Zwar schön, aber sonst?

Wohltuend elegant kommt das Bändchen daher, in bordeauxrotem Leinen, mit Prägung auf dem Titel, dazu ein Memorierbändchen und das Ganze im Schuber: fürwahr ein schönes Buch. In Zeiten der billigen und ebensooft billig gemachten Druckwerke ist dies an sich schon kein geringes Verdienst. Die Credit Suisse hat, als jahrelang engagierte Förderin der Musik, dieses Buch über «Komponisten in Basel» veranlasst, ein Thema mithin von einigem Interesse, und man hat sich dafür offenbar keine finanziellen Beschränkungen auferlegt, jedenfalls keine erkennbaren. So nimmt man also das Resultat voller Neugier zur Hand; doch schon beim ersten Blättern weicht die Freude einem Erstaunen, das von Seite zu Seite wächst.

«Komponisten in Basel» sollen hier vorgestellt werden, aber bereits im allzu knappen Vorwort ist einschränkend die Rede von blossen Verknüpfungen, schliesslich gar von «zum Teil amüsanten Bezügen zum Musikleben der Stadt Basel». Wer immer also für die Auswahl der 70 Namen wirklich verantwortlich zeichnet – die tatsächliche Nähe zur Stadt Basel war ihm ein Begriff von anscheinend unendlicher Dehnbarkeit. Denn herausgekommen ist ein heterogenes Sammelsurium, geordnet nicht allein nach der nivellierenden Kraft des Alphabets, sondern auch des einheitlichen Layouts. Dem sechsseitigen Muster (Name, Portrait, Faksimile und Kurztext) wurde alles erbarmungslos unterworfen, ob nun sinnvoll oder nicht. Im Bändchen begegnen sich also Hans Huber, Ludwig Senfl, Johannes Brahms und Thüring Bräm gewissermassen auf der Augenhöhe des einheitlich bemessenen Raumes.

Zuweilen wird der Basel-Bezug in wohlfeile Beliebigkeit aufgelöst. Viele Verbindungen verdanken sich dem Mäzenatentum Paul Sachers, der allerdings kaum «Komponisten in Basel» produzieren wollte. Weberns Verbindungen zur Stadt etwa liegen im wesentlichen darin begründet, dass sein Nachlass dort liegt. Glarean oder Nietzsche wird man auch bei wohlwollender Betrachtung nicht als «Komponisten in Basel» bezeichnen können. Kurzum: Komponist in Basel ist offenbar ein Epitheton für jeden, der irgendwie – wie Mahler – über einen wenn auch noch so bescheidenen Kontakt an den Rhein verfügt hat. Je weiter dies in die Geschichte verlängert wird, desto waghalsiger wird es dann: Sammartini wurde allen Ernstes aufgenommen, weil man seine Werke in Basel gespielt hat; Zelenka, weil er wesentlich von Heinz Holliger wiederentdeckt worden sei. Wenn dies die Messlatte ist, dann wäre auch Beethoven ein Komponist in Basel, werden doch seine Werke dort kontinuierlich seit dem 19. Jahrhundert aufgeführt…

Bei so breitem Spielraum erstaunen dann die Defizite um so mehr: Richard Strauss fehlt ganz, dasselbe gilt für Richard Wagner, Hans von Bülow oder Selmar Bagge. Senfl wurde zwar aufgenommen, mit falschem Geburtsdatum, doch ist die Geburt in Basel allenfalls hypothetisch. Ganz anders bei Guillaume Dufay, der zwar nicht aus Basel stammt, aber dort für einige Zeit gewirkt hat, doch sein Name fehlt. Dass in Basel wohl der erste Druck mehrstimmiger Musik nördlich der Alpen entstanden ist, hätte in einem solchen Buch doch eines Hinweises wert sein dürfen. Die beigegebenen Texte sind unterschiedlich präzis geschrieben und zeugen nicht immer vom Willen, die Dinge auf dem knappen Raum wirklich zuzuspitzen. Am Ende legt man das Buch ratlos aus der Hand. Eine schöne und opulent verwirklichte Idee wurde verschlissen in der Laune konzeptioneller Beliebigkeit, die der Sache wahrlich nicht nützt. Schade.

vorgestellt von Laurenz Lütteken, Zürich

Mark Kunz & Beat Keusch (Hrsg.): «Komponisten in Basel. Siebzig musikalische Begegnungen aus fünf Jahrhunderten». Basel: Schwabe, 2008

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