«Wo Geld ohne Geist ist, sät es nur Streit und Unheil»
Rolf Soiron, fotografiert von Philipp Baer.

«Wo Geld ohne Geist ist, sät es nur Streit und Unheil»

Einer der wichtigsten Schweizer Wirtschaftsführer der letzten Jahrzehnte blickt zurück. Er erklärt, warum die Elite eine wesentliche Mitschuld an der stark zunehmenden Regulierung trägt und warum der Kampf dagegen ein Kampf gegen zeitgeistige Windmühlen ist.

Herr Soiron, Sie gehören als unternehmerisch enorm erfolgreicher Intellektueller einer, wie mir scheint, immer kleiner werdenden, aber für die Historie der modernen Schweiz bedeutenden Zunft an. In Geschichte promoviert, übernahmen Sie bereits mit 28 eine Führungsposition bei Sandoz. Wie kam einer wie Sie in die Chemiebranche?
Das ist ganz einfach. Ich hatte zwar einen guten Job als Geschichtslehrer, wollte aber nicht noch 40 Jahre bis zur Pensionierung den immer gleichen Stoff – Geschichte, Latein, Deutsch – vermitteln. Die Chemie suchte damals Leute, denn es herrschte Hochkonjunktur. Sandoz zahlte mir 100 Franken mehr im Monat. Das war damals – wir reden von 1973 – viel Geld. Also: Ja, ich bin des Geldes wegen in die Chemie.

Wie hat sich die Rolle des Staates entwickelt, wenn Sie auf Ihre fast 50 Jahre in Führungspositionen zurückschauen?
Da hat es massive Veränderungen gegeben! Ich illustriere das ein wenig. Zu meinen Aufgaben bei Sandoz gehörte es, den Geschäftsbericht zu schreiben. Vergleichen Sie nur einmal den damaligen Umfang mit dem des heutigen Novartis-Berichts: Die paar Seiten von damals wurden durch ein Buch ersetzt. Zweites Beispiel: Als ich in den frühen 90ern zum ersten Mal in einem Verwaltungsrat sass, war «Compliance» für mich ein reines Fremdwort. Heute belastet und dominiert es die Arbeit vieler Verwaltungsräte. Dass das Bewusstsein gefördert werden muss, dass Regeln gelten: okay – aber inzwischen heisst Compliance allzu oft: Häkchen in Kästchen setzen, Listen und Protokolle führen etc. Verfahrensvorschriften werden immer wichtiger und überlagern, ja ersticken die Idee und den erwünschten «Outcome». Wie fragwürdig die bürokratischen Regeln des Staates geworden sind, erlebt derzeit mein Sohn: Wir wollen auf einem Grundstück einen Baum fällen. Das verbietet man uns, weil sein Stamm inzwischen einen Durchmesser von 20 Zentimetern erreicht hat. Hätten wir das Gelände ein paar Jahre früher gekauft, wäre der Baum ein paar Zentimeter dünner – und er hätte ihn fällen dürfen! Übrigens habe ich nachgeschaut: Der Begriff «Regulierung» wird erst in den frühen 1990ern im deutschen Sprachgebrauch üblich. Offenbar wurde das Phänomen erst damals relevant genug, dass man ein Wort dafür benötigte. Heute breitet sie sich immer weiter aus!

Wie kommt es dann, dass man von links Klagen darüber hört, der Kapitalismus sei heute ungezügelter denn je, die Ziele der «Neoliberalen» seien erreicht?
Erstens: Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Denkweisen in der Gesellschaft. Dabei greift «rechts» oder «links» zu kurz, denn wenn es der Rechten dient, versucht auch sie gerne, ihre Interessen regulatorisch durchzusetzen. Genauso rufen auch immer wieder sogenannte «Liberale» nach Regulierung, wenn es um ihre eigenen Interessen geht. Die Beispiele findet man in der Versicherungs- und Bauwirtschaft, auch in Big Pharma. Das wird von den Gegnern sehr wohl wahrgenommen und untergräbt damit die Glaubwürdigkeit «echter» liberaler Forderungen. Der konsequente liberale Ansatz wird eigentlich nur noch von Think Tanks, «Uninteressierten» und Intellektuellen vertreten. Zweitens muss man ja auch sagen, dass es das liberale Lager selber war, das einen Teil der Munition für immer neue Regulierungsforderungen produzierte: Unternehmerische Fehlleistungen wie Swissair oder Enron, Gehaltsexzesse oder die Finanzkrise von 2008,…