Zukunft äufnen

Der hiesige Umgang mit Risikokapital ist ein Fiasko für Unternehmen an der Spitze des technischen Fortschritts.

Ein Arbeitsplatz ist, das bestätigen Umfragen zu diesem Thema regelmässig, so ziemlich das Wichtigste für Herrn und Frau Schweizer. Und jede Statistik, die den Arbeitsmarkt des Landes untersucht, zeigt: kleine und mittlere Unternehmen sind hierzulande die wichtigsten Arbeitgeber. Da regelmässig auch KMU verschwinden, müsste der Gründung von Jungunternehmen aktuell höchste Priorität eingeräumt werden, mithin vor allem solchen, die eine Zukunft haben im Hinblick auf den Fortschritt und die Konkurrenzfähigkeit der asiatischen Tigerstaaten. Zugespitzt bedeutet das: wir brauchen mehr Gründungen an der Spitze des technologischen Fortschritts, um der internationalen Konkurrenz auch künftig eine Nasenlänge voraus zu sein. Das setzt aber mehr Risikobereitschaft bei den Jungunternehmern und vor allem bei den Risikokapitalgebern voraus.

In einem übersättigten Land, dessen oberstes Ziel momentan die Besitzstandswahrung bei ausgeprägtem Sicherheitswahn ist, sind das offensichtlich höchst anspruchsvolle Anforderungen. Andererseits ist offensichtlich, dass viel mehr in die Realwirtschaft investiert werden muss, wenn der Lebensstandard gehalten werden soll: Die Wachstumsraten der Schweizer Einkommen sind schon seit 30 Jahren tendenziell rückläufig, und wenn der Trend extrapoliert wird, ergibt sich schon in wenigen Jahren ein Rückgang der Einkommen. Noch extremer zeigt sich das Bild beim Risikokapital: obwohl die Schweiz eine der höchsten, wenn nicht die höchste Sparrate weltweit aufweist, finanzieren ausländische Kapitalgeber die Mehrheit der Risikokapitalinvestitionen (Venture Capital) der Schweiz. Gleichzeitig müssen Schweizer Jungunternehmer auf der Suche nach Risikokapital ins Silicon Valley, nach London, Berlin oder Israel pilgern.

Klar ist: der Prozentsatz an potenziellen Unternehmern ist in jeder Gesellschaft gering. Wo aber Misserfolg nicht geächtet wird, wie in den USA, oder Jungunternehmen vom Staat gefördert werden, wie in Israel, ist der Andrang von Jungunternehmen grösser. Gemeinsam ist bei allen, dass es v.a. Einwanderer sind, die einen überdurchschnittlichen Anteil an Jungunternehmern hervorbringen. Die meisten Grosskonzerne der Schweiz wurden bekanntlich von «Ausländern» gegründet!

Klar ist auch: die Schweiz als Hochkostenland muss sich auf zukunftsträchtige Produkte an der Spitze der technologischen Entwicklung konzentrieren. Die technischen Hochschulen liefern hervorragende Forschungsresultate, die als Basis für die Gründung von Jungunternehmen dienen. Die Statistik der Ausgliederungen von Projekten der ETH weist denn auch starke Wachstumsraten aus. An «Projekten» fehlt es also nicht. Aber Direktinvestitionen erfordern hochspezialisierte Fachkräfte, um aus unausgegorenen Projekten marktfähige Projekte zu machen. Diese Aufgabe der spezialisierten Venture-Capital-Gesellschaften, kombiniert mit der Beschaffung von Risikokapital, wird hierzulande massiv unterschätzt. Nur selten kennen Start-ups die Weltmärkte oder sind mit den Vorschriften der Behörden (z.B. FDA) vertraut. Nun fehlt es aber in der Schweiz sowohl an spezialisierten Venture-Capital-Gesellschaften wie auch an willigen Finanzquellen für langfristig zur Verfügung stehendes Kapital. Letzteres liegt in den kollektiven Spartöpfen der Schweiz und hat bisher den Weg in die wertschöpfende Realwirtschaft nicht gefunden.

Die Gründe dafür sind wohl bekannt: Die rund 2000 Pensionskassen sind zu klein, um die erforderliche Risikoverteilung vorzunehmen und spezialisierte Abteilungen für die sehr anspruchsvollen Direktinvestitionen in die Realwirtschaft aufzubauen. Die einzelne Investition in ein Jungunternehmen ist hochriskant – aber die Versicherungsgesellschaften haben es vorgemacht, wie man durch Risikoverteilung gute Gewinne erwirtschaften kann.

