Zaungäste

Sie erkennen keine Gesichter, nur Rücken, Schultern, Hinterköpfe. Die Plakate sind fern, und manche Worte des Redners verhallen im Rauschen der Bäume. Doch bietet sich von oben die beste Sicht. Niemand kann die Szenerie so gut überblicken wie die beiden Zuschauerinnen von ihrem Ausguck. Farbtupfer in Grün, Blau und Rot sehen sie unter sich, Studenten, […]

Sie erkennen keine Gesichter, nur Rücken, Schultern, Hinterköpfe. Die Plakate sind fern, und manche Worte des Redners verhallen im Rauschen der Bäume. Doch bietet sich von oben die beste Sicht. Niemand kann die Szenerie so gut überblicken wie die beiden Zuschauerinnen von ihrem Ausguck. Farbtupfer in Grün, Blau und Rot sehen sie unter sich, Studenten, Dozenten und einige Einwohner der Stadt. Auf der anderen Seite steht der Redner im Hemd, die Leibwächter tragen gedeckte Anzüge, und als markantes Requisit grüsst die Flagge der Nation.

Es ist kein bedeutsames Drama, das auf dem Campus des Wofford College in Spartanburg, South Carolina, gegeben wird. Für den Kandidaten Mitt Romney samt seinem Tross ist es nur ein kurzer Zwischenstopp, ein Termin unter tausend anderen. Monate dauert die Werbekampagne während der US-Vorwahlen. Aber die beiden Zaungäste wollen die Gelegenheit nicht versäumen. Sollte der Redner tatsächlich zum Herausforderer des Präsidenten gekürt werden und wider Erwarten im Herbst den Amtsinhaber besiegen, dann könnten sie stolz berichten, ihn damals mit eigenen Augen gesehen zu haben. Medien können Personen der Zeitgeschichte nur im Bild zeigen, leibhaftig erlebt sie der Bürger selten. Trotzdem verzichten die Zuschauerinnen auf den direkten 

Kontakt. Sie suchen keinen Handschlag, kein Lächeln, kein freundliches Wort. Gekleidet in neutrales Schwarz, Weiss und Grau heben sie sich ab von der bunten Menge. Als Individuen wirken sie neutral, kühl, auf Abstand bedacht. In dem Publikum, welches das Theater der Politik frequentiert, nehmen sie eine Sonderstellung ein. Sie sind Zuschauer der Zuschauer. Weder gehören sie zu den Anhängern, Gefolgsleuten oder Claqueuren noch zu den Gegnern oder gleichgültigen Zufallsbesuchern. Sie sind Zaungäste in der letzten Reihe. Keiner Partei rechnen sie sich zu, Neugier und Interesse sind begrenzt, und dennoch sind sie da. Entrüstung oder Begeisterung sind ihnen fremd. Sie machen sich ihr eigenes Bild, finden ihre Meinung jenseits der Propaganda. Oder sind sie nur anwesend, weil die Universitäts­leitung allen Angestellten zwei Stunden freigegeben hat und sie die warme Wintersonne geniessen wollen? Gehören sie zu der grossen Partei der Nichtwähler, die ohnehin nur bestätigt sehen wollen, dass das Spektakel die Mühe nicht lohnt?

Zaungäste gibt es überall, wo etwas los ist. Sie sitzen auf Balustraden, Dächern oder Balkonen, sie stehen auf Mauern, Tischen oder Stühlen. Sie halten sich im Hintergrund, bevorzugen jedoch Standorte mit freiem Blickfeld, Sonderplätze mit territorialen und sozialen Vorteilen. Abseits der Menge braucht sich der Zaungast nicht an die offizielle Sitz- oder Stehordnung zu halten. Er kann seinen Körper, auch wenn es mitunter unbequem ist, frei plazieren, kann niederknien, die Beine übereinanderschlagen, die Arme verschränken, die Hände in den Hosentaschen verstecken oder mit Nebentätigkeiten beauftragen. Utensilien wie Handtasche, Schlüssel, Telephon oder Zigarettenschachtel legt der Zaungast griffbereit ab, ohne fremde Hände fürchten 

zu müssen. Er lässt den Blick frei schweifen, entzieht sich jedoch selbst der Beobachtung. Die Asymmetrie der Blicke weiss er wohl zu schätzen. Ohne Aufsehen kann er verschwinden, wie es ihm beliebt. Zaungäste kommen und gehen. Was sie denken, ist ungewiss. Aber häufig beurteilen sie Veranstaltungen nach ihrem Unterhaltungswert. Sie haben einen ausgeprägten Sinn für den Sinnesreiz der Politik. Als Kritiker der Langeweile sind sie gefürchtet. Während die Zuschauer im Parkett oft bis zum bitteren Ende aushalten und harte Geduldsproben absolvieren müssen, macht sich der Zaungast frühzeitig davon. Seine Geduld ist rasch erschöpft, sein Fluchtweg immer kurz. Lange vor der Wahl stimmt er mit den Füssen ab und geht. Um ihn zu gewinnen, muss die politische Show vor allem Abwechslung bieten.

Zaungäste wollen weniger überzeugt als gefesselt werden. Sie nehmen Politik als das, was sie zu sein scheint: als Wechselspiel von Tragödien und Komödien, Zirkus und Kammerspiel, Oper und Scharteke.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»