Zu schön, um dazubleiben

Die Bedeutung meines aus dem Griechischen stammenden Vornamens lautet: die Fremde. Und genau das ist es, was ich mein ganzes bisheriges Leben lang war. Was mir anfangs Mühe machte, hat sich inzwischen als Vorteil erwiesen, den ich bewusst einsetzen kann. In Italien und in den USA nimmt man mich als Schweizerin wahr, in Grossbritannien und […]

Die Bedeutung meines aus dem Griechischen stammenden Vornamens lautet: die Fremde. Und genau das ist es, was ich mein ganzes bisheriges Leben lang war. Was mir anfangs Mühe machte, hat sich inzwischen als Vorteil erwiesen, den ich bewusst einsetzen kann. In Italien und in den USA nimmt man mich als Schweizerin wahr, in Grossbritannien und Russland sieht man mich als Italienerin, und in der Schweiz galt ich lange als Russin. Ich kann auf der ganzen Welt arbeiten, ohne mich dort fremd zu fühlen und ohne zu vergessen, wo meine Wurzeln sind. Aus heutiger Sicht hatte ich Glück. Und kann mich fragen: Habe ich bewusst darauf hingearbeitet oder war vieles Zufall?

So hat es angefangen. Ich, Russin. Mein Vater ist ein russischer Geschäftsmann, der mit meiner Mutter aus Magnitogorsk, einer Industriestadt im Ural, in die Schweiz zog, als ich sechs war. Aufgewachsen bin ich also im selbstzentrierten, so hübsch wie unwirklich erscheinenden, aber gleichzeitig ziemlich provinziellen Lugano. Die Neue. Die Russin. Nach wenigen Monaten sprach ich Italienisch, mischte mich unter meine Klassenkameraden und wurde später dann auch Schweizer Staatsbürgerin. Gleichzeitig wuchs ich mit Pasta, italienischem Fernsehen und regelmässigen Reisen nach Como und Mailand auf – Italien wurde meine dritte kulturelle Heimat. Seine bunte, modische Mentalität, voll von Liebe und Leben, wurde Teil meiner Persönlichkeit. Ich, russisch-italienische Schweizerin.

Als Schweizer Staatsbürgerin lernte ich, was kulturelle Vielfalt ist – viel wichtiger noch: Ich lernte mehrere Sprachen in der Schule. Ohne die Mehrsprachigkeit hätte ich all die Termine im Nachzug des «Miss Schweiz»-Contests (darunter Autogrammstunden in den Bergen mit Blick auf… Kühe!) kaum überstanden. Im deutschsprachigen Teil der Schweiz, in Zürich, verbesserte ich nicht nur meine Deutschkenntnisse, sondern lernte auch bei einer Investmentbank die Relevanz der Disziplin: Der Einfluss des Protestantismus führt hier zu einer effektiveren Ethik der Arbeit als im vergleichsweise chaotisch anmutenden Süden. Ich, disziplinierte russisch-italienisch-deutsche Schweizerin.

Nun mag das alles schon nach einem schönen Portfolio klingen. Aber ich fühlte: Da ist noch mehr! Denn die Schweiz, so vielfältig sie auch ist, ist immer noch ein vergleichsweise kleines, provinzielles Nest. Trotz der Angst meiner Mutter, dass ihr einziges, kleines Kind im Sauseschritt über die Welt (mit einem riesigen und schweren Koffer) irgendwo verlorengeht, hatte ich – wie viele Schweizer vor mir – das Gefühl, das zu verpassen, was die grosse Welt ausmacht: die Metropole! Also reiste ich noch weiter: Model- und Show-Business, Finance und Schauspiel in London und New York. Es folgten Asien und Südamerika. Ich suchte die Zentren, in denen die Möglichkeiten ebenso endlos sind wie der Raum für grosse Träume. Xenia, die… Fremde.

In London steht heute mein grösster Kleiderschrank. Von hier aus plane ich mein Leben an den verschiedensten Orten. Je mehr ich reiste, desto mehr fühlte ich mich ihnen allen gleichzeitig zugehörig. Ich lernte: Jede unternommene Reise ist eine neue Mission, das Stück eines Puzzles, das nichts anderes ist als das eigene, globalisierte Leben. Das ist mein Ziel. Denn wer immer in seinem gemachten Nest bleibt, entwickelt sich nicht.

Ich habe trotzdem auch immer noch eine eigene Wohnung in Lugano – gleich neben jener meiner Familie. In der Schweiz habe ich ideale Bedingungen vorgefunden, um mich auf die vielfältige Welt vorzubereiten. Die Schweiz war in der Rückschau das perfekte Land, um ein sozusagen postnationales, unabhängiges Dasein zu erlernen. Hier bin ich immer noch, um meine Akkus wieder aufzuladen. Die Sozialisierung in diesem heterogenen Land, wo man einander schon fremd erscheint, wenn man nur den nächsten Berg umfährt, erleichtert mein Leben als Fremde in der Fremde. Mit diesem kulturellen Rüstzeug aber einmal ausgestattet, bietet es sich geradezu an, die Schweiz auch zu verlassen – dahin, wo man das im Kleinen Erlernte im Grossen weiterentwickeln kann! Fortsetzung folgt.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»