Wohlwollende Nichtbeachtung

Wie kommt es, dass in der Schweiz vier Sprachgemeinschaften friedlich zusammenleben? Liegt es an der hohen Sprachkompetenz? Am wechselseitigen Respekt? Weit gefehlt! Der Grund ist viel profaner…

Die Schweiz wird ihrer Viersprachigkeit wegen oft gelobt. Oder genauer: sie wird gelobt, weil sie trotz ihrer kulturellen Vielfalt politisch stabil ist. Für die meisten mehrsprachigen Staaten westlicher Prägung gilt dies nicht. Jugoslawien und die Tschechoslowakei sind zerbrochen, Belgien bröckelt, in Kanada gibt es eine frankophone separatistische Bewegung, und die Spannungen zwischen Barcelona und Madrid nehmen zu. Die Tatsache, dass drei der schweizerischen Sprachen gleichzeitig Nationalsprachen der Nachbarländer sind, liesse auch hierzulande separatistische Bewegungen erwarten. Doch davon ist keine Rede. Was also ist das Geheimnis der Schweiz?

Der Erklärungsversuche sind viele. Der Föderalismus begünstige das friedliche Zusammenleben, wird gesagt. Allerdings war auch Jugoslawien föderalistisch, Belgien und Kanada sind es ebenfalls, und Katalonien geniesst beträchtliche Autonomie.

Andere Beobachter verweisen auf eine historisch bedingte generelle Präferenz der Schweizer für Unterschiede und Differenzen. Dabei scheinen sie zu übersehen, dass diese Erklärung einem Zirkelschluss recht nahekommt.

Die Politikwissenschafter wiederum betonen, dass in der Schweiz verschiedene Grenzen nicht zusammenfallen, sondern sich überkreuzen: die Sprachgrenzen, die Konfessionsgrenzen, die Kantonsgrenzen und die Grenzen zwischen Berggebiet und Mittelland. Doch Ähnliches galt etwa auch für Jugoslawien. Umgekehrt bildet in der Schweiz der Röstigraben nicht nur eine Sprachgrenze, sondern er trennt auch oft bei aussen- und sozialpolitischen Abstimmungen. Sowohl die Welschen als auch die Tessiner klagen fortwährend über die Deutschschweizer Dominanz.

Bis in die Gegenwart hinein waren zudem die katholischen Kantone – von wenigen Ausnahmen abgesehen – wirtschaftlich eher schwächer entwickelt als die protestantischen. Und nicht zuletzt: politisch stabil ist dieses Land erst seit dem Zweiten Weltkrieg; vorher gab es immer wieder heftige Auseinandersetzungen zwischen Stadt- und Landorten, zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Bauern und städtischen Oligarchien und zwischen Arbeitern und Kapitalisten. Die moderne Schweiz ist das Resultat eines Bürgerkriegs.

Der Hauptgrund dafür, dass die Mehrsprachigkeit nie zu einem grösseren Problem geworden ist, muss also anderswo liegen. Meine These: die Schweiz pflegt in bezug auf die Sprachenfrage einen benign neglect, eine wohlwollende, aber bewusste Nichtbeachtung.

Das klingt zunächst einmal nicht sehr überzeugend. Wird nicht im Feuilleton und in den Leserbriefspalten die Sprachenfrage immer wieder thematisiert, der Röstigraben periodisch beschworen? Wird nicht beklagt, das Rätoromanische sei am Verschwinden, und es sprächen schon dreimal mehr Leute in der Schweiz Serbokroatisch als alle fünf Idiome des Rumantsch zusammen? Führte nicht unlängst «Frühenglisch» versus «Frühfranzösisch» zu erregten Debatten? Beklagen sich die Welschen nicht immer wieder darüber, dass die Deutschschweizer Schweizerdeutsch sprechen?

In der Tat – die Sprachenfrage ist virulent. Aber – sie wird bewusst nicht auf die politische Agenda des Bundes gesetzt. Das meinen wir mit dem helvetischen benign neglect. In Belgien dagegen beherrscht die Sprachenfrage die Agenda in Brüssel und führt gar zur Sprengung von Regierungskoalitionen.

Hat diese Form der wohlwollenden Nichtbeachtung in der Schweiz Tradition? Wie ist es dazu gekommen?

Die Alte Eidgenossenschaft war einsprachig deutsch, ein oberdeutscher Bund, in dem vielerlei alemannische Dialekte gesprochen wurden. Freiburg, das 1481 zum Bund stiess, war zwar zweisprachig, doch bis 1798 war Deutsch die Amtssprache. Nun gab es allerdings Untertanengebiete, in denen Französisch oder Italienisch gesprochen wurde. Abgesehen davon war Französisch die Sprache der Berner Patrizier, und viele Innerschweizer waren – als Verkäufer von Käse und Vieh in Mailand – des Italienischen mächtig. Auch den Reisläufern waren verschiedene europäische Sprachen geläufig. Den Untertanen wurden also ihre Sprachen belassen, und sie konnten in ihrem eigenen Idiom mit den Gnädigen Herren verkehren.

Das war jedoch damals keine Besonderheit; denn bis ins 18. Jahrhundert hinein war es eher Regel als Ausnahme, dass Herrschaftsgebiete sich über verschiedene Völker und Sprachen erstreckten. Es gab in der Schweiz Jahrhunderte lang vielerlei Anlässe für Streit und Krieg – die Sprachen gehörten nicht dazu.

Spannender wurde es dann im 19. Jahrhundert,…

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dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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