Zürcher Bibel

Kirchenrat der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich (Hrsg.): Zürcher Bibel

Zürich: Theologischer Verlag, 2007

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Ulrike Bail, Marlene Crüsemann & Frank Crüsemann (Hrsg.): Bibel in gerechter Sprache

Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2006

Innerhalb weniger Monate sind die «Bibel in gerechter Sprache» und die neue «Zürcher Bibel» erschienen – zwei völlig verschiedene Konzepte, begleitet von einem grossen Medienecho. Dabei ist keineswegs selbstverständlich, dass die heiligen Texte einer Religion in moderne Umgangssprachen übersetzt werden. In den Augen rechtgläubiger Muslime ist der Koran nicht übersetzbar; Allah spricht Arabisch. In Indien rezitieren Brahmanen die dreitausend Jahre alten Veden auswendig in einem archaischen Sanskrit, häufig ohne den Text wirklich zu verstehen. Katholische Intellektuelle schwärmen von der tridentinischen Messe, auch wenn ihre Lateinkenntnisse unzureichend sind. Man möchte das göttliche Geheimnis einfach spüren. Auch in den Synagogen des orthodoxen Judentums wird das von den Christen so genannte Alte Testament auf Hebräisch vorgelesen. Jüdischer Religionsunterricht besteht in erster Linie aus Hebräischunterricht. Als Moses Mendelssohn im 18. Jahrhundert eine jüdische Übersetzung der Thora und der Psalmen ins Deutsche unternahm, war das eine Revolution, ein Symptom der Aufklärung, der Beginn der Assimilation des deutschen Judentums.

Immerhin, bereits in der vorchristlichen Antike gab es Juden, die ihre heiligen Schriften nicht bloss verehren, sondern für sich zu Hause studieren und verstehen wollten. In der ägyptischen Metropole Alexandrien wurde das Alte Testament in die dortige Alltagssprache, das Griechische, übersetzt. Diese Übersetzung, die Septuaginta, wurde zu einem Meilenstein in der Wirkungsgeschichte der Bibel, weil das junge Christentum das Alte Testament in der Regel in dieser Form las. Bis heute ist bei den Orthodoxen und in der römisch-katholischen Kirche die Septuaginta und nicht die hebräische Bibel massgebend und verpflichtend. Bereits die Septuaginta ist ein Beispiel dafür, dass Übersetzungen nie neutral sein können. Die neue Sprache hatte Folgen für den Inhalt. Die Forschung ist heute zwar der Meinung, die Übersetzer der Septuaginta hätten nicht unter hellenistischem Einfluss gestanden und hätten sich nach bestem Wissen und Gewissen an den Urtext gehalten. Doch geht das überhaupt?

Ein schönes Beispiel ist Exodus 3, die Szene, in der der biblische Gott Mose als Führer der Israeliten beruft. In der neuen «Zürcher Bibel» lautet die entscheidende Stelle so: «Mose aber sagte zu Gott: Wenn ich zu den Israeliten komme und ihnen sage: Der Gott eurer Vorfahren hat mich zu euch gesandt, und sie sagen zu mir: Was ist sein Name?, was soll ich ihnen dann sagen? Da sprach Gott zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und er sprach: So sollst du zu den Israeliten sprechen: Ich-werde-sein hat mich zu euch gesandt.» Der Abschnitt ist überaus charakteristisch für das biblische Gottesverständnis: Gott ist personal und geschichtlich. Sein Sein ist «im Werden», wie der Theologe Eberhard Jüngel formulierte. Man kann Gott nicht dinghaft machen, seiner nicht habhaft werden. Er zeigt sich immer wieder neu – und entzieht sich aufs Neue.

Die Septuaginta übersetzt nun: «Ego eimi ho oon» – «Ich bin der Seiende». Auch wenn nicht bewusst geplant, erwies sich diese Formulierung als Einfallstor für die griechische Ontologie und Metaphysik. Der biblische Gott liess sich von daher mit dem «unbewegten Beweger» des Aristoteles identifizieren. Der ontologische Gottesbeweis von Anselm von Canterbury und Descartes wurde sprachlich möglich, ebenso die «fünf Wege» in der «Summa Theologica» des Thomas von Aquin bzw. der Satz «Gott ist das Sein-Selbst» des Religionsphilosophen Paul Tillich.

Doch zu den neuen Bibelübersetzungen. Die «Bibel in gerechter Sprache» verdankt sich einsichtigen Beweggründen. Man stiess sich an der sexistischen Sprache mancher Bibelstellen, auch an Formulierungen, die zu Antisemitismus führen könnten. Auch wollte man Gott nicht verdinglichen und schlägt deshalb vor, anstelle des traditionellen «Der Herr» zwischen verschiedenen Varianten auszuwählen: «Adonaj», «der Name», «die Lebendige», «der Lebendige», «Ich-bin-da» usw. So sehr die Motive verständlich sind, das Resultat ist dennoch kaum befriedigend, da Gott so ins Beliebige aufgelöst zu werden droht. Neben durchaus…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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