Zur Identität der Identität

Wer nicht weiss, was ihn im Innersten zusammenhält, kann von mannigfachen Angeboten Gebrauch machen, die ihm die Selbstdefinition scheinbar abnehmen. Was aber, wenn sich kein einzelner, sondern ein ganzer Staat nach mehr Identität sehnt? Der letzte Grossschriftsteller der Schweiz über die Schlüsselfragen hinter den drängendsten zeitgenössischen Diskussionen und Problemen: Wer bin ich? Wer sind wir?

Zur Identität der Identität
Adolf Muschg, photographiert von Sébastien Agnetti.

Fernsehgeneration wird sich noch an Robert Lembkes Ratespiel erinnern: «Wer bin ich?» Da musste der Gast pantomimisch einen Schlüssel zu seiner Identität liefern – das hiess damals noch: zu seinem Beruf. Hätte er oder sie ein imaginäres Objekt betüpfelt, so hätte man auf Ladenkasse oder Kosmetik getippt. Heute würde die Geste nur noch die digitalisierte Grundlage für nahezu alle Tätigkeiten anzeigen; die Verbindung mit einer Parallelwelt, die zur massgeblichen geworden ist. Der Rechner ersetzt viele Requisiten des privaten Raums und macht seine Wände durchsichtig; er erlaubt eine fast beliebige Dezentralisierung der verbliebenen Arbeitsprozesse und erspart ihren Teilnehmern die Bewegung, die sie dann in Trainingseinheiten nachholen. Zeitunterschiede kümmern ihn nicht, er ist so sehr der Passepartout der Globalisierung, dass er als ihr Urheber imponiert. Wer nicht online ist, bleibt zurück – in einer andern Welt, die gestern noch als die reale galt.

Denn fast alle Merkmale, die etwas wie Identität begründen, waren an Ort und Zeit gebunden, an lokale, soziale, kulturelle Zugehörigkeiten, während dem «User» heute ein unbeschränktes Identifikationsangebot zur Verfügung steht; er kann, wenn er will, gar eine neue Identität wählen. Wir bewegen uns im virtuellen Raum wie Doppelgänger unserer selbst, während wir auf die S-Bahn warten, bei einem Call Center in Mumbai eine Reise zum Nordkap buchen und den Kurs einer Aktie abrufen. Aber auch das Multitasking hat Regeln und fördert einen Typus mit Eigenschaften. Er muss sich plakativ verhalten, sonst fällt er aus dem System oder erscheint nicht mehr auf dem Radar. Die digitale Person weiss, dass auch im Netz ein bestimmter Dress-Code verlangt wird; realen Mitmenschen zeigt er sich als Narziss, der, wie die Schneewittchen-Königin, ununterbrochen das Spiegelchen in der Hand befragen muss, ob er noch gefragt sei – und dafür tüpfelt sein Finger so unermüdlich, wie arme Frauen früher spinnen und weben mussten.

 

Identität durch Reduktion?

Allerdings: solange der Mensch an einen Körper gebunden ist, hungert und dürstet, liebt, leidet und stirbt, verschwinden die traditionellen Identitäten nicht ganz. Keine Schwarmintelligenz ersetzt die Horde, die seit Millionen Jahren die Heimat für unsere Gefühle lieferte, den Bezugsrahmen für unser Verhalten, die Quittung für Erfolg und Misslingen, das Mass für Wert und Selbstwert. In den Worten des Klassikers: «Willst du dich selber erkennen, so sieh, wie die andern es treiben! Willst du die andern verstehn, blick in dein eigenes Herz» (Schiller). In diesem Austausch bildet sich prozesshaft, was wir unsere «Identität» nennen; er entscheidet über ihre Tragbarkeit für die andern, ihre Tragfähigkeit für uns selbst.

Und da scheint mit dem technologischen Sprung der Kommunikation eine deutliche Reduktion der austauschbaren Inhalte und Formen zusammenzugehen. Lesen wir einen handgeschriebenen Brief um 1800, so ist seine elaborate Sprache mit derjenigen einer SMS nicht einmal entfernt zu vergleichen – wobei Lesen und Schreiben damals gewiss die Sache einer Minderheit war. Immerhin standen auch Analphabeten im Bann einer Wort-Kultur – der Heiligen Schrift oder obrigkeitlicher Erlasse, an denen sie sich orientierten und der sie eine spezifische Mund-Art entgegensetzten, und beides definierte ihre Identität so ausreichend, dass sie gar kein Wort dafür brauchten. Wer diese im Netz suchen muss – und das heisst: Partner, die sie «zeitnah» bestätigen und bekräftigen –, findet friends and followers mit einem Mausklick – aber Nachhaltigkeit darf er nicht erwarten, sonst melden sich die übersprungenen Grenzen von Raum und Zeit unerbittlich zurück.

Aber sogar die Flüchtigkeit dieser Kontakte ist eine Illusion. Denn verraten hat sich der Teilnehmer allemal und im Netz hinterlassen, was man sein Profil nennt. Dafür gibt es Interessenten, mit denen er nicht gewettet hat, die aber mit ihm zu rechnen wissen. Er hat sich identifizierbar gemacht, als Kunde, erfassbar als Bekenner einer Meinung, Objekt eines…