Zur Lage der Verbindlichkeit

Verbindlichkeit kommt von «Verbinden» und ist eigentlich eine Tugend. Sichere Bindungen und verbindliche Strukturen sind die Basis eines gesunden persönlichen Lebens, produktiven Wirtschaftens, einer freundlichen Gesellschaft. Verbindlichkeit beruht auf einer doppelten Übereinkunft. Sie setzt einen zeitlichen und örtlichen Rahmen voraus, an den sich alle halten. Ein Fussballspiel dauert immer 90 Minuten, und die Regeln gelten […]

Verbindlichkeit kommt von «Verbinden» und ist eigentlich eine Tugend. Sichere Bindungen und verbindliche Strukturen sind die Basis eines gesunden persönlichen Lebens, produktiven Wirtschaftens, einer freundlichen Gesellschaft.

Verbindlichkeit beruht auf einer doppelten Übereinkunft. Sie setzt einen zeitlichen und örtlichen Rahmen voraus, an den sich alle halten. Ein Fussballspiel dauert immer 90 Minuten, und die Regeln gelten während der ganzen Dauer für alle. Das ist der strukturelle Aspekt.

Der symbolische Aspekt besteht darin, dass eine Aussage gilt und nicht nach Belieben geändert werden kann. Ein Entscheid des Unparteiischen ist nicht verhandelbar, selbst wenn er falsch liegt. Dies schafft zwar das Risiko von Irrtümern, minimiert aber das Konfliktpotential unter den Spielern. Der einzelne ist aufgerufen, unangenehme Entscheidungen und ihre Folgen auszuhalten, weil er weiss, dass er insgesamt so besser fährt. Das tut er aber nur, wenn er davon ausgehen kann, dass auch der andere so denkt und handelt.

Verbindlichkeit in unserer unübersichtlichen und schnellen Welt ist eminent wichtig, da sie Sicherheit und Verlässlichkeit schafft. Wer mit sich und den anderen rechnen kann, agiert mutiger, kreativer, belastbarer und leistungsfähiger.

Verbindlichkeit ist eine Grundvoraussetzung einer freiheitlichen und friedlichen Gesellschaft. Wenn der Glaube an das gesprochene und geschriebene Wort verlorengeht, was zählt dann noch?

Wenn die Verbindlichkeit erodiert, werden wir zu Zynikern.

Politiker kümmern sich nicht darum, was sie noch gestern vertreten haben, nur damit sie um jeden Preis wieder gewählt werden. Investoren können den Quartalszahlen von Firmen keinen Glauben mehr schenken, weil sie davon ausgehen müssen, dass man ihnen eine tickende Zeitbombe in den Katakomben der Unternehmen verheimlicht, von der das Management später treuherzig behaupten wird, nichts davon gewusst zu haben.

Dominieren die Zyniker, gleiten wir ab in eine Gesellschaft des kurzfristigen Denkens, der Perversion des Momentanen, des Aufkündens sinnstiftender Loyalitäten.

Lassen wir uns darum von den Zynikern abschrecken – statt dass wir auf die Idee verfallen, sie zu imitieren. Verbindlichkeit beginnt bei uns selbst. Wie das gute Leben.

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Werner Kieser, Unternehmer,
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