Zum Beispiel Martin

Erfolgreich, angesehen, ganz oben: bis vor wenigen Jahren mussten sich Mitarbeiter der Schweizer Finanzindustrie wenig Sorgen um ihre Zukunft machen. Das hat sich radikal geändert.

Martin ist 51 Jahre alt, promovierter Volkswirt, arbeitete sein halbes Leben lang für ein Zürcher Bankhaus im oberen und obersten Kader. Er hat Frau und drei Kinder – zwei in Zuoz, eins in Ftan –, ein Haus am oberen Ortsausgang einer Seegemeinde. Und er fährt einen Tesla. Gekauft hat Martin das Auto vor drei Jahren, um damit täglich in die Stadt zu fahren. Seit fast sieben Monaten steht es nun in der Garage, denn Martin ist arbeitslos. So lang am Stück wie nie zuvor in seiner langen Karriere.

Die Kündigung hatte sich abgezeichnet. Einige Kollegen hatten vor ihm ihre Plätze räumen müssen, und bei einer der vielen Restrukturierungswellen war dann er an der Reihe. Alle hatten sie auf grosszügige Abfindungen, auf Neuanstellungen in Tochterfirmen oder bei der Konkurrenz spekuliert, die Bank erhobenen Hauptes verlassen, sich nichts anmerken lassen. Einer seiner ehemaligen Kaderkollegen hat in der Zwischenzeit einen neuen Job bei einer Stiftung angetreten. Ein anderer wohnt im Alter von 53 Jahren wieder bei der Mutter. Seine Frau hat ihn verlassen, das letzte Kind im schulpflichtigen Alter musste kurz vor der Matur aus London auf eine öffentliche Schule in Oerlikon wechseln, das Haus mit Seesicht wurde verkauft. Und Martin? Martin hat in den sieben Monaten über zweihundert Bewerbungen geschrieben. Er würde, wie er sagt, auch bei Lidl an der Kasse arbeiten. Aber es stellt ihn niemand ein. Irgendwann hatte er alle ehemaligen «Peers» um Hilfe und Rat gefragt, die Floskeln der Absagebriefe kannte er auswendig. Er ist – das hat er begriffen – als ehemaliger Teil der besten Gesellschaft Zürichs einfach nicht vermittelbar.

Martin, der natürlich auch Beat, Klaus oder Petra heissen könnte, ist kein Einzelfall. Das weiss Christoph Raithelhuber, selbst einst und ein halbes Leben lang auf dem Zürcher Finanzplatz als Sanierer im oberen Kader tätig. Er ist seit fünf Jahren im Ruhestand, aber tatsächlich unter diesem seinem Namen erreichbar – und auch gefragt, von Leuten wie Martin: Raithelhuber ist Teil einer Mentorengruppe des RAV im Kanton Zürich, die sich darauf spezialisiert hat, ehemaligen Führungspersonen aus Banking und Finanzwesen freiwillig bei der Wiedereingliederung ins Berufsleben zu helfen. «Es gibt Hunderte dieser Leute, bald werden es Tausende sein», sagt Raithelhuber, während er bei einem Treffen in Thalwil am Zürichsee die Stirn in Falten legt. Mehrere Anfragen landen monatlich auf seinem Tisch, alle von sehr gut ausgebildeten Leuten, die feststellen mussten, dass ihre Qualifikationen vom neuen Finanzplatz nicht mehr nachgefragt werden. Raithelhuber nimmt höchstens zwei neue Mandate im Monat an, sie sind mindestens auf drei Monate hin angelegt, als «Tandem». Parallel dazu laufen die früheren Mandate weiter – in der Regel so lange, sagt der Mentor, bis eine Lösung gefunden sei. Aber: vor welchem Arbeitsmarktproblem stehen diese Tandems eigentlich?

