YOLO!

Carpe diem wird gerade wieder einmal neu erfunden: YOLO. Das Akronym steht für You only live once und wurde jüngst in Deutschland zum Jugendwort des Jahres gekürt. Aber nicht nur unsere jugendlichen Nachbarn greifen das als Lebensmotto verkleidete Modewort auf. Der Blankoscheck für jegliche Dummheit kursiert auf allen Radiostationen und in allen sozialen Netzwerken. Und […]

Carpe diem wird gerade wieder einmal neu erfunden: YOLO. Das Akronym steht für You only live once und wurde jüngst in Deutschland zum Jugendwort des Jahres gekürt. Aber nicht nur unsere jugendlichen Nachbarn greifen das als Lebensmotto verkleidete Modewort auf. Der Blankoscheck für jegliche Dummheit kursiert auf allen Radiostationen und in allen sozialen Netzwerken. Und deshalb heisst die Antwort auf Fragen wie «Wieder mal zu viel getrunken?» und «Wieder mal aus einer Laune heraus ein Tattoo stechen lassen?» weltweit unisono: «Macht nichts, weil YOLO!»

Man kann das Phänomen aber auch anders betrachten: als Reaktion der jungen Generation auf die Unsicherheiten, die die Zukunft nach der Krise für sie bereithält. Aus den vier Buchstaben spricht der Wunsch nach Leben und nach Wegen abseits der trostlosen Aussichten der vorgezeichneten Pfade. Gerade seit den Jahren 2007/08 halten unsere Gesellschaften wieder den Kult des Normalen, der Berechenbarkeit, hoch. Ja nicht ausscheren, ja nichts riskieren. Niemand wagt mehr, seine Träume zu verfolgen, weil sich der Verdacht, nicht gut genug zu sein, selbst in die hintersten und letzten Köpfe eingeschlichen hat.

Wer schon etwas länger auf der Welt ist, hat – zugegeben: bestenfalls – gelernt, dass Grenzen oft überschritten werden können, «unmöglich» beinahe noch öfter eine Frage der Perspektive ist und mit Phantasie und genug Durchsetzungswillen ungemein viel erreicht werden kann. Dass die Jugend versucht, mit der YOLO-Machete Wege durch das Dickicht der Normalität zu schlagen, ist angesichts dessen doch sehr erfreulich. In seinem Kern steckt das gute, alte Carpe diem, das wir der nächsten Generation nicht vorenthalten dürfen – und das wir uns selbst vielleicht auch wieder einmal in Erinnerung rufen sollten. Testen Sie doch selbst, ob auch Sie sich nicht zu sehr eingerichtet haben und nicht etwas zu selbstzufrieden sind. Es ist ganz einfach: Probieren Sie etwas Neues und sagen Sie es laut vor sich hin: «YOLO!»

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Werner Kieser, Unternehmer (1940-2021),
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