(0) «Worst Case»

Zwischen Angst, Alarm und Gelassenheit

Der worst case ist ein Kind jenes Glaubens, über die Zukunft lasse sich etwas in Erfahrung bringen. Er ist eine Fiktion dessen, was passieren kann, jedoch nicht zwangsläufig muss. Der worst case lebt in unserer Phantasie, bildet das Fazit unter den Zahlenkolonnen von Statistiken und wird in Risikoabschätzungen mit Prozentwerten versehen. Zu unserem Glück tritt er selten so ein, wie wir ihn erwarten. Zu unserem Unglück passiert dafür früher oder später immer etwas anderes, von dem wir dann sagen: «Schlimmer hätte es nicht kommen können». Wobei Murphys Freundeskreis weiss: «When things just can’t get any worse, they will.»

Über Jahrtausende lag unser Schicksal in den Händen der Götter. Die stimmte man mit Opfern gnädig; in Krisenzeiten half das Orakel. Viel tun konnte man nicht. Die Tragödien nahmen ihren vorbestimmten Lauf. Erst in der Neuzeit verloren die meist launenhaften Gottheiten an Einfluss gegenüber der kühlen Vernunft; Theologie und Naturphilosophie traten zu Gunsten der modernen Naturwissenschaften zurück. Der Mensch entwickelte die Idee, der Schmied seines eigenen Schicksals zu sein.

Das deutsche Wort «Risiko» hat seine Wurzel im volkslateinischem «risicare», das «Klippen umschiffen» bedeutet. Soll das gelingen, muss man nach vorne blicken und in der Vorstellung vorwegnehmen, was passieren könnte. Doch was für den Kundigen leicht umschiffbare Riffe sind, ist für den, der die Gewässer nicht kennt, ein worst case. Jeder Mensch, jede Kultur, jede Epoche hat eigene Vorstellungen vom Allerschlimmsten. Das Schlimmste, was sich hier und jetzt ereignen kann, ist für jeden etwas anderes und ändert sich mit der Situation. Die Laufmasche in dem Moment, in dem die Diva die Beine aus der Limousine schwenkt, kann für ihren Aufritt bei der Gala den worst case darstellen. An diesem Abend kümmert sie sicher nicht an den GAU, der eintreten kann, wenn im Atomkraftwerk der Nachbarstadt die Brennstäbe schmelzen und eine unkontrollierte Kernspaltung ihren verheerenden Lauf nimmt.

Bei Angst vor der Zukunft greifen wir gerne zur Kalkulation oder verlassen uns auf unsere Intuition. Man kann zurück in die Vergangenheit blicken, ihre kleinen und grossen Katastrophen zählen und rechnend das Risiko für die kommenden daraus ableiten. Oder man kann der Meinung sein, die Zukunft bleibe ungewiss, auch wenn wir die Vergangenheit kennten. Dann bleibt nur der Instinkt. Eine Null-Prozent-Risiko-Strategie existiert in keinem Fall. Doch eine unbedingte Gewissheit gibt es immerhin – von John Maynard Keynes auf den Punkt gebracht: «In the long-run we are all dead.»

(2) Worst Case als Show

Ökokatastrophe, Globalisierungsverlierer, Vergreisung der Gesellschaft: hinter der Beschwörung von Worst-Case-Szenarien können handfeste Interessen stehen. Bewahrung und bestenfalls Anpassung des Bestehenden sind die Folge, auf Kosten von Kreativität und der Suche nach neuen Lösungen.

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Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»