Wozu eigentlich studieren?

Neugier erst schafft die Leidenschaft, sich auf die Mühen des Verstehens einzulassen. Alles andere ist bloss Fortsetzung der Schule mit ihren Qualen und Pflichten. Einige kritische Gedanken. Und dazu ein Manifest für den zeitgenössischen Studenten.

Wozu eigentlich studieren?

Die Eltern wollen, dass man einen «anständigen Beruf» anstrebt. Viele junge Leute setzen dies gleich mit «Karriere». Doch ist ein Studium bloss eine Eintrittskarte für höhere Einkommensschichten?

Wenn ich mich heute entscheiden sollte, zu studieren, würde ich das gleiche tun wie 1974: das studieren, was mich immer schon interessiert hat. Ich entschied mich damals zwar für Volkswirtschaftslehre, weil ich Karl Marx verstehen wollte. Aber: aus Langeweile über das tatsächliche Studium begann ich schon bald, in die Philosophie zu gehen, um mich dort nach den Ideen anderer kluger Köpfe zu erkundigen. Überhaupt: wir Neustudenten haben damals nicht an der, sondern die Universität studiert – wir haben wohl ein Fach als Ausgangsbasis gewählt, aber sonst alles, was uns irgendwie interessierte, in allen Fakultäten, die uns interessierten. An einen Beruf hat bei der Wahl des Studiums damals kaum jemand wirklich gedacht. Zu studieren bedeutete, ein Geistesleben zu beginnen.

Was damals die Regel war, ist heute die Ausnahme. Die Uhren ticken 2012 anders als 1974: Auf das Studium folgt oftmals eher eine Serie von Praktika als ein geregelter Beruf, die Berufswahl gestaltet sich ob des grösseren Angebots unübersichtlicher, ebenso die Wahl des Studienfachs, das einen heute für den Beruf qualifizieren soll. Ich kenne genug Studenten, deren einziges Ziel es ist, ein Examen zu machen, ergo: ein Zer­tifikat anzustreben. Sie besuchen Seminare, um Prüfungen zu machen. Vermeintliches Ticket um Ticket. Vermeintliche Eintrittskarte um Eintrittskarte. Das abgeschlossene Studium als reiner Karrieretreiber!

Bologna

Diese Haltung wird verstärkt durch die modernen Universitäten, die in den letzten Jahren verstärkt zu verlängerten Schulen geworden sind, deren (Bologna-)Program­m­­ziel heisst: Ausbildung.

Viel Wert wurde deshalb auf Verwertbarkeit und Klassifizierung des Wissens und der Studenten gelegt, was sich in Studien- und Lehrplänen, in Punktetabellen und Scheinen manifestiert und in der Gesamtheit nicht unbedingt den Eindruck hinterlässt, den einzelnen in seiner Selbstbestimmung – seiner Selbstausbildung also – zu unterstützen. Bologna ist die Kopie einer angloamerikanischen Auffassung von Ausbildung in europäischer Anpassung, zugespitzt: reine fachliche Kompression zum Zertifikateerwerb. Die Folgen: grosse Veranstaltungen, wenig Kontakt zwischen Professoren und Studenten, viele Prüfungen, grosse Stoffdichte, educational stress. Da jedes Modul selber geprüft wird, gibt es keine übergreifenden Prüfungsfragestellungen mehr. Die enge Fachlichkeit dominiert, die universitäre Atmosphäre des freien Denkens ist für junge Studierende kaum mehr spürbar.

Das alles läuft unter der vorgeschobenen Prämisse, dass der Bachelor (BA) kurz und knackig «auf die Praxis» vorbereiten soll – wobei ich bis heute kaum einen Kollegen kenne, der dazu in der Lage wäre. Allein schon aus dem Grund, weil niemand «die Praxis» wirklich kennt. Das ist kein Vorwurf an die Kollegen, sondern nur ein Hinweis darauf, dass Universitäten eigentlich etwas ganz anderes vorbereiten als Praxis: nämlich den Umgang mit Theorien, mit Wissenschaft, mit Weltbildern. Ausbildung ist gut und richtig, aber an den Orten, an denen sie tatsächlich geschehen kann: in den Unternehmen, Organisationen, Verwaltungen, Verbänden etc., also dort, wo die Universitätsabgänger später landen. Universitäten bilden: Weltbilder.

Wissen ist nicht Wissensmanagement

Vielen gelingt es, auf diese Art ihr Studium «durchzubringen». Viele der heutigen Studenten wissen etwas – aber nichts damit anzufangen. Sie degradieren sich selbst zu ungebildeten kognitiven Speichern mit zunehmenden Verlustraten – ich bin deshalb immer wieder erschrocken über den Mangel an geistiger Navigationsfähigkeit derer, die so ihre Examina beendet haben. Um nämlich etwas über längere Zeit sinnvoll einsetzen zu können, muss man sich damit identifizieren, es muss einen bewegen und erfüllen. Nur so hält es sich im Neocortex – und auch in der Seele.

Wissen kann man sich als intellectual fast food aus den Netzen und Datenbanken besorgen: (fast) alles, was man will. Was aber davon relevant ist, was man tatsächlich braucht und wie man es, aus…

Investiere in dich! Studenten als Unternehmer ihrer selbst
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Heinrich von Kleist, Nick Hayek, Mark Zuckerberg – sie alle haben ihr Hochschulstudium frühzeitig hingeschmissen. Sie sahen ihre wertvolle Zeit und Energie anderswo besser investiert, verfolgten eine «freie Geistesbildung» oder gründeten ein Unternehmen. 72 Prozent der Studenten an Schweizer Hochschulen gehen einen anderen, manchmal ebenso abenteuerlichen Weg. Zum Beispiel Fabian. Er beklettert überhängende Wände und […]

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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