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Unsere komplexe Welt verlangt nach neuen Formen der Kooperation. Wer sie einmal ersteht, will nie wieder anders arbeiten. Beispiele aus Schweizer Firmen.

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Nadja Schnetzler, photographiert von Laurent Burst.

Ein ganz normaler Arbeitstag bei der Firma Emmi im Schweizer Mittelland. 23 Informatikspezialistinnen und -spezialisten arbeiten gemeinsam mit weiteren 300 Mitarbeitenden mit Hochdruck daran, das gesamte Softwaresystem der Firma umzustellen. Von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends arbeiten sie an Teilen eines Gesamtprojektes, das in seiner Natur unübersichtlich und komplex ist und mit jedem Tag noch anspruchsvoller wird. Das für dieses Projekt umgerüstete Stockwerk einer ehemaligen Druckerei in Zofingen summt wie ein Bienenhaus, alle sind sehr beschäftigt und fleissig.

Doch der IT-Chef der Firma hat ein Problem: Seine 23 Leute sind gestresst, haben den Überblick verloren und reden kaum miteinander, weil sie mit der Arbeit selbst schon kaum nachkommen. In der E-Mail-Flut, die alle täglich produzieren, geht das grosse Ziel oft unter. Um die Situation unter Kontrolle zu halten, finden unzählige Meetings statt, in denen man versucht, die Komplexität zu zähmen; dabei entstehen aber immer mehr Abhängigkeiten, Fragen und Unübersichtlichkeiten. Das Resultat: Frust und Stress bei allen. Die Informatiker sind im Auge des Sturms und bekommen oft die Schuld an Situationen, zu denen sie wenig beigetragen haben. Wie, fragt sich der IT-Chef, soll es weitergehen?

Es ist eine Situation, wie sie viele Schweizer Unternehmen kennen. Sie stellen fest, dass sie mit ihren Organisationsstrukturen an Grenzen stossen: die Ressourcen scheinen trotz guter Ausstattung an allen Ecken und Enden nicht zu reichen, Mitarbeitende aller Stufen sind ausgebrannt, und trotzdem fallen ständig Dinge unter den Tisch. Überlastung in Organisationen ist keine Wohlstandsdekadenz, sondern für viele Unternehmen in diesem Land ein essenzielles und teures Problem. Woher kommen die Herausforderungen, die so vielen etablierten Firmen plötzlich zu schaffen machen? Und was soll das bedeuten, wenn es plötzlich überall heisst, es brauche «neue Formen der Arbeitsorganisation»?

 

Von der Industrialisierung zur Wissensgesellschaft

Eines gleich vorneweg: ein fertiges Rezept werden Sie hier nicht lesen. Im Gegenteil. Unternehmen brauchen eben gerade keine von oben oder aussen aufgedrückten Standards, sondern die Kompetenz, sich ständig zu verändern. Genau darum soll es hier gehen. Aber beginnen wir mit einer kurzen Analyse, warum die Unternehmenswelt gerade kopfsteht.

«Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen», sagte Max Frisch 1965 treffend über Gastarbeiter. Aber nicht nur Gastarbeiter(innen) wurden wie reine Arbeitsmaschinen behandelt. Die Betriebswirtschaft betrachtet seit Beginn der Industrialisierung Menschen grundsätzlich als kleine Zahnräder in Effizienzmaschinen namens Unternehmen. Das Ziel ist eine möglichst optimierte Arbeitsteilung, also das Herunterbrechen von grossen Prozessen in kleine Teilprozesse und das Zuordnen von Menschen zu diesen kleinen, oft eintönigen Schritten. Diese Strategie hat auch tatsächlich funktioniert: Unternehmen haben in den letzten Jahrzehnten immer schneller, billiger und spezialisierter produziert – mit entsprechenden Wohlstandsgewinnen für die Gesellschaft. Eine Zahnbürste, beispielsweise, kostet heute verhältnismässig viel weniger als noch 1950 – oder kann für denselben Preis viel mehr.

Doch seither hat sich die Welt grundlegend verändert und tut dies weiterhin in einem Tempo, das bereits für unsere Eltern atemberaubend war. Mittlerweile geht eine Minderheit der Menschen in der Schweiz einer produzierenden Tätigkeit nach. Stattdessen macht die sogenannte Wissensarbeit – zum Beispiel die Beratung, das Entwickeln von neuen Dienstleistungen oder das Programmieren von Software – einen wachsenden Teil der Erwerbsarbeit aus. Laut einer Schätzung der Universität St. Gallen ist heute bereits jeder zweite Erwerbstätige ein «Wissensarbeiter». Mit der voranschreitenden Automatisierung und Robotisierung von Betrieben und neuen Technologien sowie Innovationen wie 3D-Druck wird dieser Anteil noch erheblich steigen.

Das muss konsequenterweise drastische Auswirkungen auf Organisationen haben. Wissensarbeit findet in komplexen Systemen statt, also in einer hochvernetzten Umgebung, in der sich Parameter ständig verändern und in einer Weise wechselseitig beeinflussen, die kaum vorherzusehen ist. Es überrascht kaum, dass das alte Rezept des möglichst langfristigen und chefgesteuerten Planens solche Systeme regelmässig lahmlegt – die Welt…