Zwei Seiten, Drei Säulen, Ein Problem

Verkrustete Vorgaben, unrealistische Zinsversprechen und Reformresistenz: Die berufliche Vorsorge ist erstarrt. Wie lässt sich das System dennoch bewegen? Ein Streitgespräch.

Zwei Seiten, Drei Säulen, Ein Problem

Herr Zeier, Hand aufs Herz – haben Sie Ihren Vorsorgeausweis schon einmal näher angeschaut?

Zeier: Ich kenne den Vorsorgeausweis vom Studium her und von meinem früheren Arbeitgeber. Wenn wir aber ehrlich sind, kennen ihn die meisten Leute nicht.

Wissen Sie, wie hoch die Verwaltungskosten Ihrer Pensionskasse sind?

Zeier: Nein. Jetzt haben Sie mich erwischt!

Auf unserem Vorsorgeausweis steht dieser Aufwand schwarz auf weiss vermerkt. Frau Bianchi, wie hält es die Pensionskasse des Gewerkschaftsbundes mit der Kostentransparenz?

Bianchi: Da steht auch nichts drauf. Aber dies hat einen nachvollziehbaren Grund: Bei den Gewerkschaften zahlt der Arbeitgeber alle Verwaltungsgebühren. Die Versicherten sind von dieser Last befreit.

Das Ziel des Gewerkschaftsbundes ist das Rentenalter 62 und ein Lohnersatz von 75 Prozent – so hat es uns Daniel Lampart einst erläutert. Glauben Sie weiterhin daran?

Bianchi: Das traf in der Tat früher zu. Seit ich die Geschäftsführung der Pensionskassen übernommen habe, musste ich einen Primatwechsel durchführen: vom Leistungs- zum Beitragsprimat. Wir sind immer noch bei sehr guten 70 Prozent des letzten versicherten Lohnes. Diese Leistung kann sich trotz Wechsel sehen lassen.

Macht sich Ernüchterung breit? Um es mit einer Metapher Ihres Vorgängers zu sagen: Das darf als ein sehr gut ausgestattetes Auto gelten, aber nicht mehr als Luxuskarosse.

Bianchi: Jetzt ist es kein Rolls-Royce mehr, aber immer noch ein Mercedes.

Herr Rentsch, Sie sind pensioniert, geben aber selbstverständlich weiterhin Vollgas. Setzen Sie auf eine Rente der beruflichen Vorsorge, oder haben Sie das ganze Kapital schon bezogen?

Rentsch: Als Liberaler liegt mir an der Verfügungsmacht über mein Eigentum. Ich habe in meiner Berufskarriere nie gewusst, wer mein Kapital verwaltet. Das war für mich Grund genug, das Kapital zu beziehen und damit die Verwaltung meines Kapitals den anonymen Gremien zu entziehen. Ich habe dies im Wissen getan, dass ich, rein statistisch gesehen, davon profitieren würde, wenn ich eine Rente bezöge. Denn ich gehöre zu der Generation, die bereits die Ersparnisse der Aktiven aufzehrt.

SP-Bundesrat Alain Berset will den erst seit 1995 möglichen Kapitalbezug einschränken beziehungsweise verbieten, damit die Leute – angeblich – das Kapital nicht mehr verjubeln können und nachher auf Ergänzungs- und Sozialleistungen angewiesen sind. Was halten Sie von dieser Idee, Herr Zeier?

Zeier: Gar nichts! Das Angesparte gehört ja von Gesetzes wegen dem Versicherten. Es geht hier um eine fundamentale Frage der Eigenverantwortung. Die meisten Menschen können mit ihrem Kapital umgehen. Für das Versagen einiger weniger alle zu bestrafen, ist völlig daneben. Darüber hinaus ist klar: den Bezug zu verbieten wäre bloss Symptombekämpfung. Das kann es definitiv nicht sein.

Bianchi: Ich freue mich, wenn nun auch die Jungfreisinnigen indirekt das System der Ergänzungsleistungen loben, das sehr gut funktioniert.

Zeier: Die Gewerkschaften werden sich nicht mehr lange über die neue Generation der FDP freuen. Wir Jungfreisinnigen sagen: es braucht eine Reform, aber die muss viel weiter gehen als die von Berset geplante…

Bianchi: Zurück zur Sache: die Rente ist eine stabilere Vorsorge als der Kapitalbezug. Aber Leute mit tiefen Einkommen, die rund 100 000 Franken zusammengespart haben, sollten auch das Geld beziehen können. Die wollen keine Rente, auch nicht mit einem Mindestumwandlungssatz von 6,8 Prozent – selbst wenn sie davon profitieren. Diese Leute wollen das Kapital, weil sie damit endlich jemand sind. Das ist aus meiner Sicht ein legitimes Motiv.

Der Kapitalbezug muss also bleiben: Das halten wir gerne so fest, Frau Bianchi. Somit stellen Sie sich gegen den Bundesrat, mit dem Sie sonst zu sympathisieren pflegen?

Bianchi: Der Kapitalbezug kann in einem Zwangssparsystem nicht völlig ausgeschlossen werden. Die Frage wird sein, welches Netz wir sonst noch haben für jene Leute, die diese Eigenverantwortung nicht so gut wahrnehmen können, wie sie sich selbst das womöglich wünschen.