Zur Identität der Identität

Wer nicht weiss, was ihn im Innersten zusammenhält, kann von mannigfachen Angeboten Gebrauch machen, die ihm die Selbstdefinition scheinbar abnehmen. Was aber, wenn sich kein einzelner, sondern ein ganzer Staat nach mehr Identität sehnt? Der letzte Grossschriftsteller der Schweiz über die Schlüsselfragen hinter den drängendsten zeitgenössischen Diskussionen und Problemen: Wer bin ich? Wer sind wir?

Zur Identität der Identität
Adolf Muschg, photographiert von Sébastien Agnetti.

Fernsehgeneration wird sich noch an Robert Lembkes Ratespiel erinnern: «Wer bin ich?» Da musste der Gast pantomimisch einen Schlüssel zu seiner Identität liefern – das hiess damals noch: zu seinem Beruf. Hätte er oder sie ein imaginäres Objekt betüpfelt, so hätte man auf Ladenkasse oder Kosmetik getippt. Heute würde die Geste nur noch die digitalisierte Grundlage für nahezu alle Tätigkeiten anzeigen; die Verbindung mit einer Parallelwelt, die zur massgeblichen geworden ist. Der Rechner ersetzt viele Requisiten des privaten Raums und macht seine Wände durchsichtig; er erlaubt eine fast beliebige Dezentralisierung der verbliebenen Arbeitsprozesse und erspart ihren Teilnehmern die Bewegung, die sie dann in Trainingseinheiten nachholen. Zeitunterschiede kümmern ihn nicht, er ist so sehr der Passepartout der Globalisierung, dass er als ihr Urheber imponiert. Wer nicht online ist, bleibt zurück – in einer andern Welt, die gestern noch als die reale galt.

Denn fast alle Merkmale, die etwas wie Identität begründen, waren an Ort und Zeit gebunden, an lokale, soziale, kulturelle Zugehörigkeiten, während dem «User» heute ein unbeschränktes Identifikationsangebot zur Verfügung steht; er kann, wenn er will, gar eine neue Identität wählen. Wir bewegen uns im virtuellen Raum wie Doppelgänger unserer selbst, während wir auf die S-Bahn warten, bei einem Call Center in Mumbai eine Reise zum Nordkap buchen und den Kurs einer Aktie abrufen. Aber auch das Multitasking hat Regeln und fördert einen Typus mit Eigenschaften. Er muss sich plakativ verhalten, sonst fällt er aus dem System oder erscheint nicht mehr auf dem Radar. Die digitale Person weiss, dass auch im Netz ein bestimmter Dress-Code verlangt wird; realen Mitmenschen zeigt er sich als Narziss, der, wie die Schneewittchen-Königin, ununterbrochen das Spiegelchen in der Hand befragen muss, ob er noch gefragt sei – und dafür tüpfelt sein Finger so unermüdlich, wie arme Frauen früher spinnen und weben mussten.

 

Identität durch Reduktion?

Allerdings: solange der Mensch an einen Körper gebunden ist, hungert und dürstet, liebt, leidet und stirbt, verschwinden die traditionellen Identitäten nicht ganz. Keine Schwarmintelligenz ersetzt die Horde, die seit Millionen Jahren die Heimat für unsere Gefühle lieferte, den Bezugsrahmen für unser Verhalten, die Quittung für Erfolg und Misslingen, das Mass für Wert und Selbstwert. In den Worten des Klassikers: «Willst du dich selber erkennen, so sieh, wie die andern es treiben! Willst du die andern verstehn, blick in dein eigenes Herz» (Schiller). In diesem Austausch bildet sich prozesshaft, was wir unsere «Identität» nennen; er entscheidet über ihre Tragbarkeit für die andern, ihre Tragfähigkeit für uns selbst.

Und da scheint mit dem technologischen Sprung der Kommunikation eine deutliche Reduktion der austauschbaren Inhalte und Formen zusammenzugehen. Lesen wir einen handgeschriebenen Brief um 1800, so ist seine elaborate Sprache mit derjenigen einer SMS nicht einmal entfernt zu vergleichen – wobei Lesen und Schreiben damals gewiss die Sache einer Minderheit war. Immerhin standen auch Analphabeten im Bann einer Wort-Kultur – der Heiligen Schrift oder obrigkeitlicher Erlasse, an denen sie sich orientierten und der sie eine spezifische Mund-Art entgegensetzten, und beides definierte ihre Identität so ausreichend, dass sie gar kein Wort dafür brauchten. Wer diese im Netz suchen muss – und das heisst: Partner, die sie «zeitnah» bestätigen und bekräftigen –, findet friends and followers mit einem Mausklick – aber Nachhaltigkeit darf er nicht erwarten, sonst melden sich die übersprungenen Grenzen von Raum und Zeit unerbittlich zurück.

