Wissen = Wikipedia?

Über eine Welt, in der alles und das Gegenteil von allem wahr ist.

Der Mensch ist ein mitteilungsbedürftiges Wesen. In den guten alten Zeiten konnten diese Bedürfnisse im Treppenhaus beim Schwatz mit den Nachbarn, am Arbeitsplatz neben der Kaffeemaschine und beim Stammtisch vor einem Bier befriedigt werden. Die Halbwertszeit der dabei gewonnenen Erkenntnisse war relativ überschaubar, sie endete meistens mit dem abschliessenden Satz: muss noch einkaufen, arbeiten, schlafen gehen. Wer einer grösseren Öffentlichkeit die eigene Meinung aufdrängen wollte, verfasste einen Leserbrief an sein Lokal- oder Weltblatt. Erfolgte sogar ein Abdruck, wurde das Werk sorgfältig ausgeschnitten, aufgeklebt, in eine Klarsichthülle gesteckt und im Treppenhaus, am Arbeitsplatz oder am Stammtisch herumgezeigt, bis nach oben gerollte Augen dem Verfasser klarmachten, dass er es nun mal gut sein lassen sollte. Ein darüber hinausgehendes Mitteilungsbedürfnis wurde relativ einfach begrenzt: Es kostete Geld.

Vorbei, verweht, nie wieder, seit das Internet interaktiv geworden ist. Damit traten Klatsch, Schwatz und Meinung ins Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit ein. Sie tun dies eher harmlos in Form von persönlichen Blogs oder Twitter. In einem Internet-Tagebuch, das von jedem technischen Laien mit wenigen Handgriffen aufgesetzt werden kann, werden Verwandte und Bekannte mit Mitteilungen belästigt, die früher völlig zu Recht unter Ausschluss der Öffentlichkeit und unter dem Titel «Mein liebes Tagebuch» geduldigem Papier anvertraut wurden. Tweets haben den Vorteil, dass jeder Unsinn seine Grenze bei 140 Anschlägen findet. Der angerichtete Schaden ist begrenzt. Auf der anderen Seite ist der Verbreitung der eigenen Meinung finanziell praktisch keine Grenze mehr gesetzt. Kostete früher der Massenversand eines Briefs zumindest Papier, Couvert und Porto, verstopft heute eine an alle@ adressierte E-Mail problemlos Hunderte oder gar Tausende von Eingangskonten. Gratis. Sie kann aber immerhin ohne grösseren Aufwand ungelesen gelöscht werden.

Unangenehmer ist bereits die Kommentar-Funktion auf elek­tronischen Medien-Plattformen. In der Gewissheit, dass nicht nur beim «Spiegel» oder beim «Tages-Anzeiger» die potenzielle Chance besteht, dass Zehntausende, sogar Hunderttausende die meistens völlig überflüssige eigene Meinung zur Kenntnis nehmen, meldet sich hier Volkes Stimme zu Wort. Opiniert, räsoniert, queruliert und erklärt auf Stammtischniveau die Welt. Interessant ist hier das Phänomen, dass sich meistens spätestens nach dem zehnten Eintrag das Thema des kommentierten Artikels weitgehend verloren hat und spätestens ab der zwanzigsten Wortmeldung mindestens ein Schreiber einem anderen Links- oder Rechtsradikalismus, die Verwendung von Nazi-Vokabular, Dummheit, Nachplappern, Uninformiertheit, Lüge und allgemein niedere Gesinnung vorgeworfen hat. Worauf sich dann ein wildes Gezanke und Gezeter unter den Kommentatoren entwickelt, das schon einen Tag später nicht mal sie selbst interessiert.

Psychohygiene und Schwarmintelligenz

Neben diesen möglicherweise sogar einen wertvollen Beitrag zur Psychohygiene leistenden Formen der Vervielfältigung von unnützen Ansichten unterscheidet sich das Internet aber in zwei Aspekten ganz wesentlich von früheren Formen des Meinungsaustauschs. Zunächst vergisst es nichts. Wer möchte schon gerne daran erinnert werden, was er vor sechs Jahren nach dem zuvielten Bier am Stammtisch gelallt hat. Glücklicherweise kommt man dort sehr selten in diese Verlegenheit. Anders im Internet. Eine selbst nur mässig gelenkige Suche mit Google, und schon ist jede Peinlichkeit, jede Dummheit, jede noch so gerne vergessene Äusserung wieder auffindbar, gnadenlos irgendwo gespeichert. Zwar nicht in Stein gemeisselt, aber reproduzierbar, original im Te­rabyte-Meer vorhanden, das irgendwo auf einem Server schwappt.