Der perfekte Sturm

«Zwei voneinander unabhängige Entwicklungen sind dafür verantwortlich, dass sich die Situation auf dem Finanzplatz Schweiz enorm zuspitzt – für alle Angestellten, aber für ältere ganz besonders», sagt Raithelhuber. «Einerseits hat die Finanzkrise von 2008 enorme Spuren hinterlassen: Die exzessiven Gehalts- und Bonusstrukturen wurden dabei zum Platzen gebracht, und seither weht ein anderer Wind.» Waren bei vormaligen Krisen noch einzelne Nationalstaaten und ihre Finanzplätze besonders betroffen, galt das 2008 nicht mehr: wer früher irgendwo seinen Arbeitsplatz verlor, konnte immer das Land wechseln, dorthin, wo es besser lief. Die Konsolidierung der Finanzbranche ist nun ein weltweites Phänomen. Es werden zwar viele Informatiker, IT-Spezialisten und Juristen angestellt, klassische Beraterstellen hingegen fallen weg – und wo sie noch existieren, werden Neubesetzungen unter völlig neuen Gehaltsreglements vorgenommen. Die Gehälter, die Martin und seine Kollegen bekamen (und die immer nur gestiegen sind), zahlt heute niemand mehr. Auch ein Branchenwechsel nützt nichts: was Schweizer Finanzinstitute bis anhin zahlen konnten, war konkurrenzlos. Parallel dazu haben sich die Ansprüche der Kunden verändert: auf Beratung und Betreuung sinken die Margen, digitale Konkurrenten des Bankberaters, vor allem das innerhalb kürzester Zeit flächendeckend verwendete Onlinebanking, brachten einen erhöhten Profitabilitätsdruck für die Institute. Die Tendenz im Zeitalter von künstlicher Intelligenz und Bots: rasant steigend. 

Als wäre die globale Entwicklung nicht dramatisch genug, traf den Schweizer Finanzplatz ein Schock ganz spezifisch. Nach 2010 brachten die USA und Deutschland unabhängig voneinander das bislang einträgliche, ebenfalls fast konkurrenzlose Geschäfts­modell vieler Schweizer Finanzinstitute unter Druck: Das Ver­walten von Geldern, die – in den jeweiligen Herkunftsländern: illegal – am Fiskus vorbei- und dann nicht selten in die Schweiz – hier: legal – eingeschleust wurden. Dem deutschen Fiskus ent­gingen in aller Öffentlichkeit signifikante Einnahmen, und der US-amerikanischen Finanzbranche mit ihren eigenen «Steuer­paradiesen» immer grössere Teile vom fragwürdigen Kuchen. Am Ende knickte die Politik trotz guter Argumente für die Privatsphäre des Einzelnen unter den politischen Drohungen ein, der Finanzwirtschaft ging ein enormer Standortvorteil verloren. Die daraus resultierende «Weissgeldstrategie» war das Ende all jener Institute, die bis dahin keine alternativen Geschäftsfelder erschlossen hatten. Wer in einem solchen Institut sein Geld verdiente, war nun gleich viel wert für die Branche wie ein Trabi-Ingenieur nach der der deutschen Wiedervereinigung für Mercedes-Benz. 

Für den hiesigen Finanzplatz waren die letzten zehn Jahre «der perfekte Sturm»: war der Anlageberater nach «altem Schweizer Modell» 2007 noch ein Job mit exzellenten Zukunftsaussichten, braucht ihn heute niemand mehr. Der Konkurrenzkampf um Stellen, die wenigstens ähnlich gelagert sind, ist gewaltig. «Für die vielen 50- bis 65-Jährigen, die hier ihren Job verlieren, sind die Aussichten, in der Branche wieder angestellt zu werden, gleich null», sagt Christoph Raithelhuber und ergänzt: «Schweizer Firmen, egal welcher Branche, überlegen es sich heute dreimal, ob sie einen Über-50-Jährigen einstellen. Denn er ist einerseits den Qualifikationen jüngerer Arbeitnehmer – zumindest auf dem Papier – unterlegen, gleichzeitig aber teurer, denn für ihn sind auf Arbeitgeberseite deutlich höhere Beiträge in die obligatorische Pensionskasse abzuführen.» 

Ausweg Selbständigkeit

Christoph Raithelhuber unterstützt in Fällen wie jenem von Martin zunächst mental. «Nicht selten haben diese Menschen grosse Teile ihres Lebens verloren» – sozial, weil der Job Identifikation bot und die ständigen Absagen zusehends am Selbstbewusstsein nagen, während sich mit dem Beschäftigungsverhältnis nicht selten auch ihr Familien- und Privatleben radikal gewandelt hat. Und finanziell, weil sie oft nicht genug vorgesorgt, ihre letzten 15 Jahre im Arbeitsleben anders geplant hatten oder ihnen schwant, dass sie nach zwei Jahren Arbeitslosengeld das eigene Gesparte früher als gedacht anbrechen werden müssen. «Der sinnvollste Weg für viele ist deshalb die Selbständigkeit als Berater», sagt Christoph Raithelhuber. «Es macht Sinn für jene, die Verwaltungsmandate ihrer bisherigen Kunden in der Höhe von 50 und 100 Millionen Franken mitnehmen können. Erfahrungsgemäss sind aber nur 10 bis 20 Prozent der betreuten Kunden wechselwillig, so dass dieser Schritt nur Betreuern offensteht, die Kundenvolumina ab 250 Millionen Franken betreuten.» Viele, die wie Raithelhuber ursprünglich aus dem Ausland kamen, können ihre hiesigen Erfahrungen, was Business, Fremdsprache oder Kultur angeht, in anderen Branchen in der Heimat auch wieder nutzen, haben mit dem hier Ersparten andernorts meist auch einen enormen Investitionshebel. Es lohne sich, in diesem Fall die Schweiz zu verlassen, nicht zuletzt, um die laufenden Kosten in den Griff zu kriegen. «Leichter wird es hier nicht mehr», ergänzt er mit Blick auf die ganze Branche. 