Aber sogar die Flüchtigkeit dieser Kontakte ist eine Illusion. Denn verraten hat sich der Teilnehmer allemal und im Netz hinterlassen, was man sein Profil nennt. Dafür gibt es Interessenten, mit denen er nicht gewettet hat, die aber mit ihm zu rechnen wissen. Er hat sich identifizierbar gemacht, als Kunde, erfassbar als Bekenner einer Meinung, Objekt eines Verdachts, er bietet sich, wenn es ärger kommt, zur Erpressung an, oder zur Kontrolle durch Dienste aller Art. Während er oder sie glaubte, nur von ihrer Freiheit Gebrauch zu machen – erinnert man sich noch an die Piratenpartei? –, haben sie sich im Netz einer stärkeren Spinne gefangen und besorgen ihr Geschäft, für das, wie man seit Orwells Grossem Bruder weiss, Mehrdeutigkeit nicht in Betracht kommt. Die einzige Sprache, die er versteht und duldet, ist diejenige von Ja oder Nein, Freund und Feind. Oder marktgerecht gesagt: von Plus und Minus, Profit und Verlust. Like oder Nicht like.

Leider stimmt diese entdifferenzierte Sprache mit derjenigen, auf welche der Rechner programmiert ist, so genau überein, dass sie nicht als Zumutung erscheint, sondern als Sachzwang durchgeht. Je lockerer der User das Werkzeug beherrscht, desto zwangloser bedient es sich seiner. Die Eigenschaft des Silikon-Kristalles, Null-Eins-Entscheidungen in Mikrosekunden beliebig hochzurechnen, schlägt auf den Habitus des Users durch und reduziert sein Bewusstsein für das ausgeschlossene Dritte: was man nicht rechnen kann, damit muss man auch nicht rechnen. Und da ersparter Aufwand als ökonomisch gilt, verspricht das Verfahren nur Vorteile. Einerseits lässt es undurchsichtige Verhältnisse kalkulierbar erscheinen, anderseits kommt es einem Bedürfnis entgegen, das so alt ist wie der Mensch: es identifiziert den andern als andern und verschafft uns damit ein Lebensmittel, das uns so nötig ist wie Wasser und Brot: das Gefühl des Eigenen – eben: der Identität.

Dass sie ein Produkt schrecklicher Vereinfachung ist, erkennt man an den Formen und Folgen, die ein Fingerabdruck im Netz hinterlässt. Nirgends kommt unser Feindbedarf direkter zum Ausdruck, wird das Unbehagen in der Kultur primitiver ausgepackt. Da wird nichts mehr verdrängt, sondern derjenige, den man verdrängen will, wird beim Namen genannt und erhält die Karikatur eines Gesichts. Es ist nicht die andere Meinung, mit der man streiten, es ist die Existenz des andern, die man austreiben will, vorläufig virtuell, kosten, aber nicht folgenlos. Auch so verewigt man sich, denn die Spur ist unauslöschlich. Wer einmal das falsche Selfie ins Netz gestellt oder mit einem unbedachten Wort einen Shitstorm losgetreten hat, liefert selbst das Messer, mit dem er morgen oder in zehn Jahren erledigt werden kann. Wer ein Mail schreibt, bleibt – länger als ein Buch. Um Kafka zu zitieren: «Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt, es ist niemals gutzumachen.» Du bleibst identifiziert.

Je flächendeckender das Netz, desto flacher die Welt, die es einfängt. Wir nutzen eine Technologie, die immer mehr Leuten erlaubt, einander immer schneller immer weniger zu sagen. Aber schrill muss das Signal schon sein, damit es auch wahrgenommen wird. Natürlich funktionieren alle Systeme nur durch Reduktion von Komplexität: da schrumpft etwa die Person auf das Format eines Passbildes. Im Normalfall dient dem Grenzbeamten der Blick in mein Gesicht nur noch zur Kontrolle: sehe ich dem Foto hinreichend ähnlich, winkt er mich durch. Schwieriger wird es, wenn – wie meiner Frau in London geschehen – alle Papiere gestohlen werden. Zur Ausreise verhalf ihr ein Schein des Schweizer Konsulats; zur Einreise aber genügte er nicht. Sie wurde zum Lehrstück verlorener Identität und war, als Komödie, nahe genug am bitteren Ernst: Vorübergehend geriet meine Frau in die Quarantäne der Papierlosen. Immerhin wusste der Beamte ganz genau, dass die Liste der Dokumente, die sie verloren gemeldet hatte, unvollständig war. «Und Ihr internationaler Führerschein?», fragte er. Für einmal kam die Transparenz einer Person ihrer Identifikation zugute. Aber es hängt an einem Faden, ob wir dann durch die Netze der Zivilisation fallen oder gerade noch von ihnen aufgefangen werden.

 

Identität durch Aussenwahrnehmung?

