Zu Hause am Leben vorbei

Fernweh in Coronazeiten

 

«Should I stay or should I go?» In den Achtzigerjahren schmetterte uns die Rockband The Clash die Frage um die Ohren, die derzeit viele umtreibt: Bleiben oder gehen? Kann, soll, darf man während einer Pandemie verreisen? In der Vor-Corona-Zeit konnte man Tage damit zubringen, nach der schönsten Ferienwohnung Ausschau zu halten und das eine Angebot gegen das andere abzuwägen. In der Coronazeit hingegen verbringt man Stunden im Internet, um herauszufinden, in welches Land man überhaupt einreisen kann, ob bei der Rückkehr eine Quarantäne droht und wie die Stornierungsbedingungen aussehen. Selbst wenn man auf dieser scheinbar geschrumpften Welt endlich eine Destination gefunden hat, reist das Risiko mit, und es ist gut möglich, dass sich zwischen Ab- und Heimreise nochmals alles komplett ändert. Nichts scheint mehr sicher zu ein, und das verunsichert und verdirbt die Reiselaune.

Wir Schweizer waren daran gewöhnt, fast überall bequem hinreisen zu können. Das aufzugeben, fällt vielen schwer. Doch wer sich getrieben vom Sicherheitsdenken an Gewohnheiten und Bequemlichkeiten klammert, verschliesst sich die Welt und hält sich an einer vermeintlichen Sicherheit fest. Wir befürchten, dass unser Ferienziel auf der Liste landet und wir nach der Heimreise in Quarantäne gesetzt werden. Dabei droht uns dasselbe, wenn wir in der Schweiz bleiben und unsere gesamte Bürobelegschaft oder alle Besucher des von uns besuchten Restaurants in Quarantäne müssen.

Ist es nicht absurd, dass wir Angst haben, uns auf dem Flug in den Urlaub mit Corona anzustecken, das Risiko dabei aber nicht grösser ist als beim täglichen Pendeln im Zug? Und wer garantiert, dass nicht plötzlich ein Flugzeug auf unser Dach stürzt oder ein Brand ausbricht, wenn wir uns in den eigenen vier Wänden verschanzen? Sicherheit existiert nicht, das Leben an sich ist ein Risiko. Die grösste Gefahr besteht darin, dass wir unser Leben vor lauter Angst ungelebt an uns vorbeiziehen lassen.

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Werner Kieser, Unternehmer,
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