Zurück zum Zweiermodell

1995 haben die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) und der Bund das Typenmodell der Maturität durch ein Wahlfachmodell abgelöst. 20 Jahre danach sind nicht nur Retouchen bei der Benotung vorzunehmen, sondern es ist aufgrund der umfangreichen Evaluationen und Studien wieder ein Typenmodell einzuführen. Dabei sind auch interessante deutsche Entwicklungen wie die duale Universität einzubeziehen. […]

1995 haben die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) und der Bund das Typenmodell der Maturität durch ein Wahlfachmodell abgelöst. 20 Jahre danach sind nicht nur Retouchen bei der Benotung vorzunehmen, sondern es ist aufgrund der umfangreichen Evaluationen und Studien wieder ein Typenmodell einzuführen. Dabei sind auch interessante deutsche Entwicklungen wie die duale Universität einzubeziehen. Diese könnten den unfruchtbaren Streit zwischen Maturität und Berufsbildung abbauen und ermöglichen, die zunehmend knappen Begabungsreserven besser zu nutzen.

 

Neue Rahmenbedingungen

Die Entwicklung der letzten Jahre und insbesondere der Zukunft ist durch folgende bildungsrelevante Trends gekennzeichnet:

1. Demographie: Vom Wachstum zur Abnahme der Anzahl Jugendlicher und zu vermehrter Alterung der Bevölkerung

2. Wirtschaft: Anhaltende Tertiarisierung der Berufswelt (was nicht nur Akademisierung heisst) und Minderbedarf an Unausgebildeten

3. Etwa gleichbleibender Bedarf auf der beruflichen Sekundarstufe II

4. Nach der Annahme der Einwanderungsinitiative wird eine zusätzliche Verknappung des Arbeitsangebots vorab bei qualifizierten Arbeitskräften eintreten.

5. Notwendige Ausschöpfung der Begabungspotentiale der Frauen

6. Längerfristig schwaches Wirtschaftswachstum mit verschärften Sparmassnahmen auch zulasten der Bildung

 

Eine Folge wird sein, dass es auch zu einem verschärften Verteilungskampf innerhalb des Bildungswesens kommen wird und dem Nachweis einer erhöhten Wirksamkeit von Bildungsformen eine grosse Bedeutung zukommen wird. Es ist anzunehmen, dass von den Haushaltsproblemen vor allem wegen dem steigenden Alter des Medianwählers mit Renteninteressen auch der Bildungsbereich betroffen sein wird, selbst wenn ein politischer Konsens besteht, dass im Hinblick auf die strategische Bedeutung der Bildung diese gefördert werden muss. Die einzelnen Bildungsstufen werden vermehrt hinterfragt werden, wobei Quotendiskussionen in einer freiheitlichen Bildungsverfassung verfehlt sind. Bildungswege müssen als System überzeugen. Insofern ist heute der in einigen Kantonen faktische Numerus clausus für den Mittelschuleintritt bedenklich. 

Unsere Gymnasien weisen zwar im allgemeinen eine gute Qualität auf. Dennoch sind sie in den letzten zehn Jahren mehrfach Gegenstand der Kritik geworden. Eine Analyse muss ausgehen vom kaum in Frage gestellten Zweck der Maturität als umfassender Universitätsreife (beim Erlass gab es noch keine Fachhochschulen). Sie ist das Korrelat des Rechts auf den prüfungsfreien Eintritt in eine Universität für alle Formen der Maturität.

Ein erstes Defizit mehrerer Maturitätsprofile ist die ungenügende Dotation in den sog. MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Hier sind erste Massnahmen durch ein etwas höheres Gewicht in der Gesamtnote vorgenommen worden. Dies genügt indessen kaum, um das anspruchsvolle Ziel der Maturitätsordnung flächendeckend zu erreichen.

Ein heikler Punkt sind die hohen Drop-out-Raten an den Universitäten. Die ETHZ hat 2007 eine Studie über Studienerfolge 2001 bis 2003 durchgeführt. Sie kommt zum Schluss, dass Absolventen der Matura A mit teilweise hohem Abstand die niedrigste Drop-out-Rate haben mit rund zwei Dritteln bestandenen Prüfungen, gefolgt von der Matura C. D und E schneiden deutlich am schlechtesten ab mit einem Drittel bis zwei Fünfteln bestandenen Prüfungen. Bei den neuen Maturitäten schneidet nur der Schwerpunkt Physik und angewandte Mathematik mit rund 50 Prozent bestandenen Prüfungen gut ab, alle anderen Profile sind teilweise deutlich schlechter. Ähnliche Ergebnisse zeigt auch eine Untersuchung der ETH Lausanne (EPFL). «Auch die mehr oder weniger hohen Durchfallquoten in universitären Prüfungen sind unter anderem damit erklärbar, dass zumindest ein Teil der nicht erfolgreichen Studierenden nicht ‹allgemein studierfähig› war.»1 Es ist erstaunlich, wie gelassen dies die Bildungsverantwortlichen hinnehmen, wären doch Unternehmen mit derartigen «Ausschussraten» längstens bankrott. Bei den Fachhochschulen beträgt die Drop-out-Rate weniger als die Hälfte derjenigen der Universitäten.

EVAMAR (Evaluation der Maturitätsreform 95) weist auf die extrem hohe Streuung der Ergebnisse unter Individuen und Klassen hin. Die beste Klasse hat fast dreimal mehr Aufgaben richtig gelöst als die schlechteste. Die Mathematik weist die grösste Streuung auf. Alte Sprachen schneiden am besten, bildnerisches Gestalten und Musik am schlechtesten ab. Dreijährige Gymnasien schliessen signifikant schlechter als vierjährige Gymnasien ab, Langzeitgymnasien sind nicht signifikant…

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1995 haben die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) und der Bund das Typenmodell der Maturität durch ein Wahlfachmodell abgelöst. 20 Jahre danach sind nicht nur Retouchen bei der Benotung vorzunehmen, sondern es ist aufgrund der umfangreichen Evaluationen und Studien wieder ein Typenmodell einzuführen. Dabei sind auch interessante deutsche Entwicklungen wie die duale Universität einzubeziehen. […]

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