Zerschellte Zukunft

Prosakunst von Dante Andrea Franzetti

In zwei Sprachen, italienisch und deutsch, ist der 1959 geborene Dante Andrea Franzetti aufgewachsen. Der heute in Rom und Zürich lebende Schriftsteller und Journalist, der schon 1994 den angesehenen Adelbert-von-Chamisso-Preis erhielt, veröffentlichte seit «Der Grossvater» (1985) mehrere Romane, diverse Erzählungen und manch klugen Essay. In diesem Frühjahr erschien sein Buch «Passion. Journal für Liliane». Es ist sein bisher bestes.

Franzettis poetische Erinnerung an eine grosse Liebe, an eine Passion im Doppelsinn von Leidenschaft und Leidensgeschichte, beginnt mit dem Schluss. Nicht nur der Sommer ist zu Ende. Der bald 44jährige Nerbal, Franzettis

zweifelnder und oft verzweifelter Protagonist, muss sich mitten in der schönsten Toskana eingestehen: die Liebe ist gescheitert, die Zukunft scheint zerschellt. «Liliane war Nerbal alles.» Doch Liliane sagt: «Du hast mich ganz verloren.» Dann braust sie davon, nach einem letzten, einigermassen sinnlosen Treffen: Showdown. Wie es dazu kam und mit welchen Verletzungen so etwas einhergeht, ist das Thema dieser reflektierten Prosa. Denn eine Passion, gewaltig und gewaltsam, fegt sämtliches Beziehungsgeschwätz unserer weichgespülten Gegenwart vom Tisch, weil ihr eine nicht ruhigzustellende elementare Kraft innewohnt. Sie hat mit der in Werbung und TV-Soaps vorgeführten «modernen Romantik» oder mit den heute so beliebten pflegeleichten Partnerschafts-Arrangements nichts zu tun. In «Passion» geht es um mehr als um die Nachwehen einer «Beziehung». Es geht, wie in aller wirklich guten Literatur, ums Ganze.

Nerbal kennt und liebt Liliane seit langer Zeit, und nach vielerlei Turbulenzen haben sie schliesslich geheiratet und Kinder bekommen. Aber immer schon ist Nerbal für seine Mitwelt «anstrengend», und oft überfordert er sie. «Lösungsorientiert war er nicht. Das Problem Welt erschien ihm als das älteste, schönste und wesentliche Problem.» Liliane empfindet Nerbals schwarze Gedanken als lebensfeindlich, «wohingegen er den Anlass seiner Gedanken als lebensfeindlich empfand». Seit einem knappen Jahr lebt er meistens getrennt von den Seinen. «Unfähig, über längere Zeit bei ihnen zu sein, ist ihm die Vorstellung der Trennung dennoch eine Katastrophe.» Die Passion, und das ist heute einigermassen ungewöhnlich, betrifft nicht nur die geliebte Frau, sondern eine Familie. Was hat der Privatphilosoph Nerbal alles falsch gemacht, dem die ganze durchgestylte «Plastikwelt» als globales Verhängnis erscheint und der jeglichen Zukunftsoptimismus verachtet? «Ist es der Mann, der die Welt der Kinder nicht versteht?» Und was hat Liliane nicht begriffen? Welche seiner Gefühle hat sie lächerlich gemacht, wann hat sie ihn verletzt in ihrer unerschütterlichen Weltzugewandtheit? Während diese Welt doch überall, auf dem Balkan oder in Ruanda, der Gewalt und Brutalität voll ist, wie Nerbal in seinem ungeliebten Journalistenjob zur Genüge erfährt – ein Berufsumfeld übrigens, das sich bestens für sozialpsychologische Studien der technizistisch-zynischen Coolness von heute eignet. Sind Lilianes Fehler lediglich zeitgemässer als seine? Fügt sie sich einfach nur besser ein «in die ökonomische Gesellschaft, die mit der Vorstellung von Würde nichts anfangen kann»?

Das alles und noch viel mehr wird in diesem Buch umkreist, erwogen oder auch nur angetippt, und zwar in einem immer luziden, genau gearbeiteten und anregend poetischen Journalstil, der zuweilen an Max Frisch erinnert. «Montauk» und andere Frisch-Bücher, auch Ingeborg Bachmanns «Malina» kommen explizit vor, und am Ende des Buches ist es Franzetti wichtig, auf folgendes hinzuweisen: «Frisch berief sich in ‹Montauk› auf Montaigne – ‹dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser› –, doch ich bestehe auf dem fiktiven Charakter auch intimer Literatur.» Für seinen Protagonisten gehören Literatur und Leben seit je zusammen: Marinetti, Pasolini, Beckett, Canetti, Mayröcker, ja sogar Dante und seine Beatrice veranschaulichen Nerbals Lebensgefühl, Hannah Arendt beglaubigt seine Vorstellung von Liebe, Milan Kundera den Schmerz, sich nicht mehr als Teil seiner Familie empfinden zu können. Insofern ist «Passion» auch Literatur aus Literatur. Aber Franzettis «Journal» ist weitaus mehr. Es bietet, um es zunächst einmal negativ zu sagen, gewiss nicht das berüchtigte «Leben pur», das manche Literaturbetriebsnudel neuerdings offenbar in den literarischen Texten selbst sucht statt in der nächsten Bar. Wir lesen vielmehr verzaubernde Notate über das oft gar nicht sanfte Gesetz des Lebens, vielfach gebrochene und höchst sensibel reflektierte Prosafragmente, die in ruhiger, dem Thema angemessener Sprache zum Kunstwerk verdichtet sind. Und denken lange nach über diese so leise wie schonungslose Analyse unserer gerne cool übertünchten existentiellen Hilf- und Ratlosigkeit. So soll Literatur sein – übervoll von Inseln des Leserglücks: «Von den ersten Tagen seines Kindes wird Nerbal immer dieses Bild der Hilflosigkeit in Erinnerung behalten; dieses Bild der Fremdheit und des Entsetzens vor der Welt. Auch den Erwachsenen wird dieses Entsetzen nie ganz verlassen.»

Dante Andrea Franzetti, «Passion. Journal für Liliane». Innsbruck/Wien: Haymon Verlag, 2006.

Klaus Hübner, geboren 1953, promovierte in Germanistik und lebt als Publizist und Redaktor der Zeitschrift «Fachdienst Germanistik» in München.

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