Zuhause in den Daheims

Statt ein Zuhause aufzugeben, habe ich jetzt plötzlich mehrere.

Ich wollte mein Zuhause aufgeben und eine Nomadin werden – mal hier, mal dort an meinen Büchern schreiben, mal bleiben, mal weiterziehen. Doch irgendwas ist schiefgelaufen. Statt ein Heim aufzugeben, habe ich jetzt plötzlich mehrere. Der Volksmund sagt: Zuhause ist dort, wo das Herz ist. Meines ist offenbar riesig, hat es sich doch in meinen bislang 15 Monaten als Nomadin vielgeteilt. Es ist überall ein bisschen hängen­geblieben, oder eher: ein bisschen zu Hause geblieben.

Wie ich das schreibe, türmt sich in der Schweiz der Schnee. Hier auf Bali läuft der Schweiss, weil mal wieder der Strom und mit ihm die Ventilatoren ausgefallen sind. Schon morgen läuft mein verlängertes Visum nach zwei Monaten ab. Dabei hatte ich doch vor, nur eine Woche zu bleiben. Und jetzt leide ich an einer Am-Abend-vor-der-Abreise-Depression. Mein Herz fühlt sich an, als meinte es, es müsse an Liebeskummer zerbrechen. Weil mein Herz dieses Land, diesen Ort, die neuen Freunde liebgewonnen hat. Ich will – mal wieder – nicht weg. Auch Bali ist mir ein Zuhause geworden. Es ist etwa mein viertes. Mein einziger Trost: Ich muss gar nicht in die verschneite Schweiz fliegen, sondern ich kehre einfach zurück in ein anderes Zuhause: nach Sansibar.

So ist das in unserer Gesellschaft eigentlich nicht vorgesehen: Der Mensch hat ein Zuhause. Punkt. In unserer Sprache existiert nicht mal eine Mehrzahl für das Zuhause oder das Daheim. Es ist, so scheint es, vergleichbar mit der Liebe: Auch hier sollte man sich für eine einzige entscheiden. Obwohl man das manchmal gar nicht will. Und nicht kann, wie die Scheidungsraten zeigen. Zum Glück habe ich noch nie viel Wert gelegt auf gesellschaftliche Normen. Und bloss, weil es kein korrektes Wort für die Zuhauses und die Daheims gibt, heisst das noch lange nicht, dass ich nicht gleichzeitig mehrere davon haben kann. Es ist das Gute an den vielen Zuhauses: Ich kann immer wieder heimkehren, wenn ich nach irgendwo Heimweh habe.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»