Die Lösung dieses Problems liegt auf der Hand: Gemeinsam erreichen die PK die kritische Masse zwecks Risikoverteilung, und gemeinsam können sie auch die hochspezialisierten Fachleute finanzieren. Die Idee, so den Venture-Capital-Gesellschaften die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen, ist nicht neu. Die USA haben ihre PK schon in den 1970er Jahren ermächtigt, in VC zu investieren. Als Folge sind die amerikanischen Pensionskassen zu den grössten Venture-Capital-Investoren der Welt geworden. Der Europäische Investitionsfonds (E.I.F.) finanziert Venture-Capital-Gesellschaften schon seit vielen Jahren (auch Schweizer VCs!), er wird allerdings durch Steuergelder finanziert, was in der Schweiz in Anbetracht der aufgehäuften PK-Ersparnisse von rund CHF 850 Mrd. und der Investitionsnot nicht erforderlich ist.

Vor zwei Jahren hat das Schweizer Parlament die Motion Graber, die die Schaffung des «Zukunftsfonds Schweiz» vorschlägt, ohne Gegenstimme durchgewunken. Die zuständigen Bundesräte Schneider-Ammann und Berset haben sich persönlich für das Projekt engagiert. Weitere Anstrengungen, ein Schweizer Bankenkonsortium zusammenzustellen, das den ersten Fonds am Markt platzieren wird, sind im Gange. Von der Politik darf nun erwartet werden, dass die staatlichen Benachteiligungen von kapitalintensiven Jungunternehmen mit langfristigem Investitionshorizont ein Ende hat. Die wichtigste Benachteiligung ist bei den Steuern zu suchen (Stempelsteuern, Verlustvortrag über sieben Jahre hinaus, Steuerprogression im Erfolgsfall etc.), ferner sollten die Buchhaltungsregeln so gestaltet werden, dass sie nicht mehr aus formellen Gründen Investitionen in die wertschöpfende Realwirtschaft verhindern. Investitionen in Beton können kapitalisiert werden, aber Investitionen in Innovationen gelten als Verlust!

Wie genau soll aber dann ein Zukunftsfonds aussehen? Erstens muss er eine gewisse Grösse haben, um durch Risikoverteilung ähnlich dem Prinzip der Versicherung das Risiko auf ein «mündelsicheres» Niveau zu bringen. Vorgeschlagen für den ersten Fonds ist ein Betrag von rund CHF 500 Mio. Ferner ist eine gewisse geographische Risikoverteilung gewünscht, die dadurch erreicht wird, dass bis zur Hälfte im europäischen Ausland investiert werden kann. Zwecks sektorieller Risikoverteilung sind sieben Fachgebiete vorgesehen, in denen die Zukunftsaussichten der Schweiz als günstig beurteilt werden: Biotechnologie, Medizinaltechnik, IT/Digitalisierung, Robotik, neue Werkstoffe, Energie, Mikroelektronik. An der Spitze des Dachfonds steht ein Gremium mit Blick in die technologische Zukunftsentwicklung sowie Erfahrung im Umgang mit Direktinvestitionen. Dieses Gremium wählt einen Dachfondsmanager, der für die Selektion und Zuteilung der Mittel an spezialisierte Venture-Capital-Gesellschaften zuständig ist. Die erwartete Rendite liegt bei über 10 Prozent und die Rückführung der Mittel erfolgt typischerweise in den Jahren 7 bis 14. Ein Zukunftsfonds II folgt, sobald der erste Fonds voll investiert ist.

Es ist Zeit, die kollektiven Spartöpfe wieder in die wertschöpfende Realwirtschaft zu investieren – so schafft man die Arbeitsplätze der Zukunft, und so schafft man auch wieder Vertrauen in den Wirtschaftsstandort Schweiz. Unterlässt man diesen Effort, droht die Welt von morgen eine von Rentnern mit «gesicherten» Einnahmen auf der einen und einer Generation ohne Arbeit und Einkommen auf der anderen Seite zu werden.

Bürokratie:<br /> Verursachen und geisseln
Die neuen Deklarationsvorschriften des Lebensmittelgesetzes verlangen nun auch Angaben zu Allergenen im Offenverkauf. Für die englischen Touristinnen in der Schweiz von 1952 würden diese ab dem 1. Mai 2017 lauten: «Caution: This ananas contains ananas.» Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_M01-0981-0004 / CC BY-SA 4.0
Bürokratie:
Verursachen und geisseln

Bürgerliche Regierungsparteien empören sich über unnötige Regulierungen, die sie nicht selten selbst verursacht haben. Ein Besuch bei der Legislative.

«Die Zeitschrift für unabhängige
und selbstverantwortliche Individuen!»
Werner Kieser, Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»