Bild: Reddit.

Wo neoliberal kein
Schimpfwort ist

Auf einer Forenplattform diskutieren fast 140 000 selbstbekennende Neoliberale über Politik und Wirtschaft.

Neoliberal ist vielleicht das ultimative politische Schimpfwort der Stunde. So hatte unter anderen der französische Politiker Jean-Luc Mélenchon den Neoliberalismus im Parlamentswahlkampf zum Endgegner erklärt. Auf der Forenplattform Reddit gibt es jedoch Tausende, welche sich mit dem Begriff identifizieren. Die Nutzer des Forums r/neoliberal beziehen sich dabei bewusst auf das Walter-Lippmann-Kolloquium von 1938, zu dessen Teilnehmern neben dem namensgebenden Publizisten auch die Ökonomen Friedrich von Hayek und Alexander Rüstow gehörten. Letzterer wollte den Freiheitsbegriff von der Laisser-faire-Politik abgrenzen und schöpfte anlässlich der Konferenz den Ausdruck des Neoliberalismus, der seither einige Male einen Bedeutungswandel durchmachte.

Die 138 000 Mitglieder umfassende Community auf r/neoliberal bekennt sich zum Freihandel, der Liberalisierung von Berufszulassungen und der Reduzierung von Bauzonenvorschriften. Es gibt aber auch Raum für Meinungsverschiedenheiten: So findet man im Forum von Thatcher- und Reagan-Fans bis zu Anhängern von Tony Blair oder Hillary Clinton sehr unterschiedliche politische Loyalitäten.

Die bewusste, spielerische Aneignung von Feindbildern endet nicht bei dem Begriff neoliberal: In der Sektion zu häufig gestellten Fragen bekennt sich die Gemeinschaft ironisch dazu, von George Soros finanziert zu werden. Der Investor ist ein häufiges Objekt von Verschwörungstheorien und antisemitischen Fabrikationen.

Die Plattform Reddit hat über 430 Millionen monatlich aktive Nutzer. Die meisten davon sind unter 30 Jahre alt. Neben r/neoliberal finden sich Foren zu allen möglichen Themen: r/worldnews, r/memes, r/gaming, r/music und r/politics gehören zu den aktiveren. Die meisten sind englischsprachig, es gibt aber auch Foren, welche bewusst auf andere Sprachen ausgelegt sind, so für Deutsch das Forum r/de. (mg)

«So spannend, dass man es gar nicht
abwarten kann, bis der Monat wieder vorbei ist.»
Hans-Werner Sinn, Ökonom,
über den «Schweizer Monat»