Zusammenrücken!

Die moderne Stadt wird gemeinhin von der Peripherie her gedacht. Ist das ein grosses Missverständnis? Überlegungen zur Architektur der Zukunft: jener der städtischen Dichte.

Zusammenrücken!
© Joël Tettamanti

Dichte steht am Ursprung allen menschlichen Siedelns. Höfe, Dörfer und grössere Ansiedlungen wurden gegründet, um sich zu schützen und geschützt besser zu wirtschaften. In allererster Linie wurden sie jedoch gegründet, um dank der räumlichen Nähe besser miteinander interagieren und kommunizieren zu können. Seit jeher ist Dichte die unmittelbare Folge des kulturellen Bedürfnisses nach dem Zusammenrücken. Sie ist die Essenz des Urbanen, die in der Stadt ihre Apotheose erreicht.

Mit dem Phänomen des Urbanen war immer schon jenes des Suburbanen verbunden: jener unscharf begrenzte Bereich, der bereits in der Antike den Übergang der Stadt zur umliegenden Landschaft gekennzeichnet hat. Das Suburbane war jahrhundertelang privilegierter Wohnsitz derjenigen, die sich neben einem Stadtpalais auch eine Vorortsvilla leisten konnten. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es als Alternative zur verkommenen, verschmutzten, zugebauten und übervölkerten Grossstadt entdeckt, die auch den Vertretern der mittleren und niedrigen Einkommensschichten zugänglich gemacht wurde. Bahnbrechend war dabei die reformistische Gartenstadtbewegung des englischen Privatgelehrten Ebenezer Howard. Anfang des 20. Jahrhunderts wuchsen die Städte nicht mehr dadurch, dass sie ihr Zentrum verdichteten und am verdichteten Zentrum anbauten, sondern indem sie in zunehmend fragmentierten und aufgelockerten peripheren Ansiedlungen explodierten. Heute wohnen in Europa etwa zwei Drittel der Bevölkerung in dem, was neutral als «Peripherie» und zunehmend abschätzig als «Agglo» oder «Urban Sprawl» bezeichnet wird.

 

Umwertungen oder Das historische Zentrum als modernes Lehrstück

Bei aller Unterschiedlichkeit haben sämtliche zeitgenössischen städtebaulichen Theorien, von Rem Koolhaas bis Thomas Sieverts, eines gemeinsam: Sie gehen, euphorisch oder widerstrebend, vom Primat der Peripherie aus, im Sinne der Kraft des Faktischen. Suburbia vermag zwar befragt, analysiert, kritisiert, korrigiert und modifiziert zu werden, wird aber nicht grundlegend in Frage gestellt. Ich möchte nun jedoch anregen, genau den entgegengesetzten Weg zu beschreiten: vom Stadtzentrum auszugehen, um die Peripherie zu hinterfragen und zu verändern.

In Tat und Wahrheit ist die Innenstadt nach wie vor nicht nur ausgesprochen funktionstüchtig, sondern überwiegend ein Ort hervorragender Lebensqualität – das beweisen all jene, die es sich leisten können, in Paris, London, Mailand oder Madrid zu leben (und all jene, die gerne würden, es sich aber nicht leisten können). Man wohnt dort zumeist in grossen und ruhig gelegenen Räumen, mit Blick auf eine architektonisch attraktive Umgebung. Man kann dort gut arbeiten, oft in umgenutzten Häusern, die offene, kommunikative und reizvolle Situationen schaffen. Man kann sich dort gut bilden, erholen und amüsieren. Und zwischen alledem kann man sich gut bewegen, weil die Entfernungen in wenigen Gehminuten zurückgelegt werden können, zwischen Cafés, Museen und Bibliotheken.

Gerade dieses System von öffentlichen Räumen erweist sich als vielleicht wichtigstes Element des historischen Stadtzen-trums. Durch die feine Vernetzung schafft es nicht nur direkte Verbindungen zwischen den verschiedenen Punkten der Stadt, sondern dazwischen auch zahllose Gelegenheiten der geplanten und ungeplanten Begegnungen und damit des zwischenmenschlichen Austausches. Dies macht die alte Stadt zum Kommunikationsdispositiv: zu dem, was heute jedes aufgeklärte Privatunternehmen, jede fortschrittliche und ambitionierte öffentliche Institution mehr oder minder künstlich zu reproduzieren versucht. Die zeitgenössische Bildungs- und Arbeitswelt erfindet alle möglichen Apparate und Strukturen, um das Vermögen an Informationen, das sie verwaltet, aber oft mangelhaft verwertet, besser zirkulieren zu lassen; die historische Stadt ist ein Modell für vorbildliches Knowledge Management. Im Gegensatz zu dem, was Le Corbusier unentwegt behauptet hat, ist sie eine extrem effiziente Maschine.

Die alte Stadt ist freilich noch viel mehr als dies. Sie erlaubt Lernen und Erinnern und damit gemeinsame Identifikationen jenseits aller Ungleichheit. Mit anderen Worten: sie fördert die Konstruktion und Verfeinerung einer Gemeinschaft. Die historische Stadt ist eng mit dem Leben der Menschen verknüpft und authentisch. Diese Authentizität und diese Verknüpfung mit dem Leben vermag keine noch so perfekte Nachahmung zu reproduzieren. Und beide Qualitäten sind in…

Scheitern wir am Raum?

Die Konstellation ist brisant: die Schweiz ist in den letzten Jahrzehnten bevölkerungsmässig spürbar gewachsen, von 6,3 (1980) auf 8,2 Millionen (2013) Einwohner – und mit ihr der Wohnraum, allerdings nicht in die Höhe, sondern in die Breite. Dem bunten Treiben haben Herr und Frau Schweizer bis vor kurzem mit Gelassenheit, ja Gleichgültigkeit zugeschaut. Das Siedlungswachstum, […]

Gut Stadt will Weile haben
© Joël Tettamanti
Gut Stadt will Weile haben

Dom oder Wolkenkratzer? Konstanz oder Wandel? Erfolgreich waren Städte immer dann, wenn sie beides unter einen Hut brachten – und ihre innovative Dynamik auf dem Sockel einer kulturellen Tradition entfalten konnten. Jahrhundertelang bot Europas Zerrissenheit die beste Basis für Städte, Stolz und Standortmarketing.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»