Soll Identität überhaupt nur eine Sache der Aussenwahrnehmung sein? Davon gehen Image-Doktoren ohne weiteres aus: ich werde gesehen, also bin ich. Und damit ich jemand bin, muss ich mich sehen lassen können. Das Image filtert aus der Bandbreite von Merkmalen jene heraus, die sich einprägen und das Produkt empfehlen. Auch «Présence Suisse» versteht sich als Branding einer Marke, die man auf kritisch gewordenen Märkten besser «positionieren» will. Die Frage nach einer anderen Schweiz wird dadurch beantwortet, dass sie sich anders präsentiert. Wo es um Macht und Rang geht, ist auch die Natur erfinderisch darin, ihre Geschöpfe mit zweckdienlichen Attributen und Attitüden auszustatten, vom Prachtkleid bis zum Imponiergehabe. Um eines selektiven Vorteils willen, beweist das Tier seine Identität auch tätlich und schöpft sie ausreichend aus der Reaktion der andern. Es braucht sie nicht zu erforschen, solange es sie live testen kann. Auch der Mensch, das einzige Tier, zu dem neben der Sprache auch der Spiegel gehört, überprüft darin, ob Maske und Make-up sitzen, und mustert sich probeweise mit dem Auge der andern. Eine Schauspielerin sagte mir: «Ich kann die Königin nicht spielen; die andern müssen spielen, dass ich die Königin bin. Angenommen aber, ich spiele Jesus Christus nicht mehr, sondern gebe mich für ihn aus, so betrachtet man mich als verrückt.» Nur: hat es die Mehrzahl seiner Zeitgenossen mit ihm selbst nicht ebenso gehalten? Der Aussenseiter gehört nicht nur zu den Karikaturen oder Opfern der Kultur, sondern auch zu ihren Begründern. Und hier wird die Frage nach unserer Identität unbequem.

Vor kurzem waren wir «Charlie» – erinnern Sie sich? Wer war nicht alles Charlie, als das Satiremagazin das Opfer eines Überfalls durch Terroristen – und notabene französische Staatsbürger – wurde? Der Soziologe Emmanuel Todd hat die Empörung darüber unnachsichtig analysiert: Da gehen säkularisierte Wohlstandsbürger als liberale Glaubensgemeinschaft auf die Strasse und wollen nicht wissen, dass sie diese damit zur Exkommunikation Andersgläubiger freigeben. Ich bin Charlie – wer nicht Charlie ist, hat zu verschwinden. Das ist – nur mit umgekehrten Vorzeichen – auch die Botschaft des Jihad. Inzwischen hat ihre Logik auf die überlebende Redaktion zurückgeschlagen: dem Satiremagazin bricht der Boden heraus – unter dem Gewicht seines Millionenerfolgs.

Ja, «dulden heisst beleidigen», schrieb der alte Goethe, aber setzte ein Vorzeichen dazu: «Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen.» Nämlich zur Anerkennung des Problems, und diejenigen, die sie verweigern, sind nicht weniger problematisch als diejenigen, die es sichtbar machen. Identität ist eine potentiell explosive Grösse. «Willst du die andern verstehn, blick in dein eigenes Herz.» Nur muss man dann auch wissen wollen, wie leicht dieses Herz zur Mördergrube werden kann.

Kürzlich bekam ich es wieder einmal mit der unmöglichen Frage zu tun, wie die Konzentrationslager, diese Nullpunkte der Zivilisation, möglich waren. Und die erträglichste Antwort darauf war die am wenigsten bequeme. Sie kam von Schriftstellern, die erfahren hatten, wovon sie reden: Jorge Semprún, Primo Levi, Marguerite Duras. Reden wir, sagen sie, nicht von Deutschen und Juden, reden wir von Menschen – und von der Menschheit. Darum müssen wir auch Himmler und Höss mit beklagen, die für Anstand hielten, was sie taten, sich als Opfer der Pflicht sahen und als liebevolle Väter ihren Kindern das Wissen davon ersparen wollten. Der wahre Schrecken des Bösen ist seine Banalität. Wäre es nichts als abscheulich, wir könnten uns in aller Ruhe entrüsten. Aber da gilt, was Thomas Mann – Verfasser von «Bruder Hitler» – über seine Deutschen gesagt hat: nicht ihr Böses habe sich gezeigt, sondern ihr Bestes sei es, das sich ins Schlimmste verkehrt habe. Und sagen wir es offen: Solche Analysen kann ein Computer nicht herstellen.

«Identität» – kaum ein Begriff wird im politischen Diskurs blinder gebraucht, und ich halte für dringend geboten, ihn gegenüber seiner Praxis etwas sehender zu machen. Denn was als Identität in Anspruch genommen wird, dient vor allem zum Ausschluss, zur Disqualifikation von Menschen und Gruppen. Auf Identität wird gepocht, wenn man seine Grenzen nicht sehen, nur befestigen will. Und in diesem Pochen steckt das Potential für den Gebrauch gröberer Waffen, den man dann nicht mehr zu rechtfertigen braucht. «Identität» ist gewissermassen das als Gütezeichen auftrumpfende Alibi für die eigene Erstarrung. Sie liefert das Zeug, aus dem Uniformen gemacht werden – und Lager.

 

Identität durch Evolution?

