Wo Somalia funktioniert

Somalia gilt als klassischer «Failed State». Dabei sind im ostafrikanischen Land lokale Alternativen entstanden, die eine Grundversorgung mit Gütern und Dienstleistungen ermöglichen. Über Governance jenseits eines Zentralstaates.

Wo Somalia funktioniert
Die «KEEPS Crew»: Kaafi Enterprise for Environment Protection and Sanitation ist eine private Firma, die gegründet wurde, um den städtischen Müll von Hargeisa zu sammeln, zu befördern und zu entsorgen. KEEPS sammelt zurzeit ungefähr 38– 45 Tonnen Müll pro Tag. Bild: One Earth Foundation.

In politischen Gesprächen wird Somalia schnell zum Negativbeispiel: fehlt eine starke Zentralregierung, versinkt ein Land im Chaos. Schliesslich handelt es sich bei dem ostafrikanischen Land, glaubt man weitverbreiteten Vorstellungen, um den hartnäckigsten «Failed State» überhaupt, einen Ort, in dem es an allem mangelt, an Bildung, Nahrung und Sicherheit.

Die Auffassung, dass Somalia keine Zentralregierung besitzt, ist falsch – auch wenn die Reichweite der Regierung in der Tat begrenzt ist. Der Einfluss der Zentralregierung ist im Umkreis der Hauptstadt Mogadischu am stärksten und nimmt rapide ab, je weiter man sich von dieser Region wegbewegt. Das bedeutet allerdings nicht, dass ausserhalb der Einflusssphäre der Regierung keine Regierungsstrukturen existieren würden. Es gibt sie, wenn auch hauptsächlich auf lokaler Ebene. Verschiedene Regionalregierungen operieren in Somalia mit einem unterschiedlichen Grad an Unabhängigkeit und Effizienz.1 Die Spanne reicht von der faktisch unabhängigen Region Somaliland (welche die Anerkennung als Staat anstrebt) bis hin zu Gegenden, die sich in der Hand der militanten, der Al-Qaida nahestehenden Bewegung Al-Shabaab befinden oder in denen sich Regionalregierungen weiterhin schwer tun, ihre politische Kontrolle zu etablieren.

Für die Somalier ist dieses Patchwork aus unterschiedlichen politischen Systemen nichts weiter als Alltag. Es stimmt, dass das Land die Gefahren aufzeigt, die das Fehlen einer funktionierenden Zentralregierung mit sich bringt. Der Fall Somalia beweist allerdings zugleich, dass die Menschen auch in Regionen, aus denen sich der Staat mehr oder weniger zurückgezogen hat, einen Weg finden können, ihre kollektiven Probleme zu lösen. In vielen Gegenden Somalias hat sich die Zivilgesellschaft selbst organisiert, um die Versorgung mit öffentlichen Gütern zu organisieren. Das ermöglicht den ungefähr zehneinhalb Millionen Bürgern des Landes einen Alltag, der sich von dem von Bürgern entwickelterer Staaten nicht so stark unterscheidet, wie man vielleicht erwarten könnte. Private Firmen und kleine Lokalregierungen bieten grundlegende Dienstleistungen wie eine Müllabfuhr oder Trinkwasserzugang. Sie haben die Rolle übernommen, welche normalerweise dem Staat zukommt. Beispiele dafür liefert der somalische Energiesektor. Eine Studie hat die Struktur der somalischen Elektrizitätsversorgung untersucht und kam zum Ergebnis, dass die Somalier ihren Strom hauptsächlich von kleinen, unabhängigen Produzenten beziehen.2 Die grosse Zahl an Produzenten ermöglicht es immer mehr Menschen, überhaupt mit Strom versorgt zu werden. Leider bleiben die Preise erhöht und die Versorgung ist teilweise lückenhaft.

Das Fehlen einer Zentralregierung hat also im Fall Somalias nicht zu einem Mangel an Governance geführt.3 Wenn es um die Versorgung mit öffentlichen Gütern und den Umgang mit kollektiven Problemen geht, gelingt es der somalischen Zivilgesellschaft oft, in die Bresche zu springen, wo staatliche Institutionen versagen.4 Das gilt vor allem auf der kommunalen und lokalen Ebene. Professor Ken Menkhaus vom Davidson College zufolge sind die somalischen Städte und Kommunen aussergewöhnlich effektiv darin, für eine «flexible, inklusive, hybride Governance» zu sorgen.5 Alles in allem fällt der Unterschied zwischen der Lebensqualität in Somalia und der Lebensqualität in anderen Ländern geringer aus, als man gemeinhin annimmt. Letztes Jahr stellte das Immigration and Refugee Board of Canada denn auch in einem Bericht fest, dass viele ausgewanderte Somalier inzwischen in ihr Land zurückgekehrt seien, nachdem sich die Sicherheitssituation vor Ort verbessert habe.6

 

Der Weg in die Zukunft

Das bedeutet keineswegs, dass die Aussichten des Landes rosig sind. Denn eine lokale, Bottom-up-Governance ist in ihrer Handlungsfähigkeit zwangsweise eingeschränkt. Lokale Systeme, die auf spezifischen Institutionen und kleinen Communitys aufbauen, können nicht skalieren. Auch das langfristige Planen oder die Koordination mehrerer Institutionen bleibt eine Herausforderung. Die oben erwähnte Studie zum Beispiel ergab, dass der Strom, der von lokalen somalischen Akteuren bereitgestellt wird, bereits in den grossen Städten nur eine Abdeckung von 60 Prozent erreicht. Diese Zahl sinkt in kleineren Städten auf ungefähr 23 Prozent. Auf dem Land sind viele Gegenden noch kaum elektrifiziert. In…