Zum Beispiel Spreitenbach und Pfäffikon

Ein Schulbesuch in zwei sehr unterschiedlichen Gemeinden.

Sich als Journalist in eine Schulstunde einer Sekundarschule setzen zu wollen und anschliessend mit der Lehrerin zu reden, scheint eine harmlose Anfrage. Von Schulen in den Gemeinden Zollikon und Zumikon, Erlenbach und Herrliberg, Kilchberg und Rüschlikon sowie Meilen wird sie aber abgelehnt, mit unterschiedlichen Begründungen. Ausserhalb des Kantons Zürich werde ich in das Klassenzimmer eingelassen. Also mache ich mich auf, ins aargauische Spreitenbach und ins schwyzerische Pfäffikon.

Aus dem obersten Stock des Schulhauses Rebenägertli hat man eine schöne Aussicht auf Spreitenbach, eine der Agglomerationsgemeinden von Zürich im Limmattal: links die IKEA, in der Mitte das Shoppi Tivoli, rechts das Hochhaus mit dem Übernamen «Blutwurst». Die Französischstunde ist bereits im Gang, als ich komme, die Tür zum Klassenzimmer steht die ganze Stunde offen. Ein Teil des Unterrichts ist klassischer Frontalunterricht an der Tafel. Die Schüler müssen Zeichnungen von Körperverletzungen benennen und in allen Konjugationsformen wiederholen. Immer wieder sagt der Lehrer «et tous ensemble», und dann repetieren alle fünfzehn – acht Schüler und sieben Schülerinnen – im Chor. Der Stoff wird abwechslungsreich vermittelt. Mal kommt Audio zum Einsatz, mal geht es um Reflexionsformen, dann werden in einer Gruppenarbeit zu zweit während zehn Minuten die Kenntnisse über das Futur composé repetiert: man würfelt, deckt Kärtchen auf, liest sie sich gegenseitig vor. Es riecht leicht nach Schweiss im Raum, die Schüler arbeiten sehr konzentriert. Ich kann nur knapp mithalten.

Sein höchstes Ziel sei es, dass er seine Schüler in eine Lehrstelle entlassen könne, sagt Klassenlehrer Raphael Benz, der eine ruhige, nicht angestrengte Autorität ausstrahlt. Er gebe schon dreissig Jahre Schule und habe bisher noch nie gröbere Konflikte mit Schülern und Eltern gehabt. «Die Schüler haben es gerne, wenn sie wissen, wo die Grenzen liegen. Deshalb muss ich eigentlich nie zu krassen Massnahmen greifen. Wenn sie merken, dass man es an sich gut meint und ihnen helfen will, dann machen sie gerne mit.» In seiner Klasse hat es nur vier Schweizer, aber das sei gar nicht wichtig, denn Aufstiegschancen hätten alle gleichermassen: «Ich bin überzeugt, dass Ausländer, die sich integrieren und bemühen, die genau gleichen Chancen wie die Schweizer haben. Alle zwei Jahre bringe ich 70 Prozent der Ausländer in einen Job. Mir geht es darum, den Schülern klarzumachen, dass sie Teil des Systems sind hier. Und wenn sie nicht mitmachen, dann müssen andere für sie arbeiten.» Einer, schwärmt Benz, sei aus Ägypten neu in die Klasse gekommen und habe innerhalb einer Woche eine Schnupperlehre gefunden bei einer Garage. «Der will etwas erreichen und ist bereit, sich die Hände dreckig zu machen. Aber natürlich gibt es auch andere.»

Es ist ein Schulzimmer, wie ich es aus meiner Schulzeit kenne: höhenverstellbare Holztische und Holzstühle, eine Wandtafel, herunterziehbare Karten. Doch auch die Moderne hat Einzug gehalten: stationäre Computer, Beamer, Visualizer. Dass der Lehrer hier alleine im Schulzimmer steht und keine zweite Lehrperson im Schulzimmer zugegen ist, sieht das System der integrativen Schule eigentlich nicht vor. Benz will es aber so, er findet eine zweite Lehrperson unnötig. Er habe schon einige Schülerinnen gehabt, die die Aufnahmeprüfung der Kantonsschule bestanden hätten. Pro Jahr könne er etwa einen Schüler in die oberste Sekundarstufe befördern. Von der untersten Stufe kämen dagegen ganz selten welche nach oben, sagt Benz.

 

Pfäffikon am Zürichsee im Kanton Schwyz. Die zwei grossen grauen Betonblöcke der Schule Weid schreien eigentlich danach, von Graffiti verunstaltet zu werden. Doch es sind keine zu sehen. Öffnet man die Tür des Schulgebäudes, tritt man in ein Meer ockergelber Farbe, die Architektur der 2005 gebauten Schule ist bemerkenswert. Sie steht, wie in anderen steuergünstigen Gemeinden auch, im Konkurrenzkampf mit privatfinanzierten Schulen. Um mit ihnen mithalten zu können, gründete die Schule…