Wie natürlich ist sie also überhaupt, diese Identität? Fragen wir Darwin, so stellen wir fest: Evolution beruht nicht auf dem Prinzip Identität, sonst fände gar keine statt. Ihr Träger ist bekanntlich die Mutation, d.h. die Abweichung, der Fehldruck (der schon in meiner Briefmarkensammlung mehr wert war als die korrekte Kopie). In der riesigen Mehrzahl der Fälle wird sie als untauglicher Versuch kassiert; in nur einem Fall ist sie die bessere Antwort auf die Umwelt, begründet einen Fitnessvorteil, wird zum genetischen Ausgangspunkt einer Entwicklung, bei der die Norm von gestern auf der Strecke bleibt. Komplexere Organismen haben die geschlechtliche Fortpflanzung entwickelt, mit der die beteiligten Individuen immer ein Risiko eingehen. Sie tun es doch, nicht nur, weil so eine grössere Breite des genetischen Repertoires zu gewinnen ist, sondern weil sich mit dem Sicheinlassen auf das andere Geschlecht ein einzigartiges Hochgefühl verbunden ist. Das Anderssein des Andern ist der Zauber, dem wir vorübergehend exklusiv verfallen; was wir Liebe nennen, schliesst immer auch «Fremdgehen» ein. Wir überschreiten die Grenzen der Identität, weil zur Erhaltung des Lebens offenbar mehr gehört als Selbsterhaltung. Schon der Stoffwechsel der Zelle verlangt das rechte Mass von Öffnung, neben dem rechten Mass an Abgrenzung. Sie darf so wenig ersticken wie verfliessen. Ihre Antwort auf das Problem ist die durchlässige Membran.

Aber auch die geschlossenen Systeme archaischer Stammesgesellschaften kennen zwei Ausnahmen von der Regel reiner Selbst-Behauptung: Exogamie und Gastlichkeit. Die Heirat mit einer/einem Nichtangehörigen der eigenen Gruppe verhindert biologische Inzucht und eröffnet Spielräume der Bündnispolitik. Mit der Gastlichkeit sichert sich die Gruppe Informationen aus dem Jenseits ihrer Grenzen. Der Gast weiss, was wir nicht wissen; er hat, was wir nicht haben. Um es zu gewinnen, müssen wir uns gewinnend verhalten. Die Gastfreiheit ist eine Grundlage der Zivilisation: sie setzt, in kontrolliertem Umfang, Reflexe der Abgrenzung ausser Kraft. Gast – «hospes» – und Feind – «hostis» – haben nicht nur sprachlich dieselbe Wurzel. Der Gast ist der Fremde, den wir nicht als Feind behandeln; dafür nehmen wir Unsicherheit in Kauf. Hier liegt der Ursprung fast aller Freiheiten, die in einer freiheitlichen Verfassung stehen. Es sind, im Kern, Freiheiten vom Staat, deren Gebrauch gerade er, der kollektive Träger der Identität, garantieren soll, auch gegen seine eigene Raison.

Diese Freiheit ist, zwischen Menschen, die Freiheit des Andern. Individuell betrachtet, gipfelt die Freiheit in meinem Recht, anders zu ticken und zu denken, und in meinem Anspruch, die Wirklichkeit – mich eingeschlossen – von mehr als einer Seite zu betrachten. Denn auch meine Entwicklung schreitet nur über die Aneignung des «Fremden» zur eigentlichen «Bildung» fort. Beschränkt sich, was ich meine Identität nennt, auf das Bekannte, so verstehe ich am Ende auch dieses nicht mehr; denn man steigt nie zweimal in denselben Fluss. So würde Heimat zur leeren Behauptung – und in diesem Vakuum gedeihen Resignation oder Aggression.

Der Lebenswissenschafter Richard Dawkins, Autor des «egoistischen Gens», hat eine kulturelle Analogie angenommen, das Mem. Bei dieser Evolution höheren Grades fällt eine Differenz zur biologischen ins Auge. Die Kultur begünstigt gerade nicht den zur Fortpflanzung am besten ausgestatteten Typus. Der Mensch, Gordons «nackter Affe», ist die Kreatur, die aus ihren Defiziten nicht nur das Beste macht, sondern etwas Besseres. Dieser kompensatorischen Qualität verdanken wir unsere Werkzeugkultur, von der Steinschleuder bis zum Zyklotron. Auch der Mythos stattet den Artifex, den Macher oder Poeten, mit einem evolutionsmächtigen Schaden aus; Hephaistos hinkt, Homer ist blind. Der Archetyp des Glücksstrebens ist der Däumling, dem man am wenigsten zutraut, dass er die Prinzessin gewinnt. Es ist der Dumme, der die guten Fragen stellt – Parzival ist der Phänotyp dieses Mems, der Spinner, der uns, wie Don Quixote, das Auge schärft für die gebrechliche Einrichtung des vermeintlich Normalen. Der Narr oder Schelm wird zum Stifter einer anderen, Erfolg versprechenden Wirklichkeit, der die bestehende zum Entwicklungssprung zwingt – von den Griechen wurde er als Hermes verehrt.

Noch plastischer als in der biologischen Evolution ist es in der kulturellen die Abweichung, die die Zukunft für sich hat. Variatio delectat: was für die Poesie gilt, gilt auch für die Innovation. Zu warnen ist nur vor der gängigen Einengung des Begriffs. Der letzte Schrei auf dem Markt ist nie das letzte Wort einer Zivilisation, und ihre Bewegung ist nicht gleichbedeutend mit «Fortschritt». Oft ist es, wie in der Renaissance, gerade der Regress auf ältere, vermeintlich naturgegebene Muster, die Epoche machen – d.h. einen Paradigmenwechsel der Kultur forcieren. Identität ist – in der Natur wie in der Kultur – keine produktive Grösse, schon gar kein Wert an sich.

