Zukunft des Geldes I

Zukunft des Geldes I

 

Der Dollar bleibt das Mass aller Dinge

Tobias Straumann, fotografiert von Ruedi Keller

Als Finanzhistoriker interessiert mich vor allem die Frage, wie lange die Hegemonie des US-Dollars noch anhalten wird. Ich vermute, dass die nächsten zehn Jahre diesbezüglich keine wesentlichen Änderungen bringen werden – obwohl kein Zweifel besteht, dass die relative ökonomische und politische Dominanz der Vereinigten Staaten weiter abnehmen wird. Es sind drei Gründe, die mich zu dieser Prognose veranlassen.

Erstens fehlt es an einer Alternative. Die chinesische Währung kommt nicht in Frage, weil der Finanzmarkt nicht offen und liquide genug ist. Die Europäische Währungs­union kennt keinen gemeinsamen und liquiden Finanzmarkt – sie eignet sich deshalb nicht als globale Währung. Eine Änderung dieser Verhältnisse ist unwahrscheinlich: Diktaturen wie die Volksrepublik China sind nicht an einem völlig offenen Finanzmarkt interessiert, weil sie die Kon­trolle des Finanzsektors und der Währung bewahren wollen. In Europa wird immer wieder von einem gemeinsamen ­Finanzmarkt gesprochen, aber konkrete Schritte sind nicht realistisch, weil die ­EU-Länder nicht weiter Souveränität ­abgeben wollen.

Zweitens verträgt sich die Dominanz einer Weltwährung durchaus mit dem Vorhandensein von regional bedeutenden Währungen wie dem Euro oder dem Yuan. Das heisst, der US-Dollar kann seine Vorherrschaft durchaus bewahren, auch wenn sein Anteil an globalen Transaktionen und Reservehaltungen der Zentralbanken abnimmt. Entscheidend ist, dass der US-Dollar immer und für alle Funktionen eingesetzt werden kann – als Reservewährung und als Vehikelwährung für grenzüberschreitende Transaktionen.

Drittens ist das globale Geldwesen ein träges System, weil es auf dem Netzwerkeffekt beruht. Es ist einfacher, alles in derselben Währung zu erledigen, weil alle anderen es auch so handhaben. So blieb zum Beispiel das britische Pfund bis weit in das 20. Jahrhundert eine wichtige Reservewährung für die Staaten des ehemaligen British Empire, obwohl der weltpolitische und wirtschaftliche Abstieg Grossbritanniens bereits nach dem Ersten Weltkrieg eingesetzt hatte.

Währung ist Vertrauenssache

Sylvia Kaufmann, zvg.

Im globalen Devisenmarkt steht der US-Dollar noch heute an erster Stelle: Mit 88 Prozent war sein Umsatzanteil im Jahr 2019 praktisch unverändert hoch wie noch im Jahr 1989. Was könnte diese Vormachtstellung ins Wanken bringen? Häufig heisst es: der chinesische Yuan, dessen Umsatzanteil von 4 Prozent allerdings noch weit von den Höhen des Dollars entfernt liegt.

Zwei sich gegenseitig verstärkende Faktoren verhelfen einer Währung, weltweit als Handels- oder Reservewährung eingesetzt zu werden: Liquidität und Netzwerkeffekte. Eine liquide Währung kann zu geringen Kosten und ohne Einschränkungen nicht nur im In-, sondern auch im Ausland weltweit gehandelt werden. Dies fördert ihre Akzeptanz und verdichtet ihr Netzwerk. Ein dichtes Netzwerk wirkt sich wiederum positiv auf ihre Liquidität aus. Ein stabiler in- und ausländischer Geldwert, also tiefe Inflation und geringe Wechselkursvolatilität, freie Konvertierbarkeit und die Gewährleistung der Eigentumsrechte sind ökonomische und politische Faktoren, die das Vertrauen in eine Währung und letztendlich ihre Akzeptanz stärken. Hat sich eine Handels- oder Reservewährung mal etabliert, ist ihre fortdauernde Verwendung nur schwer zu verdrängen – ausser durch disruptive Ereignisse des Weltgeschehens. Der Dollar zum Beispiel wurde erst mit dem Ende des 1. Weltkriegs zur Leitwährung im internationalen.

Schon allein aufgrund der Wirtschaftskraft Chinas sollte der Yuan…

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Das ist eine hehre Kunst, welche die wenigsten
Blätter über lange Zeit beherrschen.»
Richard Kägi, Foodscout,
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