Zürich literarisch

Zürichs literarische Topographie ist in den letzten Jahren gleich zweimal in Form von Literaturführern vermessen worden. Damit wurde nachgeholt, was Kurt Guggenheim einst behauptet hat: Wenn man auf einem Stadtplan von Zürich alle literarischen Orte mit einem Punkt bezeichnet, dann entsteht dabei eine dicht gepunktete Fläche, die sich vom Zürichhorn bis zum Platzspitz und von […]

Zürichs literarische Topographie ist in den letzten Jahren gleich zweimal in Form von Literaturführern vermessen worden. Damit wurde nachgeholt, was Kurt Guggenheim einst behauptet hat: Wenn man auf einem Stadtplan von Zürich alle literarischen Orte mit einem Punkt bezeichnet, dann entsteht dabei eine dicht gepunktete Fläche, die sich vom Zürichhorn bis zum Platzspitz und von der Sihl bis zu den Hochschulen erstreckt. In diesem Jahr ist gar ein dritter Literaturführer eigenen Zuschnitts mit 50 literarischen Porträts erschienen, die der «Tages-Anzeiger» in der Artikelserie «Geschrieben in Zürich» von 2003 bis 2007 publiziert hat.

Die zeitliche Spannweite der Autorenporträts ist gross: von Johannes Hadlaubs Minneliedern bis zu Niklaus Meienbergs polemischer Familiengeschichte des Generals Ulrich Wille – 700 Jahre also. Das Auswahlprinzip ist einfach und überzeugend zugleich, die behandelten Autoren sollten einerseits gestorben sein, anderseits in Zürich ein Werk verfasst haben. Nach dem literarischen Auftakt des Zürcher Minnesangs im Mittelalter setzt der Band erst wieder mit Autoren der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein, die Zürichs Ruf als Limmatathen mitbegründet haben. Klopstock und Goethe entdeckten den Zürichsee in hymnischen Gedichten erstmals als literarische Landschaft. Die Porträts des 19. Jahrhunderts stehen im Zeichen der Emigranten aus deutschen Landen. Zu nennen sind Büchner, Herwegh, Wagner oder Mommsen. Doch auch die Zürcher Schriftsteller C.F. Meyer, Keller und Spyri haben ihren Weg in die Weltliteratur gefunden. Im 20. Jahrhundert flüchten wieder zahlreiche Emigranten in die Limmatstadt: die Dadaisten im Ersten Weltkrieg, Tucholsky, Lasker-Schüler, Brecht, Thomas Mann und viele andere zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Schweizer Literatur ist vor allem mit Robert Walser, Zollinger, Frisch und Dürrenmatt in Zürich namhaft vertreten. Der Untertitel des Literaturführers spricht etwas vollmundig von Weltliteratur in Zürich. Gottlob ist das Buch weniger ambitiös und nimmt auch Literaten niedrigeren Ranges auf, wie Felix Salten mit seinen Bambigeschichten oder den Weltverbesserer Ludwig Rubiner, der als Drahtzieher der Weltrevolution verdächtigt wurde. Der Herausgeber des Literaturführers, Martin Ebel, versteht Literatur in einem weiten Sinn. So berücksichtigt er auch Historiker vom Range Eduard Fueters und Golo Manns oder den Revolutionär Lenin mit seiner Kampfschrift «Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus» sowie den Psychoanalytiker C.G. Jung. Viele der porträtierten Autoren und deren Beziehung zu Zürich sind hinlänglich bekannt, trotzdem überraschen die gut recherchierten Porträts durch neue Sichtweisen und lebendige Darstellung. Der Herausgeber hat dafür schreibgewandte Beiträger gefunden. Neben Redaktoren des «Tages-Anzeigers» auch Literaturexperten, Publizisten und Schriftsteller.

Wie das Vorwort betont, strebt das Buch keine Vollständigkeit an. Sie wäre verfehlt gewesen. Dennoch ist die allzu grosse Lücke von rund 450 Jahren zwischen Hadlaub und Klopstock zu bedauern. Die literarischen Vertreter jener Zeit sind heute gewiss wenig bekannt, hätten aber zur Entdeckerfreude an grossen Geistern in Zürich beigetragen. Der Chorherr Felix Hemmerli (1388 bis ca. 1458) beispielsweise verfasste zahllose Streitschriften zu kirchlichen und politischen Fragen, der angesehene Stadtarzt und Stückeschreiber Jakob Ruf vermittelte in seinen Theaterstücken ein anschauliches Panorama der Zürcher Gesellschaft zur Reformationszeit, und Johann Wilhelm Simler, der bedeutendste Zürcher Dichter des 17. Jahrhunderts, gab das erste Zürcher Neujahrsblatt «Tischzucht» heraus. Auch bei diesen Beispielen handelt es sich nicht um Weltliteratur. Sie zeigen aber, dass Zürichs literarische Strahlkraft mit Städten wie Berlin, Wien und München gleichziehen kann.

besprochen von Rainer Diederichs, Zürich

Martin Ebel (Hrsg.): «Nackt gebadet, gejauchzt bis zwölf. Weltliteratur in Zürich – 50 Porträts.» Zürich: Nagel & Kimche, 2007.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»