«Je est un autre», sagte Rimbaud. Das Individuum ist teilbar. Bei ihm beschreiben wir die Zunahme dieser Einsicht als Bildung. Zu sich selbst kommen heisst so viel wie: das Ich in Relationen sehen, seinen Anspruch intelligent relativieren. Damit wird auch die Vorstellung von Identität relativ. Dies als Bereicherung, nicht als Beraubung zu erfahren, ist beim einzelnen das Merkmal der Reife, bei der Gesellschaft dasjenige der Zivilisation. Damit aber verschiebt sich die Frage nach der «Identität» in ein weit offenes Feld, auf dem die feste Erwartung, die liebe Gewohnheit, der altgeübte Brauch nicht das letzte Wort haben.

 

Ach, die Schweizer Identität!

Hegel hat den schönen Begriff «List der Vernunft» geprägt – man darf sie manchmal auch einen Witz nennen, der freilich jede Menge Humor verlangt. Die Vorfahren der meisten, die sich heute Schweizer nennen, haben auf der andern Seite gekämpft; die Zürcher etwa am Morgarten, nachdem sie Rudolf von Habsburg die Befreiung von lokalen Feudalherren verdankten – witzig ist auch, dass es 1315 verbannte Urschweizer waren, die ihren Herren den Sieg sicherten. Bei Grandson und Murten standen und fielen die Waadtländer mit Karl dem Kühnen – wäre es anders gelaufen, so hätte das Land gut burgundisch werden können, statt guteidgenössisch. Dafür sind – um ein paar Jahrhunderte zu überspringen – die Urgrossväter unserer Wirtschaftsführer zugewanderte Schwaben, Nestle, Bührle, Blocher nicht zu vergessen –, aber auch Schiller, der das Land zwar nie betreten, aber zu seiner politischen Versöhnung sehr viel beigetragen hat. Zschokke, der mediale Schöpfer der Schweiz im 19. Jahrhundert, ist aus Sachsen zugewandert – und so fort. Je näher man dieses Land kultureller Vielfalt betrachtet, desto deutlicher wird es zum Kunstwerk gelungener Integration des Fremden, ja mehr noch: es verdankt ihr seine Existenz. Und: macht seine Grenzen auch heute bloss auf eigene Kosten dicht. Dasselbe gilt für die europäische Identität – sie lässt sich nur in der Anerkennung von Differenz begründen. Identität, auf die man pochen muss, ist immer ein Armutszeugnis – auch wenn sich dafür in jeder Gesellschaft Mehrheiten finden lassen, am meisten, wenn sie sich real oder eingebildet bedroht fühlen. Dann schafft sie auch die gewünschte Realität, und die Demokratie wird zum besten Feind ihrer selbst. «Mir san mir» ist die Tautologie der Einfältigen – oder Verzweifelten.

Als der dreissigjährige Gottfried Keller den «Grünen Heinrich» zu schreiben begann, liess sich der bürgerlich gescheiterte Niemand im ungastlichen Berlin nicht träumen, wie viel er mit seinen «Fehlleistungen» zur Identität des noch jungen Bundesstaates beitragen würde. Dafür erträumte er für seinen Romanhelden ein Zauberpferd, das ihn nach Hause trug und mit dem er politisch philosophieren konnte. Anstelle des heimatlichen Zürichs begegnet den beiden eine surreale Architektur, die der gelehrte Gaul «die Identität der Nation» nennt. Aber er lässt offen, ob damit die palastförmige Brücke gemeint sei, der sie begegnen – oder aber die menschlichen Figuren, die teils als Heldenbilder gemalt an den Wänden stehen, teils als lebende Fussgänger den Übergang bevölkern.

Das geträumte Gleichnis ist bis heute aktuell. Steht die «Identität der Nation» bereits fest, oder bildet sie sich mit jedem Schritt neu? Existiert sie unabhängig von den Bürgern, die sie in einer bestimmten Epoche verkörpern, oder wandelt sie sich mit ihnen? Der Streit darüber begleitet den Bundesstaat seit seiner Gründung. Bis vor kurzem hätte man Leute, die zur statischen Lesart neigten, konservativ genannt und dem rechten Spektrum zugeordnet. Inzwischen ist es die historische Linke, die sich nachsagen lassen muss, sie zementiere überholte Verhältnisse. Auch die vaterländischen Legenden haben im Lauf der Geschichte immer wieder die Seite gewechselt – Tell, in der Helvetik als Tyrannenmörder Ehrenbürger der Revolution, wurde hundert Jahre später als katholischer Familienvater gefeiert – oder als Patron liberalen Unternehmertums. «Der Starke ist am mächtigsten allein.» Das findet die SVP immer noch.

