Wozu war Dada da?

Schatten-Spalten

Wie spaltet man Schatten, von Worten geworfene Schatten? Indem man die Sprache dazu bringt, nein, zwingt, Einspruch gegen sich selbst zu erheben, um sich, ihre Brüche und blossen Bestandteile anders wahrzunehmen, sie bestenfalls neu zu erfinden.

Tanz der Laute: Wer spricht, sollte dazu bereit sein, ihm aufzuspielen, dem Tanz der Vokale, dem Contredanse der Konsonanten.

Was war der Dadaisten liebste Frucht? Schattenmorellen, vermute ich, der schmack-haften Laute dieses Wortes wegen.

«Tanzt die Orange» (Rilke) – auf Dada: geta ztor ztor tanora – hätte von Oguh Llab sein können oder eben von Hugo Ball.

Dada – oder die Umkehrung der Sprachverhältnisse, sprich: die Umwertung aller Lautwerte. Dada stand für die Explosion in der Sprache und Im-plodierung des Sinns: Wortzerrungen als Losungen gegen die Propaganda im Krieg. Das Ideal? Die Dadaisierung militärischer Befehle.

In seinen trefflichen Dada-Profilen schrieb Hans Richter im Jahre 1961 (Porträtist der führenden Dadaisten und Produzent des 1954/57 gedrehten Films «Dadascope», das Marcel Duchamp und Larry Evans in einem See Schach spielend zeigt): Dada habe bei aller praktizierten Subversion eine neue Ordnung gesucht, etwas zwischen systematischem Sich- Einrichten im Chaos und permanen-tem Spiel.

Hans Arp kommentierte Richters «Porträts» als Bilder von Künstlern, die vor Richter ihr Inneres nach aussen gestülpt hätten.

Dada als Politikum, Skandalon und Tanz der Sprache mit dem Nichts. Hugo Ball schrieb, bevor er zum Heiligen von St. Abbondio im Tessin wurde: «Wir müssen uns in die tiefste Alchimie des Wortes zurückziehen und selbst die Alchimie des Wortes verlassen, um so der Dichtung ihre heiligste Domäne zu bewahren.»

Dada oder die Kunst der Gegen-Kunst: Das Anti als Kunstakt – Schwitters, Huelsenbeck, Herzfelde, Doesburg, -Malewitsch, Hardekopf, Man Ray, Varèse – sich auf diese Namen einen Reim zu machen, wäre Verrat an Dada.

Collage contra pittura metafisica. Verweigerung als Aktion. Ulk contra Urangst: Alles kann Gegenstand von Performance werden. Dada glaubte an den performativen Charakter des Nichts. Ihre Gegner? Menschen mit mechanischen Köpfen, die Kultur mit Funktionieren verwechseln. Hugo Ball hielt dagegen, was er «Imaginationsgedichte» nannte, Lautdarstellungen, die den Hörer zu Assoziationen (nicht Interpretationen!) verführen sollten – eine Entführung ins Archaisch-Animalische: «schampa wulla wussa olobo».

Dada begann «auf dem Grunde des Rheins» mit den Lauten seiner Töchter: «Weia! Waga! Wagalaweia! Wallala weiala weia!» Kein Zufall, dass T.S. Eliot im «Waste Land» diesen krypto-dadaistischen Lautbestand der Moderne zuschlug.

Dada theatralisierte sich in dem Masse, wie es sich entpolitisierte. Die letzten Dada-Soiréen in Den Haag und Paris im Jahre 1923 setzten nur noch auf spasshaftes Spiel. Allein Schwitters versuchte, politisch zu bleiben, genauer: Das Politische weiter ins Spiel zu bringen. Seine Verfassung trug den Namen MERZ.

Jazz, chant nègre und rotierende Monokel: dazu Erik Saties «Ragtime Parade»: Der zivilisatorisch deformierte Mensch griff zu den Masken Marcel Jancos und spielte mit den Marionetten, die Sophie Taeuber und Hans Arp für eine Aufführung von «König Hirsch» nach Carlo Gozzi angefertigt hatten. (Man vergegenwärtige sich einmal, dass ausgerechnet Johannes Brahms lange Zeit mit dem Gedanken umging, «König Hirsch» als Oper zu bearbeiten!).

Dada entsprach der Verbindung von Zynikern und Humanisten: Theodor Däubler stimmte auf dem Kurfürstendamm am Tage der Kriegserklärung des Kaisers die Marseillaise an. Und Ludwig Rubiner glaubte an den Sieg der Gewaltlosigkeit. Ferdinand Hardekopf schrieb jahrelang an einem Buch über «Die Dekadenz der Deutschen Sprache» – ein gross angelegter Entwurf, der auf die «Säuberung» des Deutschen von jeglichen Kriegs- oder Gewaltbegriffen zielte. Und Schwitters wollte nach seiner Emigration nach England auf Deutsch allenfalls noch niesen.

Vom Lautgedicht «Karawane», das Hugo Ball am 23. Juni 1916 in kubistischem Kostüm vortrug bis zur surrealen Ironie von Kurt Schwitters’ «Anna Blume» und seiner Ursonate und dem Ready-made von Duchamp – das Radikale an diesen Anti-Werken war ihr unbedingter Wille zur Exhibition.

Buchstäblich alles galt diesen Anti-Künstlern als ausstellungsfähig, jeder Spleen, jede Marotte, jeder (Ent-)Wurf,

jeder Bruch mit Überlieferung, gleich welcher Art.

Und wir? Sollten uns nicht zieren, wenn es darum geht, die gespaltenen Schatten Dadas an unsere ohnehin zerschlissenen Fahnen zu heften.

Rüdiger Görner, geboren 1957 in Rottweil am Neckar, lebt seit 1981 in London. Er ist Professor für Neuere Deutsche Literatur und Kulturgeschichte an der Aston University, Birmingham, sowie Direktor des Institute of Germanic Studies der University of London. Im September dieses Jahres erscheint im Patmos Verlag sein neues Buch «Londoner Fragmente».

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