Wirtschaftsentwicklung und Nachhaltigkeit

Bürgerliche Politiker fordern eine nachhaltige Sanierung der Bundesfinanzen, die Zürcher Kantonalbank schreibt auf der Titelseite ihres Leitbilds «Für eine nachhaltige Entwicklung». Der Begriff Nachhaltigkeit hat offensichtlich den Weg in die Alltagssprache gefunden. Nachhaltigkeit ist zum Modewort geworden, und sein Sinn droht sich zu entleeren. Was steht denn eigentlich hinter diesem Begriff?

Nachhaltigkeit wird heute vielfach als Synonym für etwas verwendet, das Bestand hat – etwas, das von kurzfristigen Turbulenzen oder Modeströmungen wenig betroffen ist. Gemäss der vielzitierten Brundtland-Definition aus dem Jahre 1987 ist eine Entwicklung nachhaltig, wenn sie «den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen». Diese Definition ist jedoch ziemlich vage und wird auch in der Wissenschaft unterschiedlich interpretiert. Wird sie von den Umweltwissenschaften oftmals als ein Synonym für ökologisches Verhalten – im Sinne der Erhaltung des natürlichen Kapitals – ausgelegt, verfolgen die Wirtschaftswissenschaften einen breiteren Ansatz.

Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftsentwikklung und Nachhaltigkeit stösst bei Ökonomen auf ein immer grösseres Interesse. Ein Ansatzpunkt ist die Übertragung des Konzepts des Kapitalstocks, wie er bei den natürlichen Ressourcen verwendet wird, auf neue Bereiche. Der Begriff des Humankapitals hat sich etabliert, die Idee des Sozialkapitals dagegen ist neueren Datums. Darunter versteht man «das durch formelle und informelle Institutionen konstituierte Beziehungsgeflecht, das die effiziente Überwindung sozialer – das heisst auch ökonomischer – Interaktionsprobleme erlaubt». Vereinfacht ausgedrückt, geht es um das Vertrauen der Menschen in unser Rechts- und Wirtschaftssystem und um soziale Werte und Normen. Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet folglich, dass man ebenso verantwortungsvoll mit dem Sozial-, Human- und Naturkapital umgeht, wie man es mit dem Finanzkapital tut.

Dieses Ziel kann auf dem Gesetzesweg verfolgt werden, was sich allerdings wegen der rasanten technischen Fortschritte in der Kommunikationstechnologie und der Globalisierung als äusserst schwierig erweist. Daher kommt hier der Selbstverantwortung der wirtschaftlichen Akteure eine wichtige Rolle zu – insbesondere der Finanzindustrie, die über ihre Kredit- und Anlagepolitik einen zentralen Einfluss auf die Allokation des Finanzkapitals ausübt. Dieses Konzept tönt etwas abstrakt, und es gibt auch nur wenige systematische Analysen zur Selbstverantwortung der Wirtschaft für eine nachhaltige Entwicklung. Diese Lücke wollen wir am CCRS, dem Center for Corporate Responsibility and Sustainability schliessen. Unsere Arbeit konzentriert sich dabei auf drei komplementäre Forschungsbereiche:

Erstens beschäftigen wir uns mit der Rolle des Finanzsektors, der in der Wirtschaft eine Schlüsselfunktion einnimmt. Ein Projekt befasst sich mit der Verantwortung der Pensionskassen, denen aufgrund ihrer längerfristigen Verpflichtungen die Nachhaltigkeit ein besonderes Anliegen sein müsste. Der zweite Schwerpunkt setzt sich mit dem Business Case für Corporate Responsibility im Finanzsektor auseinander. Schliesslich wird die Funktion des öffentlichen Sektors und der NGOs bei der Diskussion von Corporate Responsibility untersucht.

Erste Ergebnisse zeigen, dass die Wirtschaft dieser Verantwortung nicht aus altruistischen Motiven, sondern aus ökonomisch-rationaler Einsicht gerecht werden muss. Beim sorgfältigen Umgang mit den verschiedenen Kapitalien unserer Gesellschaft geht es letztlich um die Sicherung des gesellschaftlichen, marktwirtschaftlichen Systems. Wozu die Diktatur der Quartalsabschlüsse führen kann, haben wir bereits gesehen – und es war kein schöner Anblick.

Peter Buomberger ist Direktor des Center for Corporate Responsibility and Sustainability der Universität Zürich.

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