Zukunftsreise

Tausende Steine liegen verstreut in der Einöde, glatt poliert von dem Wasser, das sie einst in die Ebene gespült hat. Am Horizont zeichnet sich die Hügelkette des Kraterrands ab, links ist der Abhang des 5000 Meter hohen Mount Sharp zu erkennen. Dorthin soll der Rover rollen und nach Bausteinen des Lebens fahnden. Nach dem Wechsel […]

Tausende Steine liegen verstreut in der Einöde, glatt poliert von dem Wasser, das sie einst in die Ebene gespült hat. Am Horizont zeichnet sich die Hügelkette des Kraterrands ab, links ist der Abhang des 5000 Meter hohen Mount Sharp zu erkennen. Dorthin soll der Rover rollen und nach Bausteinen des Lebens fahnden. Nach dem Wechsel der Software hat er freie Fahrt. Im Umkreis steht nichts im Wege. Ohnehin ist er so ausgerüstet, dass er Felsen, Spalten oder Abhänge bemerken und selbständig umfahren kann. Die dünnen Aluminiumräder sind fast so elastisch wie Gummireifen.

Im Krater ist es wärmer, als man gedacht hatte. Knapp über null Grad wurde gemessen. Man glaubt Sanddünen zu sehen, felsigen Untergrund, Staubverwehungen, Gestein, das zwischen Rot, Braun, Schwarz und Dunkelblau changiert. Doch wurden die Bildfarben nachträglich verstärkt. Was auf der Erde blau aussieht, ist auf dem Mars blassgrau. Sensationsbilder vom fernen Planeten bedürfen der Aufbereitung mit optischen Kontrasten. Aus 130 Aufnahmen wurde das Panorama zusammengesetzt. Automatisch hat sich die Kamera um die eigene Achse gedreht. Da nicht viel zu sehen ist, pflegt der Roboter auch Bilder von sich selbst zu machen. An seinem Schatten auf dem Wüstenboden erkennt er seine Gestalt. Die Bilder sollen auch Zeugnis von seiner Gegenwart ablegen. Schemen von Reifen, Zangen oder Greifarmen beweisen, dass er da ist. Alle weiteren Indizien seiner Eitelkeit werden regelmässig von Menschenhand
geschwärzt. Sie fallen unter die Zensur der Raumfahrtbehörde. Die Aussichten im Krater, welche die amerikanische Marssonde «Curiosity» zur Erde übermittelt, hinterlassen zwiespältige Empfindungen. Sie lösen Neugier und Begeisterung aus und ermuntern zu Visionen. Die Rivalität zwischen dem Pioniergeist der neuen Welt und der Technikskepsis im alten Europa erhält neue Nahrung. Doch werden die Marsbilder solche Animositäten überdauern. Obgleich nicht so spektakulär wie die Aufnahmen früherer Sonden, werden auch sie in das Weltgedächtnis der Erdenmenschen eingehen.

Leere entsteht durch die Abwesenheit der Gegenstände. Man sieht keine Pflanzen, Tiere, Oasen, Skelette, nur Steine oder Sand. Die Marswüste bietet kaum optische Reize. Doch ist jede Leere auf Objekte verwiesen; ohne Dinge kein Raum. Photos der Ödnis benötigen zumindest physische Überreste oder Spuren einer Bewegung. Wüstenbilder zeigen daher entweder verlassene Einzeldinge oder sichtbare Hinweise auf abwesende Objekte. Noch das regelmässige Rippelmuster im Sand, noch die bizarren Felssilhouetten oder die Strukturen der Verwitterung erzeugen ein räumliches Gefüge. Erst im Endzustand, wenn Wind und Wetter jede Erhebung abgeschliffen, jedes Leben ausgelöscht, jeden Stein zerrieben haben, ist der Raum zur toten Fläche planiert.

Das Panorama der Leere eröffnet der Imagination freies Feld. Je weniger zu erkennen ist, desto fabelhafter die Vermutungen. Man glaubt geologische Schichten zu sehen, alte Reste früherer Zeitalter, verborgene Wasseradern, hydrierte Mineralien, unsichtbare Hinweise auf früheres Leben. Nach Zeichen sucht der Roboter, nach Fundstücken und Beweisen. Analysen toten Gesteins sollen schliesslich die versiegten Quellen des Lebens erschliessen. Bis dahin muss man sich an Bildnisse halten, an Erscheinungen, die vielleicht nur Spiegelungen der eigenen Wunschträume sind.

Ganz allein ist der Roboter nicht. Sein Vorgänger «Opportunity» ist noch unterwegs, zu allen anderen Marssonden ist der Kontakt abgebrochen. Doch werden sich die beiden Roboter niemals begegnen. Einsam rollt «Curiosity» seinem Ziel entgegen. Er sucht nicht nach der Geschichte des Roten Planeten. Wenn die Photos der Wüstenei eine kosmologische Botschaft übermitteln, so ist es nicht die frohe Kunde von fremdem Leben. Sie sprechen nur von der Einsamkeit der Spezies, welche die Sonde entsandt hat. Sie zeigen einen leeren Ort. So könnte unser Globus aussehen, wenn die Menschheit einmal verschwunden sein wird. Die Bilder vom Mars berichten von der Zukunft der Erde.

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