Wolke um Wolke

Das Aargauer Kunsthaus zeigt «Die Erfindung des Himmels»

Seite für Seite hat William Turner um 1818 die verschiedenen Zustände des Himmels skizziert. Das Skies-Sketchbook des englischen Landschaftsmalers ist in der aktuellen Ausstellung «Wolkenbilder. Die Erfindung des Himmels» im Aargauer Kunsthaus zu sehen. Als kleiner Junge hätte er stundenlang auf dem Rücken gelegen und den Himmel betrachtet, erzählte Turner als alter Mann. Dann sei er nach Hause gegangen und habe gemalt, was er gesehen hätte. Das Gesehene hat Turner zu einem der ausdruckstärksten Maler von atmosphärischen Erscheinungen, von Licht und Luft werden lassen.

Doch Wolken beschäftigten die Maler schon viel früher. Von Jacob van Ruisdael bis Ger van Elk skizzierten, zeichneten, malten, bildeten, photographierten, komponierten Künstler während 350 Jahren Bilder von Wolken und Bilder wie Wolken. In Aarau kann nun Wolke mit Wölkchen verglichen werden. Es beginnt mit Jacob van Ruisdael, der im Goldenen Zeitalter der Niederländischen Malerei, im 17. Jahrhundert, Wolken in so grosser Vielfalt malte wie niemand sonst. Ihren nächsten Höhepunkt erreichte die Wolkenmalerei um 1800 in England, wo Wissenschafter die ersten Studien zu Wolkenformationen vorlegten. Sogleich übernahmen die Künstler, allen voran William Turner und John Constable, die wissenschaftlichen Erkenntnisse in ihre Malerei. In Deutschland hatte Johann Wolfgang von Goethe schon vor der Jahrhundertwende täglich das Wetter studiert, gezeichnet und genaue Messungen vorgenommen. Auch in Frankreich entdeckten die Maler den Himmel und verliessen ihre Ateliers, um wirkliche Himmel zu malen, en plein air. Mit der Erfindung der Photographie verlor die Kunst ihre Bedeutung für die Wissenschaft. Statt abzubilden, versinnbildlichten Wolken neue Inhalte. Ferdinand Hodler malte Wolken als Wiege und Krone majestätischer Berge, Piet Mondrian machte sie zu Protagonisten seiner Malerei. Ausgehend von Gestalt, Wandlung und Symbolgehalt der Wolke und später wieder darauf zurückkommend, zeigt das Aargauer Kunsthaus die Kunst des 20. Jahrhunderts mit Werken von Hans Arp, Meret Oppenheim, Sam Francis, Mark Rothko oder Gerhard Richter, um nur einige zu nennen.

Eine der jüngsten Arbeiten, die in Aarau zu sehen sind, hat Nanne Meyer geschaffen. 320 Büttenpapierchen, fünf mal acht Zentimeter gross, sind in wolkenartig wechselnder Dichte mit Stecknadeln über zwei Wände eines hellen Raumes verteilt. «Leicht bewölkt» heisst die Arbeit aus dem Jahr 2000. Mit jedem Luftzug bewegen sich die an der Wand hängenden Papierchen. Jedes ist bemalt, bekritzelt oder beschriftet. Einzelne Gedanken hat Nanne Meyer aufgeschrieben oder ganz klein aufgezeichnet. Manchmal sind es nur gemalte Eindrücke, die wegen des Hellblaus oder Dunkelblaus der Tinte als heiter oder düster erahnt werden können. Manche sind mit schwarzem Kugelschreiber ganz dicht verkritzelt, erinnern an eine Russwolke. Es braucht nur einen Windstoss, um die kleinen Notizzettelchen davonzuwehen. Auf einem Papierchen steht: «die Sprache des Himmels, deren Worte die Wolken sind».

Die Ausstellung «Wolkenbilder. Die Erfindung des Himmels» ist in Zusammenarbeit mit dem Bucerius-Kunstforum und dem Jenisch-Haus in Hamburg entstanden. Nicht mehr und nicht weniger als die Wolkenmalerei der europäischen Kunst zu versammeln und zu veranschaulichen war geplant. Neben der Kunst beansprucht die Wetterkunde einen Teil der Ausstellung. Immer wieder wird deutlich, wie sehr die Kunst im Dienste der Wissenschaft und die Wissenschaft im Dienste der Kunst stand, besonders vor Erfindung der Photographie. Zwei Kataloge begleiten die Schau mit Beiträgen aus Kunstgeschichte, Literatur und Meteorologie. All das für «ein wenig Feuchtigkeit, hoch oben», wie Hans Magnus Enzensberger in seiner Geschichte der Wolken schreibt.

Die Ausstellung «Wolkenbilder» ist bis zum 8. Mai 2005 im Aargauer Kunsthaus, Aarau, zu sehen (www.ag.ch/kunsthaus).

Roswitha Feger, geboren 1974, studierte Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians Universität in München. Zur Zeit absolviert sie eine Nachdiplomstudium an der Schweizer Journalistenschule in Luzern.

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Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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