So bleibt die Identität eine Preisfrage, bei der jede Antwort zu grösseren Fragen führt. Es ergeht uns damit wie dem Kirchenvater Augustinus mit der Zeit: er wisse, was sie sei, solange man ihn nicht danach frage; frage man ihn aber, so wisse er es nicht. Gottfried Kellers sprechender Gaul meint ironisch, wer das Problem der Identität zu lösen verstünde, sei ein Meister und arbeite an der Identität selber mit. Kommen schon die einfachsten Formen des Lebens mit blosser «Identität» nicht aus, so stellt die Kultur ein permanentes Wagnis der Grenzüberschreitung dar und verlangt das Ausbalancieren unvorhergesehener Faktoren. Das Verhältnis des «Eigenen» zum «Andern» will schon in der Familie jeden Tag neu ausgehandelt werden. Es ist nur als permanentes Fliessgleichgewicht zu verstehen und spottet jener Festschreibung, die Kafkas Tagebuch «das scheinbare Einpfählen der scheinbaren Sache» genannt hat. Auf dem Rutschgebiet der Geschichte lässt sich kein Katasterplan anlegen; ein Schulbeispiel sind die «dem» Mann und «der» Frau zugeschriebenen «Identitäten», von denen jeder ältere Zeitgenosse viele hat kommen und wieder gehen sehen, jedes Mal mit gleicher Emphase. Auch ein Satz wie «Die Schweiz gibt es nicht» war nichts als die provokante Gegenprobe auf die Rechnung derjenigen, für die es die Schweiz «gibt», ein für alle Mal. Beide Sätze sind so richtig wie falsch und verdienen gleichermassen die Antwort, die Galilei nach der Urteilsverkündung des hl. Inquisitionsgerichts zugeschrieben wird: «Eppur si muove.»

Auch die Schweiz «bewegt sich doch», und dabei kümmert sich ihre Bewegung weniger, als vielen lieb sein mag, um unser Urteil. Und doch bewegt sie sich nicht ohne uns: so oder so wirkt unsere Beleuchtung der Realität an ihr selber mit, nur bestimmt es sie nicht. Wer sich der Bewegung blind ausliefert, den verschlingt sie ebenso gewiss wie denjenigen, der sich ihr starr widersetzt. Wenn aber «Identität» kein Datum ist, sondern ein Prozess, verlangt sie – um im Bild des grünen Heinrich zu bleiben – kein hohes Ross, aber hohe Reitkunst. Denn wer seine eigene Geschichte – eine Geschichte der Widersprüche und des Unvorhergesehenen – nicht verstehen will, den wirft sie ab. Wie balanciert man auf dem hohen Seil der Identität? Der Fuss müsste zugleich standfest und beweglich sein – dafür stehen die Chancen am besten, wenn Weg und Ziel eins werden. Für diese Einheit kennt die chinesische Weisheit den Begriff «Tao». Das Tao ist nicht zu «suchen», schon gar nicht «auf die Agenda zu setzen». Es findet sich durch Gelassenheit. Im westlichen Denken kommt ihm vielleicht Amor fati am nächsten, «die Liebe zu dem, was uns trifft». Sie schliesst die Passion nicht aus; Kellers damals junge Schweiz war ein passioniertes Land. Die Passion galt der patrie à faire, einem republikanischen Entwurf, und daraus – nicht aus der Sicherheit der eigenen vier Wände – schöpfte es seine «Identität».

Sie verband sich, über die nationale Grenze hinaus, mit jenem Sinn für das Mögliche, der heute zur kleinmütigen Maxime der Vorteilssuche heruntergekommen ist; zum widerstrebenden Nachvollzug von Sachzwängen, zum kleinkarierten Streit über ihre Unvermeidlichkeit. Ich vermute, dass der Zuspruch, dessen sich ein Blocher erfreut, weniger seiner Position gilt als seiner Passion. Er bringt aus, was wir in einer flach gewordenen politischen Landschaft entbehren. Befreiend könnte der Reflex gegen Fremdbestimmung werden, wenn er sich nicht auf die Befestigung von Grenzen beschränkte. Denn wenn es wahr ist, dass sich Identität nicht ohne einen Fundus von Gewohnheiten bildet, so ist es nicht wahr, dass sie sich darin erschöpft. Auch die Schweizer Geschichte zeigt: immer wenn eine Gesellschaft von Menschen ein Projekt hatte (wie das Individuum eine Passion), dann war «Identität» keine Frage. Der Sog einer grösseren Sache brachte Zug in das stehende Gewässer und führte ihm Sauerstoff zu. Die Gründung des Bundesstaats von 1848 war, mit allen Konflikten, ein solches Projekt. Die Schweiz ist kein failed state, weil ihre Bürger – später auch: Bürgerinnen – über angenommene Identitäten hinweg andere Prioritäten setzen lernten, wobei uns sehr zustatten kam, dass kulturelle und religiöse Grenzen nicht zusammenfallen. Die Schweiz ist eine pragmatische Errungenschaft – sie wurde es durch Anerkennung des Anderen innerhalb eigener Grenzen. Nur so könnte auch die Europäische Union gelingen – mit der Schweiz oder ohne sie.

 

Sind all diese Identitätsprobleme lösbar?

