Zu Unrecht vergessen

Zur Neuausgabe einer Novelle von Ellisabeth Aman

«Manuel und das Mädchen» von Elisabeth Aman erschien erstmals 1952, ein Jahr nach ihrem grossen Roman «Das Vermächtnis», den Elsbeth Pulver vor dem Vergessen bewahrt hat, als sie ihn 1997 als Band 9 der Reihe «Schweizer Texte» neu herausgab und mit einem Nachwort und einer ausführlichen Biographie der Autorin versah. Wiederum mit einem Nachwort von Elsbeth Pulver, ist nun auch die Novelle «Manuel und das Mädchen» 2003 dank der «Literarischen Vereinigung Winterthur» neu editiert worden.

Elisabeth Aman wurde 1888 als Enkelin des Kaufmanns Samuel Volkart, dem Gründer der Welthandelsfirma «Gebrüder Volkart» geboren. Sie heiratete den Rechtsanwalt Charly Aman und wurde Mutter von fünf Kindern. 1966 starb sie. Mit dem Roman «Das Vermächtnis» und der Novelle «Manuel und das Mädchen» hat sie zwei Werke geschrieben. Der Roman wurde von der Schweizer Schillerstiftung ausgezeichnet. Ich weiss inzwischen, dass mein überaus geschätzter Kollege vom «Landboten», Franz Bäschlin, mit dem zusammen ich manche Generalversammlung des Schweizer Schriftstellervereins besucht habe, die Veröffentlichungen der Winterthurerin bewunderte und sich auch publizistisch für sie einsetzte. Aber er blieb offenbar in beschämender Minderheit. Im Schriftstellerverein war Elisabeth Aman nicht anzutreffen.

Dass sie eine Dichterin war, steht nach der abermaligen Lektüre der Novelle ausser jedem Zweifel, und deshalb eben muss ich annehmen, hier seien zwei Meisterwerke gerade noch vor dem Verschwinden bewahrt worden. Aber wer garantiert, dass es da nicht noch eine Dunkelziffer gibt? Dass aus Gründen der Mode, der gesellschaftlichen Konstellation, aus Gründen des lauten literarischen Betriebs vielleicht übersehen wird, was wichtiger als manches vermeintlich Grosse wäre? Was alles von dem, was in jener Zeit und seither geschaffen wurde, liesse sich nicht leichter missen als die paar Szenen, die Elisabeth Aman von Meret und ihrem jungen Freund Manuel erzählt? Was alles reicht nicht entfernt an die Geschichte von den offenbar jüdischen Spaniern heran, von der der Onkel dem Vater Merets berichtet? Ein alter Mann mit wehendem Bart, eine zarte Frau, vier fast gleichaltrige Kinder beziehen eines Tages in einer Kleinstadt eine Wohnung. Niemand nimmt während der Zeit, da sie hier wohnen, Kontakt mit den Fremden auf. Sie haben keine Feinde; aber sie haben auch keine Freunde. Und nach einem schrecklichen Unglück verlassen sie über Nacht die Stadt, noch bevor der Rat sich einig geworden ist, wieviel man dem Mann zu geben beschliessen sollte, weil er bei einem plötzlichen Wassermangel als Rutengänger die Stadt gerettet hat.

Elisabeth Aman fand ihre kreative Phase erst in ihren reifen Jahren, etwa von 1940 bis l950. Nachher hat sie kaum noch geschrieben, und wenn sie es tat, so hat sie das Ergebnis nicht publiziert und das meiste vernichtet. Das Image, der Stil der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts stehen nicht in hohem Ansehen; selbst Kunst und Literatur jener Zeit werden mit Vorbehalt betrachtet. Die Schweiz war zwar von der Zerstörung ihrer Städte und vom Kriegstod ihrer Jugend verschont geblieben. Das täuschte solange, bis man gravierendere Zerstörungen erkannte, die den inneren Haushalt, die Seele, betroffen hatten. In den fünfziger Jahren konnte man noch so tun, als würden jetzt die Ruhe und die Behaglichkeit, die man gewohnt war, wieder einkehren. Erschreckend ist der Gedanke, derartige verfehlte Vorstellungen könnten die Überlieferung beeinflussen, zum Beispiel auch im Blick auf das, was in Literatur und Kunst bleiben wird. Ich rede hier nur von der Deutschschweiz, weil wir in Elisabeth Aman ein mahnendes Beispiel haben.

Elisabeth Aman, «Manuel und das Mädchen». Nachwort von Elsbeth Pulver.

Literarische Vereinigung Winterthur, Haupt Verlag, Bern, Stuttgart, Wien 2003.

Elisabeth Aman, «Das Vermächtnis». Herausgegeben von Elsbeth Pulver. Haupt Verlag, Bern, Stuttgart, Wien 1997.

Anton Krättli, geboren 1922, promovierte in Germanistik und Geschichte an der Universität Zürich. Er war von 1965 bis 1993 Kulturredaktor der «Schweizer Monatshefte».

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»