Wohnen am Wasser

Wohnen am Wasser

Ein halbes Leben sitze ich in meiner Kartause überm Strom, sehe aufs Wasser, das vorbeizieht, ohne je die Richtung zu ändern. Stets fliesst es von rechts nach links, und sein Strömen zeigt mir hartnäckig die Vergänglichkeit: jeder Wirbel, kaum dass ich ihn sehe, ist schon nicht mehr, jede Welle bereits verebbt. Woher nehme ich also die Zuversicht, Tag für Tag das Schreiben dagegenzusetzen, durch Wörter die Augenblicke festhalten zu wollen, durch Sätze, die von links nach rechts laufen, die rasch fliessende Zeit aufzuhalten?

Der Fluss und ich haben das freundschaftliche Verhältnis von Gegnern, die sich aneinander abgearbeitet haben. Wenn ich am Morgen auf die Veranda trete, um die Kaffeemaschine in Gang zu setzen, die meine Lebensgeister mit Süsse, Schwärze und heisser Flüssigkeit aus den Schlaf- und Traumwelten in den Alltag hinüber geleiten soll, sehe ich kurz aufs Wasser. Der Strom in seinen Ufern ist wie ein Tier, dass da im Frühlicht mit grauem Rücken vorbeizieht. Was für eine Insistenz, murmle ich, und kann doch an manch einem Morgen nicht leugnen, dass dieses Fliessen von einer grandiosen Schönheit ist, vielleicht gerade, weil nichts bleibt, wie es ist und kein Beharren vorgespiegelt wird. Gespiegelt aber wird die Mauer am gegenüberliegenden Ufer, die Büsche und die Pappelstämme, ein weitausgreifender Weidenbaum, bewegt vom Wind, bewegt vom strömenden Wasser. Und in dieser frühen Stunde leuchten Fenster als tiefe Lichter in den Schattenflächen. Trink deinen Kaffee, sage ich mir, sei froh, dass auch der nach unten fliesst und mach dich wieder an die Arbeit, die Vergänglichkeit aufzuhalten, mittels Buchstaben und Wörtern, die mit eigensinniger Insistenz von links nach rechts ziehen.

Nun ist es nicht so, dass ich dauernd schreiben würde. Die Musse bringt eine wunderbare Verlangsamung mit sich, ja ein Innehalten, und ich sitze in meiner Klause auf der Veranda, trinke den Kaffee, schaue über den Tassenrand aufs Wasser und philosophiere, wie es wohl möglich sein könnte, das Wasser schreibend aufzuhalten. Doch da wird mein Blick auch schon vom Strömen mitgezogen, treibt flussabwärts, wo aus Dunst und Frühe das Stauwehr herauftaucht, ein steinerner Riegel, und ich schüttle verwundert den Kopf. Nicht nur schreibend, auch mit aller Technik und wahrscheinlich mit den meisten unserer Tätigkeiten versuchen wir, die Vergänglichkeit aufzuhalten, und wenn der Strom schon als Metapher taugen soll, dann haben wir seit rund hundert Jahren nicht nur alle Flüsse bis zum Stehen gestaut, sondern auch unsere eigene Vergänglichkeit. Sie soll so langsam fliessen, dass wir es nicht merken. Die Jugend hört nie auf, und das Alter beginnt erst nach dem Tod. Keine schäumende Turbulenz, die alle Zeit in einen Strudel niederreisst, so wie der Wasserfall, der einstmals unter meiner Veranda getost und geschäumt haben soll. Doch als Spiegelungen auf der künstlichen, der virtuellen Oberfläche, da können wir nicht genug von Turbulenz und «Fällen» bekommen, stürzen uns froh in Abgründe, wenn uns ein Sicherungsseil hält, erklimmen die Stratosphären, wenn es im Flugsimulator geschieht. Und ich schlucke an meinem Kaffee, während mir bewusst wird, dass dort unten beim Kraftwerk aus dem Strom der «Strom» entsteht, der fort in Drähten fliesst: Elektrizität, die wortwörtlich für das Aufregende, Hektische der Moderne steht, die uns von Neuigkeiten «elektrisiert» sein lässt und meine Seele klammheimlich elektrifiziert hat. Denn wie soll ich, bitte sehr, schreibend gegen die Vergänglichkeit angehen, wenn nicht mit einem Laptop, der auch Bilder verwaltet, Musik speichert, Filme abspielt, mein Leben virtuell beschleunigt, weil es so langsam, so langweilig vergeht?

Zeit, sich an die Arbeit zu setzen. Ich stelle die Tasse weg, fahre den Computer hoch. Doch während ich schreibe – von links nach rechts – habe ich manchmal das Gefühl, auch der Strom in seinen Ufern könne lachen,…

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