Kürzlich erinnerte Elke Schnitter, «Spiegel»-Redakteurin, angesichts der Flüchtlingstragödien im Mittelmeer daran, dass Probleme kultureller Art – im Gegensatz zu mechanischen, wie einem Schaden am Auto – niemals «gelöst» werden. Da sie primär in der Wahrnehmung auftauchen, verschwinden sie auch nur durch veränderte Wahrnehmung. Sie verschwinden nicht, aber sie werden entweder nicht mehr gesehen – oder nicht mehr als Probleme gesehen, sondern – beispielsweise – als Verpflichtungen.

Deshalb an dieser Stelle ein kleiner Exkurs: Als ich der Berliner Akademie vorstand, habe ich einmal das Thema «Identität» zur Debatte ausgeschrieben und mich selbst gefragt, was die Kunst zu seiner verbesserten Wahrnehmung beitragen könnte. Erlauben Sie mir, aus der Einladung zu zitieren – das war noch gerade vor der Krise des globalisierten Finanzgeschäfts:  

«Im Namen behaupteter Identität wurden die schlimmsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts begangen. Dem Götzen einer national oder rassistisch definierten Phantom-Identität sind Millionen realer Menschen geopfert worden; der Wahnsinn ist immer noch akut und wird heute unter neuen Masken – religiös oder ‹kulturell› definierten – fortgesetzt. Wir haben es mit dem bis heute wirksamsten Zerstörer alles dessen zu tun, was für die Aufklärung ‹Zivilisation› geheissen hat.

Was kann die Kunst dagegen ‹tun›? Unmittelbar nichts: aber als symbolische Handlung hat sie dagegen etwas zu erinnern. In ihrer Praxis – in welcher andern? – ist ‹Identität› weder zwangsläufig noch zwingend, je grösser die Kunst, desto weniger. Ob die ‹Ottilie› der ‹Wahlverwandtschaften› eine Heilige oder eine Hexe sei, ‹Faust› ein Pionier oder Unglücksfall der Zivilisation: die Kunst kann es offen lassen, ohne die Glaubwürdigkeit ihres Produkts zu beschädigen. Im Gegenteil: sie wäre keine Kunst mehr, wenn sie das täte, nur noch trivial oder plakativ. Sich der Identifikation ihres Publikums zu versichern, ohne sich seinem Identitätsbedarf zu beugen, ist die unverlierbare Essenz der Kunst. Die Kunst muss die Vorurteile ihrer Leser, ihrer Empfänger, sogar ihrer Urheber nicht teilen. Sie praktiziert ein Verhalten diesseits oder jenseits von Entweder-Oder als reale Möglichkeit, und dies auf der unwiderleglichen Grundlage der Sinne und der Emotionen. Insofern ist Kunst zugleich Bildung des Stoffes, den sie verwendet; sie macht seine fatalen Komponenten tendenziell unwirksam; sie ist ein einzigartiger Entgifter der Zivilisation. Sie legitimiert den Widerspruch, auch den mit sich selbst; sie mutet der Einfalt zu, was diese nicht auf der Strasse auflesen und noch weniger den ‹pluralisierten› Medien abgewinnen kann: erlaubte Differenz, reizvolle Verschiedenheit. Sie mag sich selbst als ‹engagiert› verstehen, wie sie will: wenn und insofern sie Kunst ist, reiht sie sich in keine Front ein. Sie kann nicht Mitmacher sein, nicht einmal (und gerade nicht) im sogenannten Besten, das der Parteigeist für seine Gläubigen, Anhänger und Wähler schon immer gewollt hat: von der Kunst bekommt er es nicht, und was Menschenglück heissen soll, lässt sie offen; insofern ist sie das Gegenteil von ‹gut gemeint›. Hätte sie eine Botschaft, so müsste sie lauten: du kannst auch anders, denn du bist zugleich ein anderer, und das macht dich zum Menschen. Die Kunst ist – von Haus aus – niemals ein Komplize der ‹Identität›.»

Ich will also mit einer Strukturanalyse schliessen, die kompatibel ist mit diesen Ideen. Ich verdanke sie einem Weisen, der (noch) auf unserer 1000-Franken-Note abgebildet ist – ein Witz, den er, als Basler Patrizier, kaum goutiert hätte; von hohen Werten hatte er einen zu anderen Begriff. Die Rede ist von Jacob Burckhardt, dem grossen Historiker des 19. Jahrhunderts, nebenbei dem einzigen Schweizer in der ersten geistes- und staatsphilosophischen Abteilung des damals neu gegründeten Eidgenössischen Polytechnicums. Burckhardt nimmt drei Grundbedürfnisse an – er nennt sie «Potenzen» –, die allen menschlichen Gesellschaften gemeinsam sind, von der Horde bis zu den Digital Natives. Ihre Teilnehmer verlangen für ihr Leben dreierlei: einen guten Sinn, eine verlässliche Ordnung – und Freiheit. Burckhardt ordnet den drei Bedürfnissen Namen zu: Religion, Staat und Kultur. Der springende Punkt: was diesen einzelnen Potenzen zugrunde liegt, ziehe den Menschen in ganz verschiedene Richtungen; sie seien nicht nur inkommensurabel, sie widersprächen einander, aber wehe, sie täten es nicht! Denn: herrscht eine Potenz unwidersprochen über die anderen, so verliert die Zivilisation – und das Menschliche kommt zu kurz. Bei Staat und auch Religion leuchtet das unmittelbar ein; auch wenn sie in Konflikt geraten, bleibt ihnen die Neigung zu statischen Verhältnissen, zum eigenen Machterhalt gemeinsam; um Beispiele dafür – vom Gottes- bis zum Sowjetstaat – sind wir nicht verlegen. Aber auch die Freiheit? … die Kultur?