Ein zweiter Aspekt des Internets ist die Hoffnung auf die sogenannte Schwarmintelligenz. Also die Selbstkontrolle und dadurch resultierende Verbesserung einer Informationsplattform wie zum Beispiel Wikipedia. Wer Informationen im Netz sucht, geht davon aus, dass eine Google-Suche sozusagen alles zusammenkehrt, worauf man dann mit geschickten Handgriffen das wenig Brauchbare aus dem grossen Berg von Unfug und Datenstaub herausklauben muss. Ein Rückgriff auf Wikipedia mit ihren immerhin bereits rund 1,4 Millionen Einträgen alleine auf Deutsch sorgt doch für mehr Sicherheit, denn hier verbindet sich das Wunder Internet, jeder kann mitmachen, mit lexikalischem Anspruch. Es ist sozusagen ein sich selbst fortschreibender, korrigierender, dadurch immer verlässlicher funktionierender Organismus entstanden, die nächste Stufe der Wissensbereitstellung. Sagen jedenfalls die Anhänger des meistkonsultierten Nachschlagewerks der Welt. Mittlerweile hat selbst das Monument aller Nachschlagewerke, die Encyclopædia Britannica, ihre Web-Ausgabe zur Erweiterung für jedermann freigegeben. Demokratisch, frei, selbstregulierend.

Allerdings gibt es die Administratoren, Aufseher, Überwacher, die im besten Fall korrigierend, im schlechtesten Fall zensurierend eingreifen. Denn Freiheit ohne Grenzen führt auch hier zu Willkür, Unfug und Erkenntnisverlust statt -gewinn. Die Grenzziehung bei Wikipedia erfolgt durch an­onyme, nicht behaftbare und deshalb an einem Glaub­würdigkeitsdefizit leidende Administratoren, die zudem gratis arbeiten. Kritiker werfen dieser Art von Wissensvermittlung vor, dass sie nur einen Schritt von einer «Quantenenzyklopädie» entfernt sei, in der wahre Information zum selben Zeitpunkt existiert und gleichzeitig nicht existiert.

So verquer sind auch Erkenntnis und wenn wohl nicht ewige, so zumindest vermeintlich gesicherte Wahrheit ins Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit im Internet eingetreten. Noch nie war es so einfach, vom Schicksal der Andamanen bis zum Fortpflanzungsverhalten der Zwitscherschrecke, vom arabischen Frühling bis zum Zusatzabkommen zum Doppelbesteuerungsabkommen mit den USA mit wenigen Handgriffen alles zu erfahren. Falls man da auf eine bedauerliche Lücke stossen sollte, ist es jedem der rund 3 Milliarden Menschen mit Internetzugang freigestellt, sie zu füllen. Oder die 260 Millionen Webseiten um eine zu vermehren. Oder mindestens die 160 Millionen Blogs um einen zu ergänzen. Oder wenigstens den 300 Milliarden täglichen E-Mails einen kostenlosen Brief hinzuzufügen. Oder zumindest den 117. Kommentar zu einem entsprechenden Artikel im «Spiegel» oder «Tages-Anzeiger» zu posten. Hier verkommt das Internet zur Schwatzbude und Zeitvernichtungsmaschine, alle diese Plattformen werden ja ständig mit neuem Brei gefüllt. Gratis.

Und die Wahrheit?

Aber ist so der Informationsvermittlung, der Wahrheitsfindung, dem Erkenntnisgewinn gedient? Kaum. Schon die im Moment monopolartige Suchmaschine Google filtert mit einem streng geheimgehaltenen Algorithmus die Auswahl und Reihenfolge der Treffer einer Suche. Internet-Lexika werden von anonymen Administratoren kontrolliert. In der Tradition der katholischen Kirche, die versuchte, mit einem Index Librorum Prohibitorum ihre Schäfchen vor schädlicher Lektüre zu bewahren. Dazu gehörte Diderots Encyclopédie, natürlich Kant, und Jean-Paul Sartre schaffte es als einer der letzten zu einem Eintrag, bis das fromme Unterfangen 1966 eingestellt wurde. Dieser Index hatte aber immerhin den Vorteil, gut und böse, richtig und falsch für jeden erkennbar zu trennen. Mit nachlassender Dominanz der Kirche, die auf liebgewonnene Gewohnheiten wie Scheiterhaufen, Ketzerverbrennungen und Inquisition verzichten musste, war es jedem Leser freigestellt, sein ewiges Seelenheil durch die Lektüre solcher Werke zu gefährden. Oder eben nicht. Viel heimtückischer ist da das Internet. Wenn alle Wahrheiten gleichzeitig vorhanden sind, Wahrheit im Unendlichen verschwindet, dann ist alles wahr und gleichzeitig auch unwahr. Dann wurden die Anschläge vom 11. September von der CIA geplant, dem Irak und Bin Laden oder von allen zusammen. Dann gibt es eine jüdische Weltverschwörung und gab es keine KZ oder umgekehrt. Dann ist die Erde eine Scheibe und eine Kugel. Oder existiert nur in unserer Einbildung.

Gibt es in dieser allgemeinen Auflösung kein einziges Kriterium, das hilft? Vielleicht nur ein ganz banales: was nichts kostet, ist nichts wert. Das macht eigentlich nichts, wenn es sich lediglich um die eigene Meinung handelt.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»