, wir hören bloss zu.» Das Zitat stammt aus einem deiner Texte – und verspricht ein wohl ziemlich einseitiges Gespräch…

(lacht) Damit das nicht passiert, mache ich eine Ausnahme.

Gut. Aber lass uns das Zitat trotzdem ernst nehmen. Was hörst du denn den lieben langen Tag?

Vogelgezwitscher! Im Moment tatsächlich viel Vogelgezwitscher. Ansonsten sind es mehr Stimmen im Kopf. Ich meine, ich bin nicht verrückt oder dergleichen, aber es spielen sich einige Geschichten ab in meinem Kopf. Und den Geschichten im Kopf sollte man aufmerksam zuhören.

Wenn ich vor deinen Zeichnungen stehe, meine ich manchmal, sie auch zu hören, diese Stimmen.

Ach ja? Was hörst du?

Manchmal schleicht sich eine Art Brummen, wie das eines Bienenvolkes, in mein Ohr. Vielleicht kommt das von den vielen Linien…

Das ist lustig, ich habe letztens eine Serie gemacht, die jetzt im «akku» in Emmen gezeigt wird und den Namen trägt: «Innere Geräuschkulisse». Diese Arbeiten sind dicht, dunkel und zeigen formal Frequenzen, also Ausschläge wie bei der Anzeige von Lautstärke. Aber ja: Die Tausenden von Linien. Was soll ich sagen? Ich versuche auf das Papier zu schütten, was mir im Kopf herumgeht. Das Bild vom Bienenvolk finde ich als Vergleich ganz passend. Ich bin wohl auch eine Arbeiterbiene – eine egoistische. Ich diene dabei nicht dem Volk, sondern mehr den Linien. Weil ich das Akribische und das Repetitive gerne mag, weil es mir wichtig ist. Obwohl man es den Arbeiten kaum ansieht: das Füllen der Blätter ist das einzige, das mich beruhigt und gedankenlos zu machen vermag.

Wenn wir uns nun bereits auf dem Blatt befinden: Wie entstehen deine Zeichnungen? Und was bedeutet das «gedankenlos»?

Ich habe meist eine Hauptarbeit, mit der ich mich vorwiegend beschäftige. Daneben liegen mindestens zwei oder drei andere weisse Blätter im Raum herum. Ich bin sehr geizig, was Farbe anbelangt. Wenn ich also zum Beispiel mit der Feder zeichne und dabei unterbrochen werde, dann muss ich auf einem dieser anderen Blätter die restliche Tinte loswerden. Ich hasse es, Pinsel auszuwaschen – also male ich weiter, bis keine Farbe mehr da ist. Dadurch entsteht dieses Gekritzel auf den weissen Blättern, die wiederum die Grundlage für andere Arbeiten bilden. Mir fällt es schwer, auf einem gänzlich leeren Blatt anzufangen. Seien es Formen oder Kleckse, ich brauche eine Art Einladung des Papiers an mich: Noch die kleinsten und feinsten Linien sind wie Geschenke, auf die ich dann reagieren kann. Es ist, wenn du so willst, eigentlich eine Art Liebesbeziehung. Ich arbeite Strich für Strich, Linie für Linie – und dabei ist mir der Aufbau, der Prozess viel wichtiger als der Gedanke an das fertige Bild.

Gerade so, als würdest du dich auf eine ungewisse Reise begeben?

Es gleicht eher dem Fallenlassen einer Schachtel Streichhölzer oder vieler Mikadostäbe. Dir ist doch sicher schon einmal eine Schachtel mitsamt Inhalt heruntergefallen, nicht? Und wenn dann das alles vor dir liegt, stellst du fest, dass in einem vermeintlichen Chaos plötzlich ein ganz neuer Sinn steckt. So ist das mit meinen Strichen: sind einmal einige da, sehe ich neue Bilder dazwischen. Einigen davon widme ich mich, andere ignoriere ich.

Und du ergänzt Buchstaben!

Ja, die formale Einbindung der Sprache hat dann etwas mit meiner Unsicherheit in den Zeichnungen zu tun, die Typographie ist etwas sehr Spezifisches, das gibt Halt. Formal waren Buchstaben für mich immer Bildelemente – so wie eine Linie, eine Fläche oder eine Schraffur. Mit der Zeit hat sich das auch zu Geschichten, Mythen oder einfach «Gedankenwürmern» weiterentwickelt, und die Figuren wurden innerhalb einer Hierarchie benannt.

Gibt es Literatur, die dich beeindruckt? Oder besser: Hast…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»