Der Mentor beim RAV belässt es aber nicht bei Ratschlägen für die Betroffenen, sondern hat sich mit anderen zusammengetan, um aufzuklären und zu handeln. «In erster Linie sind nun die Arbeitgeber gefragt, ganz unbürokratisch. Vielfach werden nämlich hochqualifizierte Bewerber für Jobs, die diese Qualifikationen nicht zwingend voraussetzen, mit dem Hinweis abgelehnt, dass sie ‹überqualifiziert› seien, also am Arbeitsplatz ‹bald schon zu wenig motiviert›. Das verkennt den Ernst der Lage dieser Bewerber und ist eine dumme Unterstellung.» Hinzukomme, dass Besetzungen, die nur etwa 50000 Franken im Jahr ausmachten, für die potentiell Wiederangestellten aber eine Rückkehr ins Leben bedeuteten, für die Arbeitgeber gar keine Kostenfrage seien. «Das wird oft vorgeschoben», weiss Raithelhuber. «Vielfach wollen Chefs um die 40 heute keine Leute anstellen, die älter und im Arbeitsleben auch erfahrener sind als sie, weil sie ihre Expertise fürchten.» Der Mentor aus Thalwil gibt sich dahingehend optimistisch: «Es ist eine Frage der Zeit, bis der demographische Wandel aus dieser Frage des Wollens eine des Könnens macht.» 

Ins Abseits reguliert

Natürlich sei es aufgrund der Regulierung auch dann noch teurer, einen älteren Arbeitnehmer anzustellen. Raithelhuber hofft deshalb, dass der Gesetzgeber bezüglich der Pensionskassenregelung für ältere Arbeitnehmer endlich mehr Flexibilität zulässt, entsprechende Vorstösse sind allerdings bisher abgelehnt worden. Für den Staat komme es am Ende auch «am teuersten, wenn die Generation 50+ zu immer grösseren Teilen aus dem Arbeitsleben ausscheidet – und also nicht mehr in die Pensionskassen einzahlen kann». Raithelhuber glaubt deshalb, dass es an der Zeit wäre, eine schweizweite Plattform zu schaffen, die gezielt Jobs im Niedriglohnsektor für Arbeitnehmer ab 50 Jahre anbietet und nur für solche zugänglich ist. Es bedürfe dazu einer «Werbetour bei führenden Arbeitgebern, die solche Stellen besetzen wollen – von den Banken und Versicherungen über die Retailer, Baumärkte bis zu den Gärtnereien». Martin, der soeben eine weitere Absage aufgrund von «Überqualifikation» erhalten hat, wird hoffnungsvoll zur Kenntnis nehmen, dass das Seco verschiedene Vorstösse und Initiativen prüft und schon mit einzelnen kantonalen RAVs diskutiert. 

Christoph Raithelhuber reicht das nicht, er sucht nun Unterstützer in der Wirtschaft. Denn: bisher ist erst ein kleiner Teil der Konsolidierungsfolgen in der Schweizer Finanzbranche auf dem Arbeitsmarkt überhaupt sichtbar. Die Möglichkeiten von ETFs und Fintechs wachsen, es ist also sicher, dass auch die Personalabbauwellen und die Sozialhilfeempfängerzahlen – bisher aus der Branche fast inexistent – in und aus der Schweizer Finanzwirtschaft bald höher werden. 


 

Michael Wiederstein
ist Chefredaktor dieser Zeitschrift.

Willkommen im Schlachthof!
Schalterhalle oder Schlachthof: «Der Eingang ist für alle gleich, und am Ende wird alles irgendwie verwurstet.» Bild: imago / Eibner.
Willkommen im Schlachthof!

Wer Kunden wie Mastvieh behandelt, hat irgendwann keine mehr – das gilt auch für das Private Banking in der Schweiz. Will sie nicht untergehen, muss die Branche ihre Tugenden wiederentdecken.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»