Selbstverständlich rechnet Burckhardt hier auch die Wirtschaft dazu – ohne Handels- und Gewerbefreiheit hätte sich die Gesellschaft nicht vom Absolutismus in jeder Form emanzipiert. Sie ist die historische und psychologische Quelle der Bürger- und Menschenrechte, sie hat – tendenziell – den freien Markt zum Schiedsrichter über alle menschlichen Bedürfnisse gemacht. Aber jetzt kommt die Pointe: auch dieser Markt kennt seine Grenzen nicht, die ihm nur von den andern Potenzen gesetzt werden könnten. Hat er Politik und Religion zu Komplizen degradiert, gesellschaftlich unwirksam gemacht, so ist er nicht der geringere Tyrann als Staat und Religion, im Gegenteil: er ist gefährlicher, weil er ihre Grundlagen aufzehrt. Wenn auch Kirche oder Staat sich nur noch gut oder schlecht verkaufen können, werden auch sie zur Ware unter andern. Der Absolutismus der Freiheit führt zu ihrer Abschaffung; der Zwang zu Produktion und Konsum kann, für die Balance der Zivilisation, für das Gleichgewicht des Individuums, fataler sein als Kirche und Staat, denn als Sachzwang verkleidet bleibt er unabweislich und unwidersprochen.

Darauf musste einer, inmitten der industriellen Revolution, der imperialistischen und kolonialen Expansion, erst kommen, und ausser Burckhardts Schüler Nietzsche hat es auch fast niemand so kommen sehen. Dafür musste man, in den Augen der Umwelt, ein Pessimist sein, ein konservativer Sonderling, ein hartnäckig Ungläubiger an jede Art von Macht, die er per se «böse» zu nennen wagte, auch und gerade wenn sie gut gemeint war. Als Kunstkenner wusste er, dass Kunst nicht einmal das Gegenteil ist von gut gemeint, sondern etwas wesentlich Anderes; als Bürger Basels blieb er jeglicher Grösse abhold und war sicher, dass nur die überblickbaren Verhältnisse des Kleinstaats, der Polis, das Gleichgewicht der Potenzen herstellen können, mit dem für ihn die Zivilisation – und die Humanität – stand oder fiel.

 

Conclusio

«Ich sehe nicht schwarz, ich sehe nur», heisst es bei Karl Kraus. Ich erwarte deshalb an dieser Stelle nicht des Lesers volle Zustimmung zu Burckhardts Diagnose – aber schon Anerkennung wäre viel wert. Wir dürfen und müssen geteilt sein, um fortzubestehen – das ist die Botschaft des Mannes auf der 1000-Franken-Note. Viele werden sie und ihresgleichen – im Zeitalter der Negativzinsen – lieber zu Hause hüten; eine gute Gelegenheit, auf dem Wertpapier nicht nur die Zahl mit drei Nullen zu sehen, sondern auch ein Gesicht und in diesem einen Wert ganz eigener Art. Und erinnern wir uns gleichzeitig auch daran: Auf der alten Hunderternote war noch Ritter Martin zu sehen, der sein Schwert dafür verwendet, seinen Mantel mit einem Bedürftigen zu teilen: ein ehrenhafter, aber begrenzter Mix von bewaffneter Neutralität und humanitärem Auftrag. Burckhardt, Martins «Nachfolger» sozusagen, verlangt, als Patron unseres Wohlstands, dann schon etwas mehr. Der Mann, der weder Politiker war noch gläubiger Christ, fordert die Rechte ein, die andere Potenzen, Religion und Staat, auf die Person haben, damit sie ihren Anspruch nicht mit Gewalt durchsetzen. Zugleich muss eine Währung, die sich mit diesem Gesicht schmückt, ihre Grenzen kennen. Sie haben etwas mit unseren eigenen zu tun, mit unserem endlichen Leben in einer Welt begrenzter Ressourcen. Dafür darf es, in Burckhardts Namen, endlich auch etwas weniger sein, an Profit um jeden Preis, aber auch an Angst und Sorge um unsere Identität. Wir müssen aushalten, dass unsere fundamentalen Bedürfnisse unter sich widersprüchlich sind – und permanenten Widerspruch erzeugen. Dafür soll kein Sündenbock zahlen müssen. Je schwärzer wir den andern machen, desto weniger erkennen wir unseren eigenen Schatten auf seinem Gesicht. Wir müssten uns selbst zu lesen wagen, um zu sehen, dass er unseresgleichen ist: ein anderer.

 


Adolf Muschg
ist Schriftsteller und Träger des Schweizer Grand Prix Literatur 2015. Soeben von ihm erschienen: «Die japanische Tasche» (C.H. Beck). Adolf Muschg lebt in Männedorf.

 

«Der Entkalker fürs